Deutschland wird gut. Wetten?

Die Nation der Tüftler, Erfinder und Gründer und was sie ausmacht

Bürokratiehürden, hohe Energiepreise, Werkschließungen und Stellenabbau. Die Sorge um das Gründertum ist groß. Dabei sind die Gründungszahlen gestiegen, die Start-up-Szene floriert, Rekorde werden gefeiert. Wie steht es wirklich um die Gründer in Deutschland?
Miriam Augscheller
Heute
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Endlich etwas Eigenes.

Eine Idee, eine Marktlücke. Womöglich mit gesellschaftlichem Mehrwert oder auch nur zur persönlichen Selbstverwirklichung, etwas, das es noch nie zuvor gegeben hat oder eben noch nie derart gut gegeben hat – das soll es nun geben.

Zu dieser Mischung aus Euphorie und Nervosität (nun wird alles auf eine Karte gesetzt!) gesellt sich in Deutschland ein weiterer Umstand: die Bürokratie. Eine Genehmigung in der Gastronomie oder im Handwerk kann bis zu drei Monate dauern. Die Wartezeiten für einen Termin beim Notar können sich ziehen, bis eine Gesellschaft ins Handelsregister eingetragen ist, verstreicht wieder Zeit. Dazu: Eröffnung des Geschäftskontos, Elster-Fragebogen. Datenschutzerklärung, Impressum, AGB.

Ein kleiner Blick ins europäische Ausland macht das Ausmaß deutlich und lässt aufächzen: In Estland lässt sich innerhalb von 24 Stunden gründen, digital. Wer in Deutschland etwas schaffen will, sitzt zunächst vor einem Stapel Papier. Die Hürden für Gründungen in Deutschland sind hoch. Und sie werfen die Frage auf: Haben gute Ideen und das Streben nach Innovation überhaupt noch eine Chance?

Nicht nur neue Gründer stehen vor Herausforderungen. Die alten Traditionsunternehmen der Bundesrepublik stecken in der Krise. Wo einst Daimler, VW und Siemens entstanden, steht in letzter Zeit vor allem eines: große Sorge um das einstige Land der Gründer. Am 1. April vor 54 Jahren wurde in Deutschland der letzte Weltkonzern gegründet: SAP. Ähnliche und beständige Ausmaße sucht man in der heutigen Zeit bislang vergeblich, Werke von großen Konzernen werden geschlossen, Stellen über Jahre hinweg abgebaut.

Und selbst wer die Gründung letztendlich geschafft hat, der verbringt im Schnitt 5,1 Stunden wöchentlich mit der Erfüllung gesetzlicher und regulatorischer Anforderungen, so der KfW-Gründungsmonitor 2026.

Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Doch in einem anderen Ländervergleich scheint das Podium weit entfernt. So zeigt der Global Innovation Index, eine weltweite Studie der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO): Deutschland ist im vergangenen Jahr im Ranking vom neunten auf den elften Platz zurückgefallen. Kurz gesagt: Deutschland gehört nicht mehr zu den zehn innovativsten Volkswirtschaften.

Steigende Preise für Energie und Wareneinkauf erschweren die Gründung, dazu diese Angst vor dem Scheitern. Damit hat man es nicht so. Stichwort: Fehlerkultur. Die fehlt, wird gemunkelt.

Wer gründet denn in so einem Land, unter derartigen Zuständen noch?

640.500. Das ist die Gesamtzahl der Neugründungen aus dem vergangenen Jahr, so das Statistische Bundesamt. Es wird derzeit so viel gegründet wie lange nicht mehr. Und die Belege, die dafür sprechen, dass Deutschland wieder ein Land der Gründer wird und auch bereits jetzt eines ist, die gibt es zur Genüge.

Aufbruch am Bahnhof: „La Gare Saint-Lazare“ von Claude Monet © Imago

Die Neugründungen sind 2025 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt um 7,7 Prozent. Und auch die Gewerbeanmeldungen stiegen um 6,4 Prozent auf rund 762.400, darunter Betriebsübernahmen und Umwandlungen.

Und: Das Europäische Patentamt erhielt im vergangenen Jahr eine Rekordzahl von Patentanmeldungen: 201.974. Die Zahl stieg somit leicht um 1,4 Prozent. Darin kann auch ein Frühindikator für Investitionen in Forschung und Entwicklung gesehen werden. Die Patentanmeldungen aus Deutschland sind zwar leicht gesunken, aber immer noch hoch.

Ideen, die sich patentieren lassen, gibt es reichlich, das belegen die europäischen Zahlen. Und auch das ist nur auf den ersten Blick überraschend – denn es wächst gerade eine neue Generation von Unternehmern heran, die sich für Technik und Technologie interessieren.

