Deutschland wird gut. Wetten?

1,8 Millionen Hektar Klimahoffnung

Neun von zehn deutschen Mooren wurde das Wasser genommen, aus einst stillen Kohlenstoffspeichern wurden Emissionsquellen. Diese Entwicklung ist kein Naturgesetz, aber von großer Bedeutung. Denn was in den Mooren unter Gras und Wasser liegt, entscheidet mit – über Klimawandel und Artensterben.
Miriam Augscheller
Heute
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Normalerweise ist es hier ständig nass. Zwischen Torfmoosen und kleinen Pfützen wachsen Sträucher und Gräser. Vereinzelt blühen auch kleine Blumen. Es ist laut – es zirpt, es quakt, es summt. Hier und da finden sich im Boden Stellen, die ausgetrocknet wirken.

Von Flächen wie diesen hat Deutschland laut Bundesumweltministerium über 1,8 Millionen Hektar. Das entspricht der Größe von 2.521.008 Fußballfeldern, das ist so groß wie die Fläche des Saarlands – wenn man es mal sieben nimmt.

Es ist recht schön hier, idyllisch, bei schlechtem Wetter und Nebel beinahe mystisch. In Literatur und Kunst sind die Moore sagenumwoben. Rainer Maria Rilke verbrachte eine kurze Lebensetappe nahe des Teufelsmoors, der Romantiker Caspar David Friedrich malte moorähnliche Landschaften mit Öl und Pinsel auf Leinwand. Moore sind Schauplatz für schaurige Geschichten und Märchen. Will man ihnen glauben, so sollen ganze Dörfer bereits im Moor verschwunden sein.

Die mystische Assoziation zum Verschwinden ist gar nicht so verkehrt – denn Moore „schlucken Kohlenstoff“ und sind ein effizienter Kohlenstoffspeicher.

Laut dem Bundesamt für Naturschutz wird für Deutschland angenommen, dass in den deutschen Mooren genauso viel Kohlenstoff gespeichert wird wie in den Wäldern. Allerdings gibt es viel mehr Wälder als Moore: Die gesamte Landfläche, die in Deutschland von Moor bedeckt ist, beträgt vier bis fünf Prozent. Wälder hingegen nehmen ungefähr 30 Prozent der Landfläche ein.

Eine Kiefer im Teufelsmoor in Niedersachsen © Imago

Die planetaren Grenzen geraten zunehmend unter Druck: der Klimawandel, die Überladung mit neuartigen Substanzen (wie etwa Plastik oder künstliche radioaktive Stoffe), der Abbau der Ozonschicht, die Aerosolbelastung der Atmosphäre, die Versauerung der Ozeane, die Störung der biogeochemischen Kreisläufe, die Veränderung in Süßwassersystemen, die Veränderung der Landnutzung und die Veränderung in der Integrität der Biosphäre.

Das Konzept der planetaren Grenzen geht auf einen Fachartikel zurück, der im Jahr 2009 von internationalen Wissenschaftlern des Stockholm Resilience Centre veröffentlicht wurde. Bei einer Überschreitung der planetaren Grenzen besteht das Risiko für großräumige und irreversible Umweltveränderungen. In diesem Kontext spricht man auch oftmals von sogenannten „Kipp-Punkten“.

Die Welt ist in Aufruhr: Kipp-Punkte rücken näher, schätzungsweise eine Million Arten sind aufgrund menschlicher Aktivitäten bedroht, ganze Lebensräume stehen unter Druck, Hitzewellen und Waldbrände prägen die Sommer. Mitten in dieser Lage sitzt Deutschland auf einem ökologischen Schatz: den Mooren – einem wichtigen Schlüssel auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Um zu verstehen, warum Moore gegen den Klimawandel so wertvoll sind und die Biodiversität fördern, muss man wissen, was sie ausmacht.

