Deutschland gilt als Land des Jammerns und des Klagens. Vor allem eines beklagt man in Deutschland gern: sich selbst.
Damit gehen politische Debatten einher, die in den vergangenen Jahren zunehmend von Untergangsnarrativen und Schreckensszenarien geprägt sind. Deutschland, der kranke Mann Europas, er schaffe sich ab, die „Ränder“ der Gesellschaft erstarkten, die Gesellschaft sei polarisiert, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den gebe es nicht mehr. So zumindest, wenn man den Erzählungen glauben mag. Doch wie viele dieser Erzählungen manifestieren sich in der Realität?
Der Demokratie-Monitor 2025 der Universität Hohenheim zeigt auf:
Ein Viertel der Menschen in diesem Land glaubt, dass Politik in Deutschland von „geheimen Mächten“ gesteuert werde.
Ein Viertel meint, die Regierenden „betrügen das Volk“.
Etwa die Hälfte der Menschen empfinde Politiker als abgehoben.
Rund ein Fünftel unterstellt den Massenmedien Manipulation, sie würden die Bevölkerung systematisch belügen.
Und 14 Prozent sind davon überzeugt, Deutschland gleiche inzwischen mehr einer Diktatur als einer Demokratie.
Darüber kann man schockiert sein. Sollte man im Zweifel auch. Und immer lauter werden die Stimmen, die eine Polarisierung der Gesellschaft verkünden. Die Befunde, die darlegen, dass wir als Gesellschaft auseinanderdriften, die gibt es. In Deutschland sehen mehr als 81 Prozent die Gesellschaft als gespalten an. Jeder Vierte geht sogar von einer „sehr starken Spaltung“ der Gesellschaft aus, sagt das Polarisierungsbarometer des Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM). Danach ist diese Ansicht besonders ausgeprägt bei Menschen mittleren Alters, mittleren Bildungsgrades, bei solchen mit geringerem Einkommen, bei Bewohnern des ländlichen Raums sowie in Ostdeutschland und unter Sympathisanten der AfD.
Doch diese Belege stehen nicht alleine und losgelöst nur für sich. So hat die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zwar ergeben, dass sich 20 Prozent nicht eindeutig gegen rechtsextreme Positionen aussprechen. 3,3 Prozent haben ein klar rechtsextremes Weltbild. Aber: Drei Viertel der Menschen in Deutschland lehnen rechtsextreme Einstellungen klar ab.
In einer demokratischen Gesellschaft muss eine Vielfalt von Meinungen ausgehalten werden. Eine demokratische Gesellschaft muss sogar aushalten, dass sie nicht befürwortet wird. Klare Grenzen gibt es dann bei der aktiven Bekämpfung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Über alles dazwischen – und das mag nicht jedem taugen – darf gestritten, diskutiert und dauerhaft verhandelt werden.
Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Hans-Jürgen Papier drückt das gegenüber The Pioneer so aus:
Es gibt äußerste Grenzen, insbesondere bei der sogenannten Schmähkritik, aber alles andere muss hingenommen werden, auch wenn es unappetitlich klingt, wenn es unfair ist, auch wenn es in den Augen vieler abwegig oder unwahr ist.
Doch es gibt auch genügend Anzeichen für Zuversicht. Denn insgesamt ist die Mehrheit der Menschen in Deutschland mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden, so der Demokratie-Monitor.
In Talkshows wird gezankt, in Kommentarspalten wird sich beschimpft und sich über undemokratische Verhältnisse beschwert – und ganz nebenbei steigen die Wahlbeteiligungen. In Berlin stieg die Beteiligung im Vergleich zur letzten Wahl um 11,2 Prozentpunkte, in Sachsen-Anhalt um 17,5 Prozentpunkte und in Mecklenburg-Vorpommern um 7,3 Prozentpunkte. Rekordverdächtig für die eher unbeliebten Landtagswahlen, die traditionell eine geringere Wahlbeteiligung als Bundestagswahlen aufweisen.
Der leere Plenarsaal des Bundestages © ImagoAus den jüngsten Landtagswahlen gingen die AfD und die Linke als klare Wahlsieger hervor. Die CDU schaffte es in Mecklenburg-Vorpommern erstmals nicht über die Fünfprozenthürde und somit nicht in einen Landtag. Damit ist das Wahljahr 2026 zu Ende, und es scheint, als wäre mit ihm auch ein Stück der demokratischen Mitte verloren gegangen. Geblieben scheint eine polarisierte Gesellschaft.
