Ischingers Vermächtnis

Europa in Kriegsangst, ein unglückliches Foto und Korruptionsvorwürfe. Was bleibt von Wolfgang Ischinger? Ein Erfahrungsbericht von der Münchner Sicherheitskonferenz.

“Ich bin negativ. Das ist das Wichtigste”.

Wolfgang Ischinger seufzt erleichtert. An diesem Freitagmorgen trifft Ischinger in der Lobby des Bayerischen Hotels auf seinen persönlichen Referenten Jamel Flitti, der ihm in den kommenden drei Tage nicht mehr von der Seite weichen wird.

Das Ergebnis des PCR-Tests, den alle 600 Teilnehmer der 58. Münchner Sicherheitskonferenz in diesem Jahr zusätzlich zum Impfnachweis täglich durchführen müssen, fällt beim Konferenz-Leiter negativ aus.

Immerhin.

Sonst läuft es gerade nicht so gut für den 75-Jährigen.

Ausgerechnet auf seiner letzten Sicherheitskonferenz nach 14 Jahren an der Spitze häufen sich die Krisen.

Innen und Außen.

Diplomatisches Geschick ist für den Juristen von der Schwäbischen Alb, der Deutscher Botschafter in London und Washington war und dank einer Sondergenehmigung des Auswärtigen Amts weiter so genannt werden darf, in diesen Tagen auf mehreren Ebenen gefragt.

Seit 2008 leitet Ischinger die Konferenz, zu der regelmäßig Hunderte Präsidenten, Staatschefs und Minister aus der ganzen Welt nach München kommen.

Doch nie war die Kriegsgefahr so groß, so präsent. Und das mitten in Europa.

“Es ist die wichtigste und schwerste Sicherheitskonferenz in meiner Amtszeit”, sagt er.

 © dpa

In der Ukraine droht ein Krieg und ausgerechnet auf der Sicherheitskonferenz, die Ischinger zu dem wichtigsten internationalen Dialogforum ausgebaut hat, verweigert jene Regierung den Dialog, auf die es jetzt am meisten ankommt. Russland.

Der Kreml hat trotz mehrfacher Einladungen und allen telefonischen Bemühens Ischingers keinen Vertreter geschickt. Das Münchner Treffen wird so zwar ein Stelldichein des transatlantischen Bündnisses, aber eben kein Ort von Friedensverhandlungen.

Aber Ischinger muss derzeit auch persönlich einstecken. Die Nachrichtenmedien Politico und Spiegel haben pünktlich zum Start der Konferenz Artikel veröffentlicht, in dem Ischinger vorgeworfen wird, er nutze das globale Netzwerktreffen der Mächtigen zur Aufbesserung seines privaten Vermögen.

Ein Angriff auf die Reputation.

“Das trifft mich, natürlich”, räumt Ischinger am Freitagmorgen im Wohnzimmer seiner Suite im 7. Stockwerk des Luxus-Hotels ein.

Durch die 4,40 Meter hohen Fenster sind die Scharfschützen der Polizei auf dem Dach des Hotels zu sehen, dahinter die beiden Türme der Frauenkirche.

Blick auf die Frauenkirche von München aus der 7. Etage des Bayerischen Hofes.  © Michael Bröcker

Im Kern geht es bei den Vorwürfen darum, dass Ischingers 2015 gegründete Beratungsfirma Agora Strategy Group, an der er bis heute über einen Treuhänder 30 Prozent hält, Firmen berät, die mit Zugängen und Events auf der Sicherheitskonferenz von dem Promi-Treffen profitieren.

Einem Spiegel-Bericht zufolge soll Agora der Rüstungsfirma Hensoldt angeboten haben, wichtige Personen “aus dem Teilnehmerkreis der MSC” für Veranstaltungen auszuwählen. Agora sollte angeblich bei Geschäften in Saudi-Arabien, Ägypten oder Libyen unterstützen. Hensoldt stellt Elektronikbauteile für Kampfflugzeuge oder Drohnen her.

Ischinger weist dies zurück. “Solche Vorwürfe entbehren jeder Grundlage”, sagt er und wirkt dabei verärgert. “Ich habe weder an Gesprächen, noch an der Anbahnung, noch an der Durchführung irgendwelcher Gespräche dieser Firma teilgenommen.”

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