Psychologe Holger Lendt im Interview : "Monogamie ist eine Lebenslüge"

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Offene Beziehungen sind das Gegenmodell zur monogamen Ehe. Doch ist Monogamie überhaupt für uns Menschen geeignet? Oder sind offene Beziehungen die besseren, weil ehrlicheren Alternativen? Mit dem Psychologen und Paartherapeuten Holger Lendt spricht Alev Doğan über Beziehungen, Treue und Betrug.

Alev Doğan: Herr Lendt, fangen wir mal ganz grundsätzlich an: Wie würden Sie eine offene Beziehung eigentlich beschreiben?

Holger Lendt: Offen. Menschen, die offene Beziehungen führen, sind sich gar nicht immer so sicher, was sie da eigentlich tun. Offene Beziehungen sind häufig einfach "nur" offene, nicht monogame Beziehungen. Es ist sehr viel seltener, dass platonisch offen geliebt wird, also dass man jemanden ins Herz schließt und Gefühle entwickelt und das offen lebt. Meistens öffnet man sich in der Sexualität. Entsprechend gibt es Leute, die also mit mehr als einem Partner Erotik pflegen und genießen.

Es gibt aber auch Leute, die sich dann emotional öffnen und sagen: Wir lieben auch die Menschen, mit denen wir sonst noch zusammen sind. Da würde man von „polyamoren Menschen“ sprechen. Polyamorie ist eher ungewöhnlich – immer noch. Aber ja, es ist stärker geworden.

Alev Doğan: Woran liegt das?

Holger Lendt: Es wird hip dadurch, dass mehr darüber geschrieben. Dann wird es auch mehr gelebt und dadurch wird natürlich auch wieder mehr darüber geschrieben. Und Berlin ist da eine große Zentrale. Es gibt sie auch in anderen Städten wie Zürich, Hamburg und Köln, aber ich glaube doch in Deutschland ist Berlin ganz weit vorne.

Alev Doğan: Bevor wir klären, wie eine offene Beziehung funktionieren kann, lassen Sie uns versuchen abzustecken, für wen das überhaupt eine Option sein kann. Ist dieses Modell für jeden geeignet?

Holger Lendt: Natürlich nicht...

Pioneer Editor, Chefreporterin ThePioneer & Podcast Host
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