Flucht in die Entschuldigung

Guten Morgen,

die Rücknahme der „Osterruhe“ und die persönliche Entschuldigung der Regierungschefin waren ein singulärer, aber kein stolzer Vorgang deutscher Kanzlergeschichte. Wir Zuschauer sollten respektvoll, aber nicht naiv sein: So sehen Rücktrittserklärungen aus, auch wenn das Wort Rücktritt gestern gar nicht gefallen ist.

Die Anerkennung von Merkels politischer Lebensleistung bleibt, aber die Autorität der Kanzlerin hat am gestrigen Tag gelitten. Ihre Führungsfähigkeit wurde vor aller Augen geschrumpft, denn Führung setzt Vertrauen und Gefolgschaft voraus. Aber kaum einer aus den Spitzen von Wirtschaft und Politik ist dazu noch bereit.

Ihr Vertrauenskapital, das sie im Laufe ihrer Karriere so fleißig akkumulierte, ist auf das Niveau eines Pennystocks gesunken. Das kommunikative Band zwischen ihr und den Bürgern, das schon in der Flüchtlingskrise porös geworden war, zeigt alle Zeichen der Überdehnung.

Der Energieabfluss, dessen Zeitzeuge wir gestern wurden, geht dem offiziellen Abgang voraus: Das Amtszimmer gehört ihr noch, draußen wartet weiter die gepanzerte Limousine, anderthalb Schritte hinter ihr stapft unverdrossen der Regierungssprecher. Aber die Kanzlerenergie, ein seit jeher fluides und leicht entflammbares Gemisch aus in Wahlen gewonnener Legitimation und dem komprimierten Vertrauen von Millionen Menschen, ist entwichen.

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