Aber was bedeutet das eigentlich, Polarisierung?
Polarisierung wird meist als etwas Negatives wahrgenommen, im öffentlichen sowie im wissenschaftlichen Diskurs. Sie wird oft mit gesellschaftlicher Spaltung, Radikalisierung und dem Verlust von Konsens verbunden, heißt es im Monitor Parteien der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Dabei müsste der Begriff nicht gleich als etwas Negatives gesehen werden, seine Definition ist zunächst neutral. Er beschreibt eine Verteilung, in der nicht die Mitte dominiert, sondern die Ränder stärker besetzt sind. Im Politischen würde das bedeuten, dass sich Positionen deutlicher gegenüberstehen, während moderatere Haltungen an Bedeutung verlieren. Dies könnte sogar positive Effekte haben, da Bürger klar unterscheidbare Alternativen erhielten. Parteien würden gezwungen, gesellschaftliche Vielfalt sichtbar zu machen, auch im Kommunikativen.
Und nicht alle Arten der Polarisierung sind problematisch; manche können demokratische Prozesse sogar stärken. Das Polarisierungsbarometer unterscheidet zwischen ideologischer Polarisierung, also inhaltlichen Meinungsunterschieden, und affektiver Polarisierung, der emotionalen Abwertung Andersdenkender.
Im Buch Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser wird beschrieben, wie Polarisierung in Deutschland vor allem an kulturell-identitären Fragen wie Migration, Klima oder Gleichstellung ansetzt. Der Grund dafür sei, dass diese Themen eine besondere Sprengkraft entfalten, moralisch aufgeladen seien und häufig in affektive Polarisierung übergingen. Auch ökonomische Fragen, wie die rund um den Sozialstaat, seien umstritten, seien weniger stark polarisierend.
Und ein wirklich zentraler Punkt wird dabei deutlich: Dass viele Bürger eine stärkere Polarisierung wahrnehmen, als sie empirisch nachweisbar ist. Und diese Wahrnehmung verstärkt wiederum die Spannungen selbst.
Im Demokratie-Monitor wird auch darauf hingewiesen: Das Vertrauen in verschiedene Institutionen variiert stark. Das größte Vertrauen bringen Menschen der Wissenschaft, der Polizei und den Gerichten entgegen. Social-Media-Plattformen, politischen Parteien und dem Europäischen Parlament misstrauen sie am meisten.
Es wäre falsch anzunehmen, dass über den Wert der Demokratie kein Konsens mehr bestehe. Denn betrachtet man einzelne Themenbereiche, sieht man: Im Großen und Ganzen sind wir uns gar nicht so uneins.
So hat eine Akzeptanzumfrage, die von YouGov für die Agentur für Erneuerbare Energien durchgeführt wurde, ergeben, dass die Zustimmung zum Ausbau der Erneuerbaren auf hohem Niveau bleibt und im Jahr 2025 bei 81 Prozent lag. Besonders stark ausgeprägt ist sie in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen mit 85 Prozent.
Oft wird suggeriert, insbesondere in den Medien, Feminismus sei ein großes Streitthema. Dabei sehen nur 13 Prozent der Deutschen die Gleichstellung der Geschlechter hierzulande verwirklicht, so eine Studie von Ipsos zum Weltfrauentag aus dem Jahr 2025. Trotz der Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten ist die Frage der Gleichstellung von Frauen und Männern also zum großen Teil übereinstimmend eine, die es in der Zukunft noch zu lösen gilt.
Dazu zeigt die Studie auf: Einer Mehrheit der Deutschen, 58 Prozent, ist die Gleichstellung der Geschlechter persönlich wichtig. Einen Unterschied gibt es zwar zwischen Frauen, von denen es 67 Prozent so sehen, und Männern, bei denen es 49 Prozent sind. Nichtsdestotrotz ist die Gesellschaft oftmals nicht so gespalten, wie die Debatten es vermuten lassen. Ein Konsens lässt sich in großen Teilen der Bevölkerung finden.
Weiterhin ist das „Framing“ entscheidend, also wie Informationen interpretiert werden.