Der Boden von Mooren besteht aus Torf, einer unvollständig zersetzten Substanz aus pflanzlichen Überresten. Ist ein Moor intakt, so lagert es in diesem Torf Kohlenstoff ein und bindet ihn, anstatt ihn in die Atmosphäre abzugeben. Dieses Ökosystem trägt unter anderem zum Natur- und Artenschutz, zur Regulierung des Landschaftswasserhaushalts und zur Wasserqualität bei.

Doch aktuell zählt ein Großteil der Moore in Deutschland nicht zu den Klimarettern, im Gegenteil – sie sind eine große Quelle von Treibhausgasen.

Luftbild eines Moors in Niedersachsen © Imago

Der Grund dafür liegt, wie so oft beim Klimawandel, beim Menschen. Denn eigentlich, in ihrem natürlichen Zustand, sind Moore ständig nass. Seit Beginn der Industrialisierung wurden in Deutschland allerdings über 90 Prozent aller Moore trockengelegt, so der Mooratlas der Heinrich-Böll-Stiftung, des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Michael-Succow-Stiftung.

Der Wasserspiegel sinkt, Sauerstoff kommt an die Torfschicht, abgestorbene Pflanzenteile werden zersetzt. In der Konsequenz wird der im Moorboden gespeicherte Kohlenstoff in Form von Kohlendioxid freigesetzt. Und das ist eine erhebliche Menge – im Jahr 2023 waren es laut Umweltbundesamt rund 50,8 Millionen Tonnen. Das entspricht ungefähr sieben Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen im selben Jahr.

Ursprünglich wurde entwässert, um Moore für die Landwirtschaft zu nutzen, um Grünland für die Milchviehwirtschaft anzubauen, für Ackerbau und Forstwirtschaft. Wo einst Pfützen, wilde Sträucher und Gräser wuchsen, wird heute größtenteils Landwirtschaft auf trockengelegten Flächen betrieben.

Eine Infografik mit dem Titel: So viel Treibhausgas stoßen Moore aus

Anteil der Moore an den Gesamtemissionen von Treibhausgasen von 1990 bis 2025, in Prozent

Doch aus dem Untergang der Moore könnte ein Neuanfang werden.

Dazu müssten die drainierten Moorflächen wiederhergestellt werden, indem der Wasserstand gezielt angehoben wird. Denn nasse Moore setzen kein Treibhausgas mehr frei, sondern binden es sogar wieder und wachsen nach. Dies würde zu wesentlich geringeren CO2-Emissionen führen. Nasse Moore filtern außerdem Wasser und helfen bei Dürreperioden wie Überschwemmungen.

Eine zusätzliche Chance für einen Schritt weiter in Richtung Klimaneutralität könnte die landwirtschaftliche Nutzung von nassem Moorboden sein: die Paludikultur. Dabei werden Pflanzen angebaut, die auf nassem Boden wachsen – etwa Schilf, Röhricht, Großseggenried, Torfmoos oder Schwarzerle. Dadurch steigt die Biodiversität, auch bedrohte Tierarten könnten profitieren.

Der Ausbau von Moor-Photovoltaik (Moor-PV) ist eine weitere Maßnahme, um die Moore für den Klimaschutz zu nutzen. Dabei wird Solarstrom erzeugt und gleichzeitig dauerhaft wiedervernässter Moorboden genutzt – zusätzliche Flächen für erneuerbare Energien entstehen, und für Landwirte könnten sich neue Einnahmequellen ergeben.

Für das Klima hätte das gleich mehrfachen Nutzen – entsprechend wird seit 2023 im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die Errichtung von Solaranlagen auf ehemals trockengelegten Moorflächen in Deutschland finanziell gefördert, wenn diese denn dauerhaft wiedervernässt werden.

Moor im Müritz-Nationalpark, Mecklenburg-Vorpommern © Imago

Das theoretische Wissen der Forschung hat die Praxis längst erreicht: Erste Initiativen werden umgesetzt, und auch auf politischer Seite weiß man um die Chance, die Moore bieten.

