Deutschland wird gut. Wetten?

Die guten Nachrichten der Pflegebranche – es gibt sie noch

Bis 2049 könnten bis zu 690.000 Pflegekräfte fehlen. Die Debatten verlaufen angespannt – doch die Realität stimmt zunehmend positiv: Von Allzeithochs bei Auszubildenden und Absolventen, steigenden Löhnen, neuen Kompetenzen und Krankenhäusern, die es schaffen, Personal wie Magnete anzuziehen.
Miriam Augscheller
Heute
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Vor rund sechs Jahren wurde ausgesprochen viel geklatscht. Groß war der Beifall auf den Balkonen, Lob und Zuspruch prasselten auf den Social-Media-Plattformen auf die Pflegebranche ein, Dankbarkeit und Ehrfurcht herrschten auf den Stationen selbst. Und als die Pandemie ihren Ausklang fand und der Gesundheitsnotstand ganz offiziell aufgehoben wurde, so verschwand damit auch die Symbolik. Was blieb, und wohl nie ganz behoben gewesen war, erst recht nicht zu Pandemiezeiten, das war die strukturelle Überforderung eines Systems.

Denn auch aktuell reißen die apokalyptischen Debatten rund um das Gesundheitssystem in Deutschland nicht ab. Im Gegenteil: Es wird von einem akuten und anhaltenden Mangel an Pflegepersonal gesprochen, von Krankenkassen, die implodieren. Eine ganze Branche geht auf dem Zahnfleisch. Es ist Pflegenotstand. Die Konsequenz: Bei Patienten muss entschieden werden, wie krank sie sind, wie akut ein Anliegen ist, bevor geholfen werden kann. Im Zweifel besteht im Helfen eine Abwägung: Der akuteste Fall muss bevorzugt werden, Triage.

Laut dem diesjährigen Fachkräftemonitoring der Deutschen Krankenhausgesellschaft zählt das Krankenhauswesen insgesamt mit rund 1,46 Millionen direkten Beschäftigungsverhältnissen und ungefähr 1,7 Millionen Erwerbstätigen zu den größten Beschäftigungszweigen Deutschlands. In einer Branche, in der so viele Menschen arbeiten wie in einer größeren Stadt leben, klagen große Teile seit Jahren über Überlastung.

Dabei wurden einige Grenzen bereits gezogen: Die Personaluntergrenzen. Sie geben die maximale Anzahl von Patienten an, die eine Pflegekraft gleichzeitig betreuen kann. Für die Intensivstation etwa liegt diese Grenze bei zwei Patienten pro Pflegekraft in der Tagschicht, in der Nachtschicht sind es drei Patienten pro Pflegekraft. Krankenhäuser, die sich an diese Vorgaben nicht halten, müssen Vergütungsabschläge hinnehmen, so das Bundesministerium für Gesundheit.

Ein Krankenzimmer im Urban-Krankenhaus in Berlin, 2004 © Imago

Die tägliche Realität jedoch, die scheint auf den Stationen eine andere zu sein. So zitiert der GKV-Spitzenverband, dass etwa 15 Prozent der Schichten regelmäßig unterbesetzt sind. Der Wettlauf um die Zeit, es sind die Umstände, die es schlicht unmöglich machen, den eigenen Ansprüchen an die Pflege gerecht zu werden – man weiß um diese Schilderungen aus der Pflege.

Dazu steigt der Bedarf an Pflegepersonal seit Jahren kontinuierlich. Aufgrund des demografischen Wandels müssen mehr und mehr ältere und pflegebedürftige Menschen versorgt werden. Zeitgleich nimmt die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte ab, so das DKG-Fachkräftemonitoring 2026, und Prognosen weisen auf erhebliche Versorgungslücken hin. Die Folgen des demografischen Wandels beinhalten, dass bis zum Jahr 2035 mindestens einer von vier Krankenhausbeschäftigten – und damit umgerechnet mehr als 300.000 Mitarbeitende – altersbedingt aus den Kliniken ausscheiden wird, so das DKG-Fachkräftemonitoring.