Auf die Frage „Glauben Sie, die Demokratie, die wir in der Bundesrepublik haben, ist die beste Staatsform, oder gibt es eine andere Staatsform, die besser ist?“ antworteten 67 Prozent mit „Ja“. Insgesamt elf Prozent verneinten, 22 Prozent waren sich bei dieser Frage unsicher, so der Beitrag Der Widerstandsreflex des Instituts für Demoskopie Allensbach.
Wird also dargestellt, dass elf Prozent eine Demokratie nicht als ideale Staatsform ansehen, hat dies einen anderen Effekt als zu sagen: 67 Prozent, gut zwei Drittel, sind sich dabei sehr wohl sicher. Die Entscheidung über Art und Weise, wie man kommuniziert, wirkt sich dann wiederum auf die Wahrnehmung aus, und ein negatives Framing kann selbst Spannungen verursachen.
Wie also lässt sich ein gesellschaftlicher Zusammenhalt stärken?
Ein großer Hebel besteht im Austausch und im Miteinander.
So ergreifen immer mehr Privatpersonen die Initiative, gerade im digitalen Raum, wie etwa der Influencer Marcant. Er geht für seine Videos zu Demonstrationen, Wahlveranstaltungen und Fußgängerpassagen. Er interviewt und befragt Menschen, wie sie zu Themen stehen, aufgedeckt werden hierbei vor allem rechtsextreme Gedankenmuster. Er spricht im ruhigen Ton, fragt nach ohne das Gegenüber bloßzustellen, weist auf Fehler in ideologischen Glaubenssätzen hin. Seine Videos werden millionenfach geklickt.
Der Influencer Marcant bei einer Kundgebung auf dem Potsdamer Platz © ImagoDie Organisation More in Common weist darauf hin, dass nur 16 Prozent der Befragten soziale Medien nutzen, um mit ihnen unbekannten Menschen ins Gespräch zu kommen. 54 Prozent sagen, sie tauschen sich online am liebsten mit Gleichgesinnten aus. Demgegenüber setzen sich nur 22 Prozent der Befragten online gerne mit Meinungen auseinander, die ganz anders sind als die eigenen. Umso wichtiger erscheinen also Formate, die zeigen: Ein Austausch unter Andersdenkenden ist möglich. Und im Zweifel auch ein Umdenken. Im besten Fall will man verstehen – nicht gleichzusetzen mit einem Nachvollziehen –, warum der Andersdenkende genau das tut: anders denken.
Nach More in Common gibt es in Deutschland ein „unsichtbares Drittel“: Etwa 30 Prozent der Menschen sind sozial und politisch schlechter integriert als der Rest der Bevölkerung. Sie sind häufiger einsam, erfahren subjektiv weniger Unterstützung und wählen seltener. Diese Menschen sind folglich auch für gesellschaftspolitische Arbeit schlechter erreichbar. Sie stellen ein großes, noch auszuschöpfendes Potenzial für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. Denn wer nicht erreichbar ist, sich nicht Teil eines großen Ganzen versteht, der hält auch nicht daran fest.
Um dem entgegenzuwirken, müssten niedrigschwellige Angebote geschaffen werden. Darunter fallen unter anderem Sozialräume wie Kirchen, Heimat- oder Sportvereine, Kegelklubs und Feuerwehrvereine. In diesen Räumen werden die Komfortzone und die eigene Blase öfter verlassen, indem man sich anderen häufiger aussetzt, so die Organisation More in Common.
Es gibt in Deutschland bereits – und auch weiterhin – viele Menschen, die sich für diese Gesellschaft einsetzen. Im Jahr 2024 waren 36,7 Prozent der Menschen ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig engagiert. Das entspricht rund 26,97 Millionen Menschen. Die Engagementbeteiligung ist und bleibt damit auf einem hohen Niveau, auch wenn im Vergleich zum Jahr 2019 ein leichter Rückgang festzustellen ist.
Außerdem bieten Formate der Beteiligung, wie etwa Bürgerräte, eine Möglichkeit für mehr Selbstwirksamkeit im demokratischen System. Die Bürgerräte in Irland gelten als Vorzeigemodell, wie bestehende Bürgerräte gesellschaftliche Teilhabe und somit auch Zusammenhalt befördern können. Dort heißt der Bürgerrat „Citizens’ Assembly“. Mehr Demokratie e.V. berichtet, dass hierbei 99 Personen durch ein Meinungsforschungsunternehmen ausgewählt werden, und zwar zufällig. Sie diskutieren anschließend über politische Kernthemen wie Abtreibung, das Altern der Bevölkerung oder den Klimawandel. Mithilfe von Experten werden anschließend Vorschläge entwickelt, die dem Parlament und unter Umständen auch dem Volk zur Abstimmung gegeben werden.
