News statt Noise lautet eines der Prinzipien von The Pioneer. Das ist umso notwendiger, je radikaler andere Medien den Verstärker und die Nebelmaschine aufdrehen. Beispiel Waldbrände.
Geliefert werden: Schockierende Bilder, verstörende Zahlen, apokalyptische Prognosen. Dutzendfach Superlative: Feuerhölle. Inferno. Allee der Verwüstung.
Was fehlt, ist der Kontext, die historische und ökonomische Einordnung der unzweifelhaft schockierenden Vorgänge. Deshalb hier die wichtigsten Fakten zu den Wald- und Vegetationsbränden in Europa, die das Ausmaß nicht beschönigen, aber einordnen und die Frage nach den Brandstiftern stellen.
#1: Die wirtschaftlichen Schäden sind in Europa deutlich geringer als bei den größten Bränden in den USA
Die Zahl der Wald- und Vegetationsbrände in der Europäischen Union bewegt sich, Stand jetzt, nicht auf Rekordniveau, wie vielfach behauptet wird. Die Jahre 2017, 2022 und 2025 überboten sowohl nach der Zahl der Brände als auch nach der verbrannten Fläche das bisherige Jahr 2026.
Eine Infografik mit dem Titel: Europas Wald verbrennt
Verbrannte Fläche und Zahl der Brände ab 30 Hektar in der EU-27
Die Ernteausfälle, Immobilienverluste, Einbußen im Tourismus, Gesundheits- und Umweltschäden sind zwar auch in diesem Jahr wieder erheblich, aber gesamtwirtschaftlich gleichwohl unbedeutend. Die europäischen Gesamtschäden werden vom Europäischen Rechnungshof auf rund zwei Milliarden Euro pro Jahr taxiert und liegen damit deutlich hinter den Schadenssummen der USA.
Waldbrände in der Region Galicien in Spanien, 14.06.2026. © Imago#2: Über die Schadenshöhe entscheidet nicht der Wald, sondern der bebaute Wald
Die Differenz der wirtschaftlichen Schäden in Europa und den USA entsteht aber nicht allein durch die Flächengröße, sondern durch die Werte, die auf den Brandflächen standen. Die Brände im Großraum Los Angeles Anfang 2025 verbrannten rund 15.000 Hektar und verursachten rund 53 Milliarden Dollar an direkten Sachschäden, wovon rund 40 Milliarden Dollar versichert waren.
Der Grund: In Kalifornien stehen Millionen-Dollar-Anwesen unmittelbar im brandgefährdeten Übergangsbereich zwischen Siedlung und Wildnis, während in Südeuropa überwiegend Olivenhaine, Buschland und Agrarflächen brennen. Die Villen sind hoch versichert, weshalb der materielle Schaden im Brandfall hohe Auszahlungen auslöst.
Auch das Villenviertel Pacific Palisades in Los Angeles blieb von den Waldbränden im Januar 2025 nicht verschont © dpaDie Zahlungsbereitschaft der Versicherungswirtschaft einerseits und die Risikofreude der Amerikaner andererseits wirken also als Beschleuniger bei der Entwicklung der Schadenshöhe. Der Gesetzgeber klagt zwar über die Brandfolgen, aber traut sich nicht, mit einem harten Brandschutz in die Bebauungspläne einzugreifen.
#3: Der Klimawandel erhöht die Brandgefahr – entzündet die Feuer aber nicht selbst
Der Klimawandel schafft die Bedingungen für große Waldbrände. Temperaturen oberhalb der Normalwerte – die nächste Hitzewelle steht bereits in den Startlöchern –, längere Dürreperioden und trockene Vegetation sorgen dafür, dass Feuer sich leichter ausbreiten und schwerer zu löschen sind. Die Zündung selbst besorgt aber in 96 Prozent der Fälle nicht die Natur, sondern der Mensch, sagt die Gemeinsame Forschungsstelle der Europäischen Kommission.
