Der Rechtsstaat hasst nicht

Guten Morgen,

mit den Infektionszahlen steigt der Druck im Kessel der Demokratie. Vielerorts wird nicht mehr gesprochen, es wird gegiftet. Die Tyrannei der Ungeimpften, schimpfen die einen. Von der Corona-Diktatur sprechen die anderen. Die Impfgegner und ihre Antagonisten sind einander zuweilen ähnlicher als sie wahrhaben wollen.

Die Gesetze der Dialektik haben in diesen pandemisch geprägten Herbsttagen zu wirken begonnen: Auf Druck erfolgt Gegendruck. Die aggressive Uneinsichtigkeit der einen ist das Problem, das durch das demonstrative Unverständnis der anderen verstärkt und nicht gemildert wird. Private Angst trifft auf staatliche Autorität, so oft und so heftig, bis wir von beidem mutmaßlich mehr erleben werden: mehr Angst und mehr Autorität.

Proteste von Impfgegnern © dpa

Am Wochenende fiel mir das kleine Bändchen „Die Einheit hinter den Gegensätzen“ von Hermann Hesse in die Hände. Es lag auf dem Büchertisch eines Antiquariats, obwohl es problemlos auch in die Abteilung für Gegenwartsliteratur passen würde.

Hermann Hesse © dpa

Hesse wirbt – als wenn er die Wunden, die die polarisierte Gesellschaft sich fortwährend selber schlägt, geahnt hätte – „für die Einheit, die ich hinter der Vielheit verehre“. Er begründet, warum Pol und Gegenpol in der liberalen Gesellschaft zusammen gedacht werden müssen und wieso Recht haben und Recht bekommen nur selten zueinander finden.

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