Europa: Vielfältig oder gar nicht

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„Zwischenstaatlich organisiert sind in Europa nur das Verbrechen und der Kapitalismus“, sagte einst Kurt Tucholsky. Sein Bonmot zielte darauf ab, nach dem Verbrechen und dem Kapitalismus nun auch den Rest europäisch, das heißt einheitlich, zu denken. Den Sozialstaat und das Militär. Das Geld und die Steuern. Und neuerdings – in der Nach-Tucholsky-Zeit – auch die Funktionsweise der Zentralheizung.

Doch genau dieses Europa ist nicht nur eine kühne Vision, sondern auch ein grobes Missverständnis. Es bleibt auch dann ein Missverständnis, wenn viele Politiker und Publizisten es teilen und sich Europa nur als Superstaat vorstellen können, als eine Art Holdinggesellschaft, die ihre verschiedenen Tochterfirmen in Italien, Frankreich, Polen etc. dirigiert, diszipliniert und finanziert. Europa wäre demnach nur ein anderes Wort für Zentralismus.

Die Idee, dass dieses Europa aus den Zersplitterungen seiner blutrünstigen Geschichte schließlich einen neuen, moralisch veredelten Monolithen hervorbringt, ist nicht von dieser Welt. Der derzeit laufende Herbstgipfel der EU-Regierungschefs, der sich mit der zweifelhaften Rechtsstaatlichkeit in Polen und den rasant steigenden Energiepreisen beschäftigt, wird es einmal mehr beweisen.

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