Folgendes zeigen die Daten des KfW-Gründungsmonitors und von Statista:

  • Deutschlands typischer Gründer ist männlich, zwischen 25 und 34 Jahre alt und akademisch qualifiziert.

  • 35 Prozent – das ist der Anteil an Frauen unter den Gründenden.

  • Unter den Gründern ist im vergangenen Jahr der Anteil von unter Dreißigjährigen stabil bei 40 Prozent geblieben.

  • Das Alter der Gründer sinkt leicht, zuletzt von 34,4 auf 34,2 Jahre.

  • Außerdem: Der Anteil von Gründern mit akademischem Hintergrund wächst, 2025 waren es 34 Prozent.

Ein Grund dafür dürfte ein verändertes Image des Gründers und des Investors sein, durch Social Media, aber auch durch das lineare Fernsehen. Influencer machen jahrelang Werbung für andere, bis sie schließlich die Vermarktung für ihre eigene Brand vorziehen. Und wie viel Prozent Firmenanteil der Löwe bei Die Höhle der Löwen bekommt, können Schüler auf dem Pausenhof aus dem Kopf zitieren. Mittlerweile gibt es zwanzig Staffeln der Sendung.

Was bewegt diejenigen, die trotz der aktuell großen Hürden – das sind eben vor allem die Bürokratie, aber auch das finanzielle Risiko, die Angst vor dem Scheitern und die steigenden Kosten für Energie und Wareneinkauf – gründen?

Grundsätzlich lässt sich sagen, so der KfW-Gründungsmonitor, dass Existenzgründungen größtenteils persönlich motiviert sind oder eben zum Zwecke der Einkommenserzielung realisiert werden. Ein höheres oder zusätzliches Einkommen zu generieren, das ist bei Nebenerwerbsgründungen nach wie vor das dominierende Motiv, so steht es im Gründungsmonitor. Beim Vollerwerb ist es anders: Da dominieren die Motive Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Im vergangenen Jahr wollten außerdem mehr Gründer im Nebenerwerb eine konkrete Geschäftsidee ausprobieren. Hierbei stieg der Anteil von zwölf auf 15 Prozent.

Der Anteil derjenigen, die sich unabhängig von ihrer aktuellen persönlichen Situation für die berufliche Selbstständigkeit entschieden hätten – der KfW-Gründungsmonitor spricht hierbei vom „Gründergeist“ – ist 2025 leicht von 25 auf 26 Prozent gestiegen. Damit ist dieser sogenannte Gründergeist bei Menschen im erwerbsfähigen Alter zwar weiter gering, aber eine steigende Tendenz besteht.

Neben den klassischen Gründungen besteht eine große Start-up-Szene in Deutschland, die stetig wächst.

Dabei erscheint es recht kurios, dass ein Viertel der Gründer aus dem vergangenen Jahr ihre Existenzgründung als Start-up beschreibt, obwohl das nicht ganz stimmt. Laut Startup-Verband zählen hierzu nur Jungunternehmen, die keine zehn Jahre alt, in ihren Produkten oder Dienstleistungen hoch innovativ sind und ein geplantes Mitarbeiter- und Umsatzwachstum aufweisen. Viermal mehr Menschen bezeichnen ihre Gründung als Start-up, als dass solche zu identifizieren sind, so der KfW-Gründungsmonitor.

Die Gründerväter der USA in „Declaration of Independence“ von John Trumbull © Wikimedia

Erklärt wird das auch damit, dass Start-ups medial überproportional präsent sind. Das könnte wiederum dazu geführt haben, dass Gründer eher dazu tendieren, ihr Unternehmen als Start-up zu bezeichnen, auch wenn es nicht die typischen Start-up-Merkmale aufweist.

Viele Start-ups gibt es in Deutschland trotzdem, und sie werden mehr: Im Jahr 2025 waren es so viele wie nie. Es wurden 3.568 Neugründungen verzeichnet, ein Zuwachs von 29 Prozent gegenüber 2024. Die meisten Neugründungen im vergangenen Jahr entstanden in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Besonders häufig vertreten sind darunter technologienahe Geschäftsmodelle, angeführt von der Softwarebranche, so der Report Next Generation.

Nach dem Report ist Künstliche Intelligenz dabei der zentrale Treiber dieser Entwicklung: So stieg der Anteil von Start-ups mit KI-Bezug von 18 Prozent im Jahr 2024 auf 27 Prozent im Jahr 2025, dabei ist KI wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells. Außerdem nehmen Start-ups im Food-Sektor und im medizinischen Bereich deutlich zu.

Nicht nur gibt es derzeit einen Aufschwung bei den Gründungszahlen der Start-ups. Es gibt auch immer mehr Unicorns, also nicht börsennotierte Start-ups, die mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. In Deutschland gibt es laut dem Hurun Global Unicorn Index 2026 einen neuen Rekord: 32 Einhörner. Andere Quellen sprechen sogar von bis zu 39 Unicorns.