So gehört der Moorbodenschutz zu den maßgeblichen Zielen für ein Erreichen der Klimaneutralität bis 2045. Im Jahr 2022 beschloss das Kabinett eine Nationale Moorschutzstrategie als Teil des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz (ANK). Sie ist zunächst nur eine Strategie – eine direkte Umsetzung der Maßnahmen lässt sich daraus noch nicht ableiten.

Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts den Netto-Ausstoß von Treibhausgasen auf null zu senken. Die Moorfläche, die in Deutschland jährlich wiedervernässt werden müsste, um dieses Ziel nicht zu verfehlen, beträgt 50.000 Hektar, so der Mooratlas – eine Fläche in der Größe des Bodensees. Bisher wurde in Deutschland pro Jahr jedoch lediglich eine Fläche wiedervernässt, die ungefähr so groß ist wie ein Drittel des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg – 2.000 Hektar.

Neuen Aufschwung in dieser Lage könnte ein neues Maßnahmenpaket der Bundesregierung bringen. Die Förderrichtlinie Palu (der Begriff Palu kommt aus dem Lateinischen „palus“ und bedeutet so viel wie Sumpf, Pfütze) ist seit April 2026 in Kraft. Sie umfasst „Maßnahmen zur dauerhaften und weitgehenden Wiedervernässung land- und forstwirtschaftlich genutzter Moorböden und zur Unterstützung der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung wiedervernässter Moorbodenflächen“.

Mit diesem Paket wird es direkte Zuschüsse geben – vereinzelte Maßnahmen werden bis zu 100 Prozent gefördert. Die Bundesregierung stellt dafür 1,75 Milliarden Euro in Aussicht. Die Europäische Kommission hat die deutsche Regelung genehmigt und mit 1,3 Milliarden Euro Beihilfen ausgestattet. Um eventuellen Wert- und Ertragsverlusten entgegenzuwirken, sieht die Förderrichtlinie Zahlungen als Kompensation für Investitionen und Anpassungen vor.

Man weiß um die Abhängigkeit der Landwirte in diesem Anliegen: Die geförderten Maßnahmen basieren auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit. In Deutschland werden etwa zwei Drittel aller Moore landwirtschaftlich genutzt – und die meisten Moorböden befinden sich in Privateigentum.

Für die landwirtschaftlichen Betriebe sind Wiedervernässungen von Flächen eine große Herausforderung. Sie verändern die heutige landwirtschaftliche Nutzung grundlegend: Herkömmliche Bewirtschaftungsmethoden und Wertschöpfungsketten müssen ersetzt werden, wie eine Analyse der Denkfabrik Agora Agrar zeigt. Deren Bilanz: Landwirte werden ihre Moorböden nur dann wiedervernässen, wenn sie zumindest keine wirtschaftlichen Nachteile befürchten müssen.

Entwässerte Moore machen in Deutschland, so der Mooratlas, 7 Prozent der gesamten Landwirtschaftsfläche aus. Das klingt zunächst nach nicht viel, jedoch kosten diese kleinen Flächen im entwässerten Zustand beinahe so viel, wie die Landwirtschaft insgesamt einbringt.

Eine Infografik mit dem Titel: So viel kosten uns entwässerte Moore

Entwässerte Moore machen in Deutschland nur 7 Prozent der Landwirtschaftsfläche aus, kosten aber beinahe soviel wie die Landwirtschaft insgesamt einbringt

Langfristig erscheint die Kosten-Nutzen-Rechnung klar: Ohne die Wiederherstellung der Moore ist der Weg zur Klimaneutralität schwer – und im Zweifel teurer.

Würden die trockengelegten Moorflächen in Deutschland restauriert, könnten laut Mooratlas jährlich bis zu 35 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden. Zum Vergleich: Das Umweltbundesamt hat die gesamte Landwirtschaft in Deutschland im Jahr 2025 mit einem Ausstoß von 61 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten beziffert.