Zusätzlich ist es nach More in Common für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fundamental wichtig, dass eine Regulierung von digitalen Diskursräumen besteht, die Hassrede, Desinformationen und Extremismus verringert und dass der Diskurs etwas moderiert wird, ohne zu zensieren. Bestrebungen in diese Richtung gibt es bereits. So wurde in diesem Jahr der Gesetzesentwurf für das „Gesetz zur Stärkung des zivilrechtlichen und strafrechtlichen Schutzes vor digitaler Gewalt“ vorgelegt.
Selbstredend spielen politische Maßnahmen eine wesentliche Rolle, wenn es um Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts geht. More in Common verweist darauf, dass bereits im Jahr 2021 im damals geschlossenen Koalitionsvertrag der Begriff „Zusammenhalt“ 16-mal erwähnt wurde, im aktuellen Koalitionsvertrag findet man ihn auch. Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird von der Bundesregierung seit dem Jahr 2018 gefördert und voraussichtlich bis zum Jahr 2029 mit bis zu zehn Millionen Euro pro Jahr vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanziert.
Projektion zum 30-jährigen Jubiläum der Verhüllung des Reichstags von Christo und Jeanne-Claude, 2025 © ImagoDie Organisation More in Common, die sich dem Thema des gesellschaftlichen Zusammenhalts verschrieben hat, stellt fest: Die Wissenschaft liefert bislang keine abschließende Definition dessen, was gesellschaftlichen Zusammenhalt letztendlich ausmacht. In der Praxis ist wohl vor allem eines wichtig: ein weitgreifender, flächendeckender Austausch innerhalb der Gesellschaft.
Umso wichtiger ist die folgende Erkenntnis im selbigen Impulspapier der Organisation: Das Thema Zusammenhalt treibt viele Menschen in Deutschland auch ganz persönlich um. Im Jahr 2023 gaben 62 Prozent an, sich regelmäßig Gedanken darüber zu machen.
Eine zunehmende Polarisierung innerhalb der Gesellschaft mag zwar bestehen. Aber 62 Prozent – das ist eine klare Mehrheit. Im Politischen würde man in so einem Fall sogar von einer absoluten Mehrheit sprechen. Man kann in dieser Mehrheit einen Auftrag sehen. Denn die Mehrheit interessiert sich dafür, was mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt passiert.
Auch die Politökonomin und Transformationsforscherin Prof. Maja Göpel äußert sich zuversichtlich gegenüber Zukunftsszenarien, die unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt betreffen.
Eine offene und lernende Gesellschaft ist immer gut beraten zu sagen, gerade Minderheitenmeinungen wollen wir anhören, weil dort könnte Innovation schlummern, dort könnte ein blinder Fleck aufgedeckt werden.
In der dritten Folge von Deutschland wird gut. Wetten? spricht sie mit Alev Doğan über die große kompromissbereite Mitte, Spaltungsstrategien und Polarisierungen und wem es nützt, wenn aus einer Sachfrage ein Kulturkampf gemacht wird. Außerdem spricht Göpel über den Wunsch nach einem gemeinsamen Kompass in der Gesellschaft, warum wir uns gerade darum auch bemühen müssen und gibt Impulse aus der Wissenschaft, die zu mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt finden könnten.
Was ich im Moment total spannend finde: parteilose Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister. Die kriegen es meistens besser hin, Zusammenwirken zu organisieren.
Das Gespräch des Formats Deutschland wird gut. Wetten? mit Prof. Maja Göpel finden Sie hier.
Ihre Meinung ist gefragt: Geben Sie hier auf dem Stimmungsbarometer Ihre Stimme ab und zeigen Sie, ob auch Sie an das zuversichtliche Zukunftsszenario von Dirk Steffens glauben.
Deutschland wird gut. Wetten? ist ein Format von The Pioneer.
In jeder Folge nimmt sich Alev Doğan ein Thema vor, an dem dieses Land scheinbar verzweifelt. Bildung. Klima. Gesundheit. Zusammenhalt. Mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport arbeitet sie heraus, wo es begründeten Anlass für Optimismus gibt und warum es besser wird, als die öffentliche Debatte glauben lässt.