„Dame mit dem Einhorn“, ein Gemälde von Raffael, entstanden zwischen 1505 und 1507 © Imago

Der Sprung zum Vorjahr ist groß: Damals waren es noch 26 Unicorns. Damit liegt Deutschland innerhalb der EU auf Platz eins und weltweit auf dem fünften Platz. Davor stehen nur noch die USA, China, Großbritannien und Indien.

Immer mehr der deutschen Unicorns schlagen weltweite Wellen: Parloa, Isar Aerospace, n8n, Black Forest Labs, Helsing, Quantum Systems.

Die Trends, die weiterhin für ein Deutschland als Land der Gründer, Erfinder und Tüftler sprechen, sind also da. Doch wie erhält man diesen Innovationsdrang und diese Ideenstärke aufrecht?

Selbstredend sind am Erfolg von Ideen Investitionen wesentlich beteiligt. Die Investitionen in deutsche Jungunternehmen stiegen im ersten Halbjahr dieses Jahres um 14 Prozent, auch wenn es weniger Finanzierungsrunden gab, so das EY-Startup-Barometer Deutschland aus dem Juli 2026. Dort wird außerdem angeführt: Im ersten Halbjahr erhielten deutsche Jungunternehmen knapp 5,3 Milliarden Euro.

Außerdem muss die Bürokratie unbürokratischer werden. Das Pilotprojekt G24 – Gemeinsam Schneller Gründen von Bund, Ländern und Kommunen möchte an dieser Stelle ansetzen. Damit sollen Gründungen von Einzelunternehmen innerhalb von 24 Stunden möglich werden, die Gewerbeanmeldung soll vollständig digital vonstattengehen und einige der Einzelschritte sollen über eine zentrale Plattform passieren.

Ein weiterer Hebel wäre die gezielte Förderung von jungen Menschen, die sich bereits sehr innovationsoffen zeigen – und von Gründerinnen, um den Frauenanteil unter den Gründenden von 35 Prozent zu erhöhen.

Die Großkonzerne aus der Vergangenheit haben Schwierigkeiten. Aber: Neue, innovative Unternehmen kommen nach. Junge Menschen haben Lust, ihre Ideen in die Realität umzusetzen, auch, weil das Gründen ein zunehmend positives Image genießt. Die Quote von aktiven Gründungsplanungen ist 2025 von 4,9 auf 5,1 Prozent leicht gestiegen, sagt der KfW-Gründungsmonitor. Die deutschen Weltkonzerne von morgen, sie sind womöglich bereits in der Entstehung.

Und man kann anerkennen: Wer unter erschwerten und unübersichtlichen Bedingungen gründet, der will es unbedingt. Solche Menschen sind vor allem eines: zuversichtlich.


Auch der Unternehmer und Start-up-Investor Carsten Maschmeyer äußert sich zuversichtlich, was die Gründerszene von heute und morgen anbelangt.

Die Menschen, die für Start-ups arbeiten, und die Gründer haben einen zusätzlichen Berufstitel. Das sind Optimisten. Du gründest nicht, wenn du Pessimist bist.

In der vierten Folge von Deutschland wird gut. Wetten? spricht er mit Alev Doğan über Deutschland als Gründerland, über die bestehenden Chancen, aber auch über die Diskrepanz, die zwischen der Selbstwahrnehmung und der Realität besteht, wenn es um das Gründen in der Bundesrepublik geht.

Es ist ein Gespräch darüber, warum Maschmeyer seine Zuversicht trotz der Bürokratiehürden für die Gründer dieses Landes behält, was ein Start-up wirklich erfolgreich macht – und warum er auch gerne jemanden einstellt, der selbst gegründet hat und damit gescheitert ist.

Eine Erfindung alleine reicht nicht. Viele Gründungsteams sind gut in der Innovationserfindung, sie haben eine bahnbrechende Idee – aber können sie Hunderte Mitarbeiter führen?

Das Gespräch des Formats Deutschland wird gut. Wetten? mit Carsten Maschmeyer finden Sie hier.

Ihre Meinung ist gefragt: Geben Sie hier auf dem Stimmungsbarometer Ihre Stimme ab und zeigen Sie, ob auch Sie an das zuversichtliche Zukunftsszenario von Carsten Maschmeyer glauben.

Deutschland wird gut. Wetten? ist ein Format von The Pioneer.

In jeder Folge nimmt sich Alev Doğan ein Thema vor, an dem dieses Land vermeintlich verzweifelt. Bildung. Klima. Gesundheit. Zusammenhalt. Mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport arbeitet sie heraus, wo es begründeten Anlass für Optimismus gibt und warum es besser wird, als die öffentliche Debatte glauben lässt.

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