Giffey: Rücktritt als Investment

Guten Morgen,

der Rücktritt von Familienministerin Franziska Giffey war nicht zwingend, aber klug. Es ging ihr nicht um Moral, sondern um Taktik. Sie stärkt auf diese Weise den Markenkern ihrer politischen Persönlichkeit, der aus einer sorgsam gepflegten und zuweilen auch polierten Authentizität besteht.

Wollte sie nach diesem Rücktritt eine Karriere als Wissenschaftlerin beginnen oder strebte sie den Chefposten des Goethe-Instituts an, müsste man ihr die rote Karte zeigen. Aber das will sie gar nicht: Sie will Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Hier bewirbt sich eine Sünderin um die Führung einer sündhaften Stadt. Das wiederum passt!

Berlin ist eben nicht vornehm wie Hamburg, nicht versnobt wie München und auch nicht so reich wie Frankfurt. Berlin ist die einzige deutsche Großstadt, in der das Scheitern schick ist und die gebrochene Biografie als Ausweis erhöhter Kreativität gilt. Giffeys Doktortitel war ohnehin die bürgerliche Restantin einer Zeit, die vor unser aller Augen im Nebel der Geschichte verschwindet. Der wahre Ehrentitel in Berlin besteht darin, dass sich vor das Subjekt „Existenz“ das Adjektiv „verkrachte“ schmiegt. Arm, aber nicht armselig.

Franziska Giffey © The Pioneer

Die McKinsey-Gesellschaft jedenfalls mit ihren (zur Not künstlich) begradigten Karrierewegen ist von Neukölln und Kreuzberg aus betrachtet ein anderer Stern. Wer zwischen Kottbusser Tor und Hermannplatz auf die Schnauze fällt, kann sich der allgemeinen Bewunderung sicher sein. Blaue Flecken trägt man im Berliner Kiez wie in Frankreich das rote Band der Ehrenlegion.

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