Im Jahr 2019 lag der Bedarf für Pflegekräfte in Deutschland bei 1,62 Millionen, so das Statistische Bundesamt. Diese Zahl wird bis zum Jahr 2049 voraussichtlich um rund ein Drittel steigen. Es werden dann voraussichtlich zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen, so die Berechnung.

2,15 Millionen – das ist die Zahl an Pflegekräfte, die dann benötigt werden wird. Die Frage, die wie ein Damoklesschwert über den Köpfen einer Nation schwebt, lautet also: Wer pflegt das Deutschland von morgen?

Die Ressource Mensch, sie bleibt der Schlüssel für ein gutes und menschliches Pflegesystem. Und auch wenn es derzeit zu wenige Pflegekräfte gibt – einige Lichtblicke und positive Entwicklungen für die Branche bestehen. Es handelt sich dabei um wesentliche Weichenstellungen, diese könnten langfristig aus dem Pflegenotstand einen Pflegeaufbruch schaffen.

So ist die Zahl neuer Auszubildender in der Pflege im Jahr 2025 zum dritten Mal in Folge gestiegen.

Im vergangenen Jahr haben so laut dem Statistischen Bundesamt rund 64.300 Auszubildende einen neuen Ausbildungsvertrag zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann abgeschlossen. Mehr als 35.300 haben die Ausbildung im Jahr 2025 erfolgreich beendet. Zwar ist die Abbruchquote relativ hoch, in Berichten wird von etwa 30 Prozent gesprochen. Doch die Tendenz bleibt bestehen: Sowohl die Zahl der Auszubildenden im ersten Lehrjahr als auch die Zahl der Absolvierenden stehen auf einem Allzeithoch.

Die Zahl der Auszubildenden insgesamt lag bis zum 31. Dezember 2025 bei knapp 157.200 – das allein ist ein Plus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zudem verzeichnete das seit 2024 vergütete Pflegestudium im vergangenen Jahr etwa acht Prozent mehr Studienanfänger als im Vorjahr.

Ein anhaltendes Beschäftigungswachstum und Rekordzahlen bei den Ausbildungsplätzen bestehen also – doch laut DKG-Fachkräftemonitoring hat ein Großteil der Krankenhäuser weiterhin große Probleme, offene Stellen zu besetzen. Die Gesamtsituation in der Pflege ist davon geprägt, dass es zu viele offene Stellen und zu wenige Fachkräfte gibt.

Das Krankenhauswesen zählt zu den größten Beschäftigungszweigen Deutschlands © Imago

Somit konkurrieren Krankenhäuser gegeneinander um Mitarbeitende. Denn viele Krankenhäuser haben die Mängel erkannt und arbeiten an ihrer Behebung. Sogenannte Magnet-Krankenhäuser ziehen Personal an, während andere Kliniken es verlieren. Hierbei handelt es sich um zertifizierte Krankenhäuser unter der Lizenz des American Nurses Credentialing Center. Das Arbeitsumfeld soll in Magnet-Krankenhäusern durch eine umfassende Organisationsentwicklung verbessert werden, damit verbunden soll ein Kulturwandel sein, so der Krankenhaus-Report 2023. Pflegende werden dabei an Entscheidungsfindungen beteiligt und werden dazu befähigt, sich weiterzuentwickeln, so der Report. Der Magnet-Status eines Krankenhauses soll sich auch positiv auf die Qualität der Versorgung und die Zufriedenheit der Patienten auswirken. Von 2020 bis 2024 erfolgte die Studie Magnet4Europe, an der 60 Krankenhäuser in Europa, darunter 21 in Deutschland, teilnahmen und die Prinzipien implementierten.

Eine Sensibilisierung für eine attraktive Ausrichtung von Pflegeberufen hat längst stattgefunden. Das DKG-Fachkräftemonitoring verweist ebenfalls darauf, dass Krankenhäuser nach eigenen Angaben bereits eine Reihe von Maßnahmen ergreifen. Das sind zum einen materielle Anreize, zum anderen aber auch Maßnahmen, die gesundheitsfördernd sind: Rund die Hälfte aller Krankenhäuser zählt flexible Arbeitszeitmodelle zum krankenhausweiten Standard, so das Monitoring. Einige Kliniken beteiligen ihre Mitarbeiter auch an der Planung, etwa beim Erstellen der Dienstpläne.

