Philipp Grätzel von Grätz
hat Ihnen diesen Artikel geschenkt:
Mitte

Wo bitte geht’s hier zur Mitte?

Der ehemalige Kanzleramtsminister, Architekt des Schröder-Wahlkampfes 1998 und Autor des Bestsellers „Aufbruch: Die Politik der neuen Mitte“ Bodo Hombach registriert in diesem Essay Orientierungsprobleme der Medien und definiert sein Verständnis von Mitte in der Gegenwart.
Bodo Hombach
05.01.2026

Es gibt Zeiten, da wird die Mitte gesucht wie ein Kompass – und doch behandelt wie ein Verdacht. In solchen Momenten hilft es, sich zu vergewissern, was genau gemeint ist, wenn von „Mitte“ die Rede ist: Bequemlichkeit, Feigheit – oder die anstrengende Kunst, zwischen Ideologien hindurch die Vernunft zu retten.

Ich weiß ziemlich genau, wo ich politisch stehe. Ich muss es nicht noch einmal überprüfen. Doch die Neugier, der heimliche Bruder der Eitelkeit, trieb mich dazu, den neuen Selbstverortungstest der Zeit zu machen.

Blaise Pascal schrieb, Neugier sei Eitelkeit – der Wunsch, etwas zu wissen, um darüber sprechen zu können. Der Mann durfte das sagen: Er war Mathematiker, Physiker, Philosoph. Die Wahrscheinlichkeitstheorie formulierte er im 17. Jahrhundert so hellsichtig, wie er religiös‑philosophisch dachte. Er verband naturwissenschaftliches Verstehen mit einem scharfen Blick für menschliche Schwächen und Eitelkeiten.

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Kanzleramtsminister Bodo Hombach im Jahr 1998 © Imago

Bevor vom Zeit-Test die Rede ist, ist von der Zeit zu reden. Sie liegt seit Jahren auf meinem Tisch, nicht als heilige Schrift, sondern als Versuchsanordnung fürs Denken. Eine Zeitung, die Wahrheit nicht ausruft, sondern ihr hinterherläuft; die ihre Leser nicht beruhigt, sondern ihnen zumutet, den Zweifel auszuhalten. In der Redaktion steht dafür Giovanni di Lorenzo, der seine Leute eher zum Fragen anhält als zum Rechthaben. Wer, wenn nicht diese Zeitung, dürfte mir zumuten, mich einem solchen Versuch zu unterziehen? Von ihr erwarte ich, mehr als von jedem anderen Blatt, jene kühle Abgewogenheit, ohne die die schnelle Antwort bloß Gerede ist.

Also: Die Zeit fragt: „Gehören Sie zur politischen Mitte?“ Und fordert auf: Migration, Klima, Wirtschaft: Testen Sie, wo Sie politisch stehen, und was die Deutschen insgesamt denken. Und warnt zugleich: Aber Achtung: Nicht immer ist die Mitte der beste Ort.

Eine Art Beipackzettel oder Patienteninformation erklärt vernünftig, fast werbend‑wissenschaftlich, dass von rund 7.000 Menschen Meinungen und Parteipräferenzen in den Test eingeflossen sind. Warum die Grünen auf der Verortungsachse links von den Linken landen und die AfD von der SPD weiter entfernt ist als ihre Malocherwähler, wird nicht erläutert. Auf 13 Fragen kann ich „teils/teils“ oder „eher“ oder „voll“ zustimmen oder ablehnen.

Erste Frage des Tests der Zeit © Zeit

So wird aus meinem Gewissen ein Mittelwert, und mein Zweifel zur Koordinate. Politische Komplexität wird in algorithmische Rasterung übersetzt – eine Simplifizierung mit dem Charme der Exaktheit und der Blindheit des Schemas.

Ich habe das Ding einigen meinungsfesten Freunden geschickt. Der Test hat ein paar lehrreiche Nebenwirkungen produziert, die man sich nicht schöner hätte ausdenken können. Ein kluger, umsichtiger junger SPD‑Abgeordneter – das genaue Gegenteil des tumben Apparatschiks – klickt sich brav durch die 13 Meinungen und wacht am Ende auf: links von Grün, links von seiner eigenen Heimatpartei, in der Revolutionszelle des Verortungsdiagramms.

In diesem Moment spürt der Parteitagsdelegierte womöglich, wie weit er sich innerlich von denen entfernt hat, die er im Parlament vertreten soll: von den Leuten, die nicht in Panels diskutieren, sondern an Monatsmieten, Stromrechnungen und den letzten Bus denken.

