Peter Henschel
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US-Zwischenwahlen

Medien & Midterms: Der Unsinn vom „König Trump“

Was die Midterms über die Regression zur Mitte verraten.
Gabor Steingart
Gestern
© Grafiker: Julian Sander
© Grafiker: Julian Sander

Die Medien lieben ihre Gespenster mehr als ihre Leser. Deshalb fluten sie das Publikum in regelmäßigen Abständen mit einem Vokabular der Endzeit, das die Demokratie für beendet und die Autokratie für unvermeidlich hält.

Trump trat den Spiegel-Lesern mit blutigem Messer entgegen, in der anderen Hand den abgeschlagenen Kopf der Freiheitsstatue. Robin Alexander erschreckte sein Publikum mit der Behauptung, die jetzige Regierung sei die „letzte Chance der Demokratie“. Und der damalige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán galt in nahezu allen deutschen Medien als gesichert diktatorisch – bis er plötzlich abgewählt war.

Spiegel-Cover vom 04.02.2017 © dpa© The Pioneer

Auch gestern Abend hat es wieder „Puff“ gemacht. Plötzlich war Donald Trump kein neuer König und kein zweiter Hitler mehr, sondern ein ganz normaler Wahlverlierer. Liberty lebt: Der Freiheitswille der amerikanischen Wähler machte Trump politisch einen Kopf kürzer. Floridas Gouverneur Ron DeSantis (und möglicher Trump-Nachfolger) sprach von einer „Beinahe-Auslöschung der republikanischen Partei“.

Plötzlich hatte sich der Pulverdampf der monatelangen Angstkampagne – die unter dem Slogan „No Kings“ zu Massenprotesten geführt hatte – verzogen. Und jedermann kann erkennen: Die amerikanische Demokratie war nicht in Gefahr, sondern ist in Gebrauch. Wie vor ihm schon die Präsidenten Wilson, Eisenhower, Clinton und Bush junior – und er selbst im Jahr 2018 – verlor auch Trump mit Pauken und Trompeten die Zwischenwahlen.

Eine Infografik mit dem Titel: US-Midterms: Der Senat

Bisherige Verteilung

Warum das wichtig ist: Diese Ohrfeige der Wähler ist kein singuläres Ereignis, sondern ein wichtiges Element der Volksherrschaft. Diese Ohrfeige heißt in der Verfassung deshalb auch etwas vornehmer: Checks and Balances.

„No Kings“-Protest in New York City, 14.06.2025 © Imago

Diese institutionalisierte Ohrfeige wird immer dann verteilt, wenn das Volk der Meinung ist: Der Kandidat hat nicht geliefert, was versprochen war. Wer Frieden verspricht und Krieg anzettelt, wer Wohlstand in Aussicht stellt und das Leben unbezahlbar macht, hat keine Chance.

Was wir in den USA erlebt haben, ist also kein Betriebsunfall. Das ist das Betriebssystem der Demokratie.

Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Salina (Kansas), 01.11.2026 © dpa

Die apokalyptischen Reiter der Medien haben also allen Grund, wieder einen Gang zurückzuschalten, wenigstens vom gestreckten Galopp in den Trab. Nur in einem Klima der Nachdenklichkeit kann der Aktivist sich in einen Beobachter rückverwandeln und von Alarm auf Neugier umschalten. Einen Versuch wäre es wert, liebe Kollegen.

Die wichtigste Vokabel für das Programm der Rückverwandlung stammt nicht aus der Medienkunde, sondern aus der Biologie – die Regression zur Mitte.

Der englische Naturforscher Francis Galton, ein Halbcousin Darwins, vermaß im 19. Jahrhundert die Körpergröße von Eltern und ihren Kindern. 1886 veröffentlichte er seinen Befund: Sehr große Eltern haben im Schnitt große Kinder, aber kleinere als sie selbst. Sehr kleine Eltern haben kleine Kinder, aber größere als sie selbst.

Die Natur nimmt also von ganz alleine die Übertreibung zurück. Die Großen werden nicht immer größer und die Kleinen nicht immer kleiner.

Dasselbe Muster fand die Psychologie in der menschlichen Seele. Philip Brickman und seine Kollegen befragten 1978 Lottogewinner und Menschen, die durch einen Unfall querschnittsgelähmt waren. Die Gewinner waren kaum glücklicher als eine Vergleichsgruppe, die Verunglückten weniger unglücklich, als jeder erwartet hätte.

Die Regression zur Mitte wirkt universell: Der Mensch kehrt nach Triumph und Katastrophe zu seiner persönlichen Mitte zurück. Das ist der Grund, warum Gewinner sehr traurig und todkranke Menschen von Momenten des Glücks durchflutet werden können.

Zurück zur Nacht der Korrektur in den USA: Jedes Extrem, ob Körpergröße, Glücksgefühl oder ein Kennedy-Moment, entsteht aus dem Zusammentreffen ungewöhnlicher Umstände. Daniel Kahneman hat das in „Schnelles Denken, langsames Denken“ auf eine Formel gebracht: Erfolg ist Talent plus Glück, großer Erfolg ist etwas mehr Talent plus sehr viel Glück.

Das Glück aber wiederholt sich nicht auf Bestellung. Die Mitte ist demnach kein Ort, an den man magnetisch zurückgezogen wird. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn der Zufall weiterzieht.

Eine Infografik mit dem Titel: US-Kongress: Die Mehrheitsverhältnisse

Die bisherigen Mehrheitsverhältnisse

Trumps Sieg von 2024 war ein solches Zusammentreffen: Preise, die so stark gestiegen waren wie seit vier Jahrzehnten nicht, ein körperlich geschwächter Biden, eine zu spät nominierte Gegenkandidatin. Gestern Abend zeigte sich, was ohne diese Verkettung statistischer Zufälle übrig bleibt.

Fazit: Die apokalyptischen Reiter aus Medien und Politik sollten positiver über die Wählerinnen und Wähler denken. Die Wählerschaft ist keine dumpfe Masse. Sie schwingt. Sie lässt sich begeistern und ernüchtern, sie überzeichnet und korrigiert. Wer angesichts von Wahlergebnissen, die er nicht mag, von der letzten Patrone der Demokratie spricht, schießt sich nur selbst ins Knie. Das System von Checks and Balances – das ist ja der Clou – kennt keine letzte Patrone.

Floridas Gouverneur Ron DeSantis, 01.09.2026 © Imago

Mehr zum Thema? Warum der Boom bei den US-Bürgern nicht ankommt: Sechs Gründe, wegen derer Trump bei den Midterms die Quittung bekam, lesen Sie hier.

Außerdem: Die Recherche zu „Trump Inc.“ zeigt, wie die Präsidentenfamilie in Krypto, Rüstung, Rohstoffen und Immobilien Milliarden verdient – und warum ihre Söhne dabei die Schlüsselrolle spielen.

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