Zudem steigt die Vergütung in der Pflege stetig: Von 2021 bis 2023 erhöhte sich der Medianlohn in der Altenpflege um etwa 20,1 Prozent auf 3.894 Euro, der Medianlohn der Krankenpfleger lag 2023 bei 4.175 Euro, so ein Bericht des ifo-Instituts. Die Mindestlöhne in der Altenpflege erhöhen sich ebenfalls – zuletzt zum 1. Juli 2026.

An der Berliner Charité verdienen Pflegende laut der klinikeigenen Website im Schnitt zwischen 65.000 und 75.836 Euro brutto pro Jahr, inklusive aller Zulagen, Zuschläge, Weihnachtsgeld und Stabilitätsdienste – und sofern sie Vollzeit arbeiten. Zudem gibt es Modelle wie das der Entlastungspunkte: Wird ein bestimmter Personalschlüssel nicht erreicht, sind Stationen also unterbesetzt, können sich die Pflegekräfte auszahlen lassen.

Eine weitere Erleichterung gegen den demografischen Wandel stellen Pflegekräfte aus dem Ausland dar, die bereits eine fundamentale Stütze im Gesundheitswesen sind. Derzeit kommt fast jede fünfte Pflegekraft aus dem Ausland: 2024 waren es 17,8 Prozent, viermal so viel wie im Jahr 2013, da waren es lediglich 5,5 Prozent, das schreibt der Mediendienst Integration. In Deutschland arbeiten 300.000 ausländische Pflegekräfte, davon etwas mehr in der Krankenpflege als in der Altenpflege. Bereits seit der vergangenen Legislaturperiode besteht auf politischer Seite das Ziel, die Rahmenbedingungen für die Anwerbung und Integration von internationalen Fachkräften zu verbessern, so das Pflegenetzwerk Deutschland.

Und: Seit dem 1. Januar 2026 gibt es einen neuen Hebel, der langfristig viel verändern könnte. Er trägt den Titel „Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“ und setzt an zwei maßgeblichen Stellen an, um eine Branche, in der die Ressource Mensch mitunter die wichtigste ist, letztendlich menschlicher zu gestalten: Die Kompetenzen der Pflegekräfte, die sie bereits haben, aber ohne ärztliche Absprache noch nicht einsetzen dürfen, sollen effizienter zum Einsatz kommen. Zudem wird auf Bürokratieabbau gesetzt.

Nach diesem Pflegekompetenzgesetz – so wird es umgangssprachlich genannt – bekommen Pflegefachpersonen künftig je nach ihrer Qualifikation mehr Befugnisse. Sie können eigenständig Aufgaben übernehmen, die bisher Ärzten vorbehalten waren. Sie müssen in Zukunft also nicht mehr in jedem Fall den Arzt kontaktieren.

Bisherige Absurditäten in der Befugniskette könnten somit in Zukunft verringert werden. Ein Beispiel: Pfleger mussten bisher einen Arzt kontaktieren, wenn sie bei Patienten mit Diabetes bei der Messung von Blutzuckerwerten feststellten, dass die Insulindosis angepasst werden muss. Nach dem Pflegekompetenzgesetz können sie selbst handeln.

Daneben enthält das Gesetz zahlreiche Maßnahmen zur Entbürokratisierung. Dazu gehören unter anderem geringere Dokumentationspflichten und vereinfachte Verfahren bei Anträgen auf Pflegeleistungen und Vergütungsverhandlungen, so das Pflegenetzwerk Deutschland. Pflegern kann damit zukünftig wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit bleiben – für die pflegerische Versorgung der Menschen.

Durch weniger Bürokratie bleibt in der Pflege mehr Zeit für den Menschen © Imago

Durch das Pflegekompetenzgesetz sollen außerdem jährliche Entlastungen für die Wirtschaft in Höhe von rund 98 Millionen Euro entstehen. Davon entfallen etwa 58 Millionen Euro auf eingesparte Bürokratiekosten, die insbesondere durch vereinfachte oder wegfallende Informationspflichten erzielt werden, so das Pflegenetzwerk Deutschland.