So wird der Zeit‑Test für ihn zum politpädagogischen Gerät: Er zeigt nicht, wo er „recht hat“, sondern wie sehr er schwebt – zwischen programmatischer Rhetorik und jener Lebenswirklichkeit, aus der seine Partei hervorgegangen ist. Die Pointe: Er sagt ihm nicht, dass er falsch liegt, sondern dass er woanders steht. Der Algorithmus hält ihm den Spiegel vor, und im Hintergrund hört man Brecht murmeln: „Erst kommt der Mittelwert, dann die Moral.“

Es gibt die andere Szene, die dem Lehrbuch der politischen Bildung entwischt. Eine immer-schon-Potsdamerin: weltoffen, vielsprachig, belesen, kunstgewohnt, tolerant und intellektuell durchtrainiert. Sie beantwortet die Fragen nicht mit Groll, sondern aus ökonomischer Vernunft, aus Sicherheitserfahrung, aus der Normalität eines hinterlassenen Ost‑ und gelungenen Westlebens.

Am Ende spuckt die Maschine aus: AfD. Da sitzt keine Radikale vor dem Bildschirm, sondern jemand, der freimütig Lebensbilanz zieht: Was trägt, was kippt, was hält eine Gesellschaft aus. Doch das Diagramm kennt keine Biografien, es kennt nur Zuordnungen. Es nimmt ihre Wirklichkeit und übersetzt sie in Verdacht. Man möchte ihr zurufen: „Nimm das nicht als Empfehlung.“

Ein Raster belehrt nicht, es etikettiert. Es macht aus einer klugen Bürgerin eine Fallnummer im Alarmismus. Mit Brecht lässt sich notieren: Nicht der Fragebogen ist gefährlich, sondern der Glaube, er wisse, wer du bist.

Nun spiele ich selbst mit dem Ding: Wenn ich 13‑mal „teils/teils“ anklicke, lande ich genau dort, wo ich mich sehe und wacker halte – in der Mitte. Nur: Dort stehe ich mit „teils/teils“ definitiv nicht. „Teils‑teils“ ist keine Ausflucht, sondern die Weigerung, eine komplexe Frage mit einer zu glatten Antwort zu beleidigen.

Der Test verrät ein verbreitetes Missverständnis. „Teils‑teils“ gilt als Nicht‑Entscheidung, als höfliche Verweigerung der Haltung. Differenzierung wird so als Lauheit verbucht, das Abwägen als Schwäche – und wer sich durch die Mitte klickt, wird nicht mit dem klugen, lebensnahen „sowohl als auch“ von Willy Brandt abgeholt, sondern als lauwarme „Mitte“ abgehakt.

Willy Brandt © The Pioneer

„Mitte oder Extreme“ ist das gegenwärtige Großthema. Als ich jung war, riefen SDSler auf der Straße: „In Zeiten der Not führt der Mittelweg zum Tod.“ Eine Grundüberzeugung aller revolutionären Bewegungen. Die Mitte wird nicht als Ort des Maßes, sondern als Verratszone markiert. Wer abwägt, gilt als Komplize des falschen Weges. Die 68er‑Rhetorik zielte darauf, das bürgerliche Selbstverständnis der „vernünftigen Mitte“ moralisch zu entwerten. Ihr wurde die historische Schuld der Unterlassung zugeschrieben. Durchaus urchristlich: Nicht nur die Tat, auch das Zögern oder Unterlassen kann sündig sein.

Politisch stehen sich zwei Traditionen gegenüber:

  • Die eine sieht im Maß und in der Mitte den Ort der Klugheit – von Aristoteles’ Lehre der Tugend als „goldene Mitte“ über Montaigne bis zu aufgeklärten Konservativen, die Maßhalten als Zivilisationsleistung verstehen.

  • Die andere erhebt das Extrem zum Prüfstein der Moral: Wer angesichts von Unrecht „in der Mitte“ bleibt, macht sich schuldig, weil er das Falsche mit dem Richtigen „ausbalanciert“, statt es zu brechen.

An dieser Stelle betritt Karl Popper die Bühne. Er spricht auch für mich. Für ihn war die offene Gesellschaft kein Raum der lauen Mitte, sondern das genaue Gegenteil jeder utopischen Endlösung. Ideologen – ob rechts oder links – versprechen ein endgültig versöhntes Morgen und hinterlassen regelmäßig ein handfestes Heute aus Lager, Mauer und Elend. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist voll von Bewegungen, die sich für moralisch im Recht hielten und Städte, Klassen oder Völker „erlösen“ wollten – und am Ende nur Trümmer, Verbitterung und Tote produzierten.

Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper © Imago

Poppers Misstrauen galt nicht der Korrektur von Missständen, sondern dem Versprechen, man könne Geschichte nach Plan erlösen. Sein Vorschlag ist ernüchternd und deshalb so unattraktiv für Heilsverkünder: Statt die „richtige Ordnung“ der Welt zu erzwingen, sollen wir Institutionen bauen, die Fehler sichtbar machen und korrigierbar halten.

Nicht der große Sprung, sondern die kleine, widerrufbare Reform. Nicht die eine Wahrheit, sondern die Überprüfung falsifizierbarer Hypothesen. Übertragen auf den politischen Raum heißt das: Die Mitte ist nicht der Ort der Besitzenden, die alles so lassen wollen, sondern der Ort jener, die Ideologien auf ihre Folgen prüfen.