Der Mensch wiederum handelt fahrlässig und oft auch vorsätzlich. Landwirtschaftliche Feuer, Funkenflug von Maschinen, weggeworfene Zigaretten, Grillkohle, technische Defekte. Das ist das eine Ursachenbündel. Offenbar sind die Strafen für Brandstifter zu gering und die örtlichen Polizisten ermitteln zu schläfrig.
Aber: Es gibt auch Brandstifter, die mit Vorsatz handeln. Beispiel Frankreich: Im Zuge der diesjährigen Brandsaison in Frankreich wurden laut Innenminister Laurent Nuñez landesweit inzwischen 128 Personen festgenommen. Der Verdacht: vorsätzliche oder fahrlässige Brandstiftung, so Nuñez.
Waldbrand Region Alpes-Côte d'Azur, bekämpft, 23.07.2026 © ImagoBei den Bränden rund um Bordeaux konzentriert sich die Staatsanwaltschaft auf eine Baustelle von Enedis (Betreiber des öffentlichen Stromverteilungsnetzes in Frankreich) als wahrscheinliche Ursache des Großbrandes, der 42.000 Hektar Land in der Gironde zerstörte.
Unterschiedlicher Brand, selbe Ursache: Bei den Bränden in Fontainebleau – südöstlich von Paris – wurden inzwischen ebenfalls mehrere Menschen, darunter ein 19-jähriger freiwilliger Feuerwehrmann, festgenommen. Er gestand, mit einem Feuerzeug und Benzin Zweige in Brand gesteckt zu haben.
Zuvor äußerte der Innenminister seine Zweifel an einem natürlichen Feuerausbruch. Es habe etwa zehn Brandherde in einem Umkreis von 1.000 Metern gegeben, was darauf hindeuten könnte, dass es sich um eine vorsätzliche Tat handelt, so der Innenminister.
Eine Infografik mit dem Titel: Europa: Wo brennts?
Kartenansicht über die aktuellen Waldbrände in Europa
#4: Miserables Brennstoffmanagement
Mangelndes Brennstoffmanagement ist der Brandbeschleuniger der Pyromanen. In aufgegebenen ländlichen Regionen sammeln sich trockenes Unterholz, Sträucher und Totholz an und bilden eine zusätzliche Brandlast, über die sich Feuer erheblich schneller ausbreiten.
Wie verheerend fehlendes Brennstoffmanagement sein kann, zeigte 2017 das Beispiel des Waldbrands von Pedrógão Grande in Portugal. Der dortige Wald, kaum unterbrochen und unzureichend gepflegt, ließ den Waldbrand sich explosionsartig ausbreiten. Über 60 Menschen fielen den Flammen zum Opfer, Hunderte wurden verletzt.
Im späteren Strafprozess ging es insbesondere um mutmaßliche Unterlassungen bei der Pflege des Waldes – also auch der Beseitigung von Totholz – in der Nähe von Straßen und unter Stromleitungen. Die Angeklagten wurden alle freigesprochen.
Löschung eines Waldbrandes in Portugal, 11.08.2017 © dpa#5: Brandbeschleuniger Naturliebe
Die Menschen wohnen gern nahe an und noch lieber mitten in der Natur. Weltweit wächst die Zahl der Menschen, die in der Übergangszone zwischen Siedlung und Wald leben. Diese Zone gilt als besonders gefährdet, weil Vegetation dort unmittelbar an Wohngebiete grenzt.
Zwischen 2002 und 2021 stieg die Zahl der Menschen, die Waldbränden ausgesetzt sind, weltweit um durchschnittlich 382.700 pro Jahr – über den gesamten Zeitraum um rund 40 Prozent. Getrieben wurde diese Entwicklung vor allem durch Bevölkerungswachstum und den bewussten Zuzug in brandgefährdete Landschaften.
Fazit: Wer zum Kern vom Kern der Waldbrände vordringen will, muss die Blickrichtung ändern – weg vom Brand, hin zum Brandstifter. Die wirksamsten Waffen im Kampf gegen Waldbrände besitzt womöglich nicht die Feuerwehr, sondern die Kriminalpolizei.