Auch im ambulanten Bereich tut sich etwas: Initiativen, die das klassische und stationäre Pflegesystem in Krankenhäusern und Heimen erweitern und unterstützen, stimmen zuversichtlich.

Eines davon ist das niederländische Projekt Buurtzorg, übersetzt „Nachbarschaftspflege“. Das Pflegekonzept gibt es auch in Deutschland, in München und Münster. Dabei organisieren sich Teams von ungefähr zehn bis zwölf Personen selbstständig und eigenverantwortlich. Sie kümmern sich lokal und im Umkreis von fünf Kilometern um ambulante Pflege. Abgerechnet wird bei Buurtzorg nach eigenen Angaben nach Zeit, nicht nach Leistungsbausteinen. Dabei soll mehr Zeit für die zu pflegenden Personen bleiben und es soll weniger Bürokratie anfallen. Ganze 24 Länder sollen ihre ambulante Betreuung nach dem Pflegemodell von Buurtzorg ausgerichtet haben, schreibt das Unternehmen selbst.

Daneben besteht das Modell der Community Health Nurses. Hierbei handelt es sich um Pflegekräfte, die eine Mischung aus Beratung, Begleitung und pflegerischen Interventionen bereitstellen können – ein niedrigschwelliges, ambulantes Versorgungsangebot für die Primärversorgung, so das Pflegenetzwerk Deutschland. Es ist im Prinzip eine Vorauffangstelle, um nicht für alle Anliegen in eine Klinik zu müssen, ein erster Ansprechpartner, so der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe.

In Ländern wie England, Finnland oder Spanien kennt man derartige Modelle bereits. Dabei handelt es sich um Pflegefachpersonen mit Masterabschluss, man nennt sie Advanced Practice Nurses, so der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe. Ein Gesetz, das die Funktion und Befugnisse von den Advanced Practice Nurses regelt, soll noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden, berichtet das Deutsche Ärzteblatt.

Die Herausforderungen im Pflegebereich bestehen weiterhin – inwieweit sich die Maßnahmen in der alltäglichen Praxis widerspiegeln, wird sich zeigen. Die ersten Weichen für eine positive Veränderung wurden dafür gestellt. Höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Kompetenzen und Eigenverantwortung, eine höhere Wertschätzung für den Pflegeberuf und ambulante Zusatzangebote zeigen auf: Die Möglichkeit des Pflegeaufbruchs, sie besteht.


Auch der Intensivpfleger Ricardo Lange äußert sich zuversichtlich über Zukunftsszenarien, die das Gesundheitssystem betreffen. Mit Alev Doğan spricht er in Deutschland wird gut. Wetten? über die Tragweite der Entscheidungsgewalt, die der Pflege seit Januar endlich zugetraut wird, über die Frage, wie der Beruf die Menschen halten kann, die er gerade anzieht, und über den einen Satz, den er von Sterbenden am häufigsten hört.

Lange ist zuversichtlich – aus dem Pflegenotstand kann Pflegeaufbruch werden:

Die große Chance ist da, man muss sie nur nutzen.

Zu den neuesten Entwicklungen für die Pflege, auch mit Blick auf künstliche Intelligenz, sagt der Intensivpfleger:

Ich möchte, dass die Menschlichkeit in diesem Beruf erhalten bleibt. Ich glaube, dass die Pflege einer der zukunftssichersten Berufe der Zukunft sein wird.

Das vollständige Gespräch mit Ricardo Lange finden Sie hier.

Außerdem ist Ihre Meinung gefragt: Geben Sie hier auf dem Stimmungsbarometer Ihre Stimme ab und zeigen Sie, ob auch Sie an das zuversichtliche Zukunftsszenario von Ricardo Lange glauben.

Deutschland wird gut. Wetten? ist ein Format von The Pioneer.

In jeder Folge nimmt sich Alev Doğan ein Thema vor, an dem dieses Land scheinbar verzweifelt. Bildung. Klima. Gesundheit. Zusammenhalt. Mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport arbeitet sie heraus, wo es begründeten Anlass für Optimismus gibt und warum es besser wird, als die öffentliche Debatte glauben lässt.

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