Wer Poppers Lektion ernst nimmt, erkennt Ideologen an ihrer Blutspur: Sie hinterlassen kein befreites Land, sondern Gleichschritt, Angst und Elend – und immer eine Erklärung, warum nur noch „ein bisschen mehr Konsequenz“ gefehlt habe.

Vor diesem Hintergrund bekommt ein harmloser Haltungs‑Test eine andere Färbung. Er lockt mit der Frage „Wo stehen Sie?“ – und verführt dazu, sich eher als Identität denn als lernfähiges, wandlungsfähiges Wesen zu begreifen.

Popper würde daran erinnern, dass es weniger darauf ankommt, wo ich „stehe“, als darauf, welche Überzeugungen ich widerrufen kann, wenn die Wirklichkeit sie widerlegt. Die Mitte wäre dann nicht der geometrische Punkt zwischen Rechts und Links, sondern der Ort, an dem man Ideologien aus historischer Erfahrung kämpferisch misstraut – gerade dann, wenn sie sich auf „die Wissenschaft“, „das Volk“ oder „die Geschichte“ berufen.

Pro-Palästina-Demo in Berlin © imago

In diesem Sinn ist die wahre Mitte kein bequemes Sofa, sondern ein unbequemes Labor: Hier wird geprüft, gezweifelt, korrigiert. Und wer dort steht, läuft Gefahr, von allen Seiten beschimpft zu werden – von denen, die sich sicher sind, dass sie schon wissen, wohin die Geschichte zu marschieren hat. Eigentlich braucht die Mitte kein Etikett. Sie ist der Punkt, an dem die Vernunft innehält.

Bevor der Algorithmus uns sagt, wo die Mitte verordnet ist, will ich ein kleines Alphabet der Mitte festhalten:

Sie ist Haltung gegen den Rausch der Ideologien. Die Mitte ist nicht lau, sie ist das Feld, auf dem Argumente aneinanderstoßen dürfen, ohne dass Menschen dafür dran glauben müssen. Sie ersetzt den heldenhaften Untergang durch den prosaischen Kompromiss – und rettet damit mehr Leben als jedes „große Ziel“.

Ideologien liebten „das Reine“ bis zur Guillotine, die Mitte liebt das Revidierbare. Dort, wo die „Reinheit einer Haltung“ zählt, wird aussortiert. Wo Irrtum einkalkuliert ist, wird verbessert. Die Mitte vertraut nicht einer Gesinnung sondern der Korrekturmöglichkeit.

Wer nur noch Freunde und Feinde kennt, verliert zuerst die Wahrheit und dann die Freiheit. Wo das Lager wichtiger wird als das Argument, schrumpft die Welt auf Parolen. Die Mitte besteht darauf, dass ein Gegner recht haben kann. Das macht sie verdächtig aber realitätstauglich und kooperationsfähig.

Abwägung ist nicht Schwäche, sondern Weigerung, Menschen für Theorien zu opfern. Die Ideologin fragt: „Ist die Haltung und Sprache korrekt?“ – die Mitte fragt: „Was richtet es an?“ In diesem Hinterfragen einer Idee hin zur Folge liegt ihre Anständigkeit.

Die offene Gesellschaft ist die einzige Ordnung, in der man Irrtum folgenlos zugeben darf – und gerade deshalb korrigieren muss. Wer unfehlbar sein will, kann sich keinen Fehler leisten und zerstört lieber die Zeugen. Die Mitte besteht darauf, dass Irren erlaubt ist, damit Lernen möglich bleibt.

Die Mitte ist der Ort, an dem man die eigenen Überzeugungen zuerst der Wirklichkeitsprüfung aussetzt, bevor man andere dazu zwingt, nach ihnen zu leben. Ideologen fixieren „die Anderen“. Die sollen anders sein. Die Mitte betrachtet auch sich. Das macht weniger Opfer.

Ideologen versprechen Sinn, die Mitte verlangt Belege. Das große Warum ist schnell erzählt, das kleine „Stimmt das?“ stört autokratische Dramaturgie. Die Mitte hält an diesem Störgeräusch gegen Manipulation fest, weil es der notwendige Rest Freiheit im Kopf ist.

Wer Maß hält, verrät nicht die Sache, sondern schützt sie vor Fanatikern. Jede gute Idee hat schon unter denen gelitten, die sie „endlich ganz konsequent“ zu Ende führen wollten. Die Mitte ist der unspektakuläre Ort, an dem man rechtzeitig aufhört, bevor aus Überzeugung sich in Gewalt wandelt. Die Mitte weiß, dass Diplomatie eine Fähigkeit ist: die Fähigkeit, auch mit denen zu reden und den Interessenausgleich zu suchen, mit denen man nicht übereinstimmt.

Wie Blaise Pascal zu seiner Rechenmaschine schrieb, kann die Maschine unser Gedächtnis entlasten, aber nicht unser Urteil ersetzen. Materie, so Pascal, „vermag sich selbst nicht zu erkennen.“ Seine „Technikphilosophie“ fordert auf: Das „teils‑teils“ nicht zur digital etikettierten Charakterlosigkeit retardieren zu lassen.

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