Der nötige Paradigmenwechsel im Moorschutz lässt sich mit dem Kohleausstieg vergleichen, heißt es im Mooratlas. Die Förderrichtlinie Palu ist dafür ein erster Schritt mit Signalwirkung – ein Appell, endlich in die Umsetzung zu kommen.

Die Moore sind nicht alleinige Hoffnungsträger, um den planetaren Grenzen, den sogenannten Kipp-Punkten, zu trotzen. Denn Zahlen, Studien und Belege – vom Regenwald bis hin zum deutschen Stromnetz – stimmen zuversichtlich für die Zukunft:

  • 75 Prozent der Artenzusammensetzung und 90 Prozent der Artenvielfalt kommen innerhalb einer Menschengeneration aus eigener Kraft zurück. Das hat die Forschungsgruppe Reassembly, darunter Forschende der TU Darmstadt, der Uni Bayreuth und der Polytechnischen Universität Quito in Ecuador, herausgefunden, als sie die Regeneration des Regenwaldes untersucht haben. Sobald die Landnutzung eingestellt wird, wachsen Bäume wieder nach, und auch vielfältige Tierarten siedeln sich erneut an.

  • Die Stromversorgung in Deutschland wird von Jahr zu Jahr klimafreundlicher. So wächst der Anteil der erneuerbaren Energien stetig: Im Jahr 2000 waren es rund 6 Prozent, im Jahr 2025 bereits mehr als 55 Prozent, so das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Zudem sind die CO2-Emissionen seit 1990 laut Umweltbundesamt stetig gesunken, um bis zu 48,2 Prozent.

  • Naturschützende Maßnahmen zeigen Wirkung. Während das Artensterben voranschreitet und die Biodiversität weltweit abnimmt, konnte eine Studie der University of Cambridge gemeinsam mit der International Union for Conservation of Nature (IUCN), BirdLife International, der Oxford- und der Durham University nachweisen, dass ein breites Spektrum an Naturschutzmaßnahmen das Aussterberisiko von Arten erfolgreich verringern kann – und zwar gerade dort, wo gezielt auf einzelne Arten und Standorte eingegangen wurde.


Auch der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens äußert sich zuversichtlich gegenüber Zukunftsszenarien, auch, oder eben gerade dann, wenn es um die Herausforderungen geht, die der Klimawandel stellt.

Wir haben eine technisch hochentwickelte Landwirtschaft mit ziemlich gut ausgebildeten Bauern und Bäuerinnen, die wissen, was sie tun. Wir müssen ihnen nur die ökonomischen Möglichkeiten geben. Wenn wir denen mal wirklich auch das Geld in die Hand geben, damit sie von Landwirten zu Landpflegern werden können, dann wäre das für unsere Ökonomie dauerhaft eine ganz tolle Sache.

Dirk Steffens

In der ersten Folge von Deutschland wird gut. Wetten? spricht er mit Alev Doğan über planetare Grenzen und das Artensterben, über die Regenerationsfähigkeit des Rheins, über die guten Nachrichten und die positiven Entwicklungen der Energiewende. Steffens sagt, wir haben mehr Lösungen als Probleme – und liefert die Belege, um ihn beim Wort nehmen zu können.

Optimismus ist ein realistischer Blick auf die Welt, gepaart mit dem Aufruf, etwas zu tun.

Dirk Steffens

Das erste Gespräch des Formats Deutschland wird gut. Wetten? mit Dirk Steffens finden Sie hier.

Ihre Meinung ist gefragt: Geben Sie hier auf dem Stimmungsbarometer Ihre Stimme ab und zeigen Sie, ob auch Sie an das zuversichtliche Zukunftsszenario von Dirk Steffens glauben.

Deutschland wird gut. Wetten? ist ein Format von The Pioneer.

In jeder Folge nimmt sich Alev Doğan ein Thema vor, an dem dieses Land scheinbar verzweifelt. Bildung. Klima. Gesundheit. Zusammenhalt. Mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport arbeitet sie heraus, wo es begründeten Anlass für Optimismus gibt und warum es besser wird, als die öffentliche Debatte glauben lässt.

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