Globalisierung - neu Denken: Willkommen in der G-Null-Welt

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Guten Morgen,

die neue Außenministerin hat den Zettelkasten mit den diplomatischen Floskeln ihres Vorgängers offenbar schon kurz nach der Vereidigung geplündert. Sie droht wie er: Russland würde „einen hohen politischen Preis“ für seine Aktivitäten in der Ukraine zahlen. Sie beschwichtigt wie er: Lösungen könnten „nur diplomatisch“ gefunden werden.

Wladimir Putin wird sich mächtig erschrocken haben.

Die deutsche Rhetorik und die machtpolitische Realität auf der Welt passen nicht zusammen. Deutschland ist nicht die Stimme eines westlichen Chores, sondern die Stimme eines Solisten im Kreise anderer Solisten. Nicht einmal die Konzertierung der Europäer gelingt.

Annalena Baerbock © dpa

Annalena Baerbock hat diese Welt ohne Zentrum nicht zu verantworten. Aber sie muss in dieser Welt zu navigieren lernen. Und lernen heißt in diesem Fall auch, die Limitierungen einer deutschen Außenministerin anzuerkennen und nicht durch einen diplomatischen Verbalismus zu überdröhnen. Von den zwei Instrumenten einer wirkungsvollen Außenpolitik – „sticks and carrots“ – steht Annalena Baerbock eben nur ein Bund Karotten zur Verfügung.

Aber wer besitzt dann die Schlagstöcke? Und wo bitte ist die Hard Power zu Hause, die sich mit der deutschen Soft Power kombinieren ließe?

Hier genau beginnt das Problem der Zettelkasten-Außenpolitik. Die deutschen Karotten sind weitgehend unverbunden mit der amerikanischen Militärkraft. Die Nato ist vor Jahrzehnten als Tiger gestartet, um am Flughafen von Kabul als Bettvorleger zu landen. Wir leben, sagt der außenpolitische Vordenker Ian Bremmer – im Hauptberuf Präsident der Denkfabrik Eurasia – in einer „G-Null-Welt“, wo keine Nation und keine Ländergruppe über ausreichend Willen und Werkzeuge verfügt, um der Welt seine Agenda vorschreiben zu können.

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