Man liegt lange wach. Und schläft man endlich ein, so wacht man prompt wieder auf. Geplagt von der Nacht schleppt man sich durch den Tag. Dazu eine depressive Verstimmung, das Gefühl von Aussichtslosigkeit prägt den Alltag. Was die Alltagsroutinen schleichend begleitet, ist ein Gefühl: Das, was man sich wünscht, das ist nicht.
Symptome von starker Einsamkeit zeigen sich unter Umständen körperlich, als Schlafmangel, als chronische Kopf- oder Rückenschmerzen, als geschwächtes Immunsystem bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einsamkeit ist Stressfaktor und Volkskrankheit, laut Einschätzung der Deutschen Stiftung Patientenschutz im Jahr 2022 sogar die größte.
Einst, in der Epoche der Romantik, war es noch Ausdruck des Genies, einsam zu sein. Und das Alleinsein wirkt heute oftmals nicht nur als bewusste Entscheidung, sondern auch als Sehnsucht. Alleinsein ist dann Selfcare und ein zelebrierter Akt. Eine Verherrlichung der Einsamkeit hingegen gibt es längst nicht mehr, im Gegenteil. Immer öfter wird in diesem Zuge von einer Epidemie gesprochen, insbesondere vom Phänomen der „Male Loneliness Epidemic“.
Der Verlust von gesellschaftlicher Zwischenmenschlichkeit und Nähe wird beklagt. Sogenannte „Third Spaces“ verschwinden. Das sind die Orte, die nicht Zuhause und nicht der Arbeitsplatz sind, sondern irgendwas dazwischen, die neutralen Böden, die der Gemeinschaft zum Austausch und Verweilen dienen: Kneipen schließen in den Städten, Bibliotheken sterben auf dem Land und die Plätze, die einst mit Menschen gefüllt waren, stehen nun leer.
Irgendeine Nähe suchend schleicht sich der eine oder andere in den Austausch mit KI-Chatbots.
Im wissenschaftlichen Kontext, in der Psychologie und der Sozialwissenschaft, wird Einsamkeit „definiert als eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen“, so schreibt es Prof. Maike Luhmann, Professorin für Psychologische Methodenlehre, in einer Stellungnahme zu einer öffentlichen Anhörung im Bundestag.
Für sich selbst Einsamkeit zu definieren, erscheint herausfordernder. Vielleicht ist auch gerade das ein Merkmal einer sich immer weiter individualisierenden Gesellschaft: Selbst im Gefühl, das so viele in sich tragen, tut man sich schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Daraus ergibt sich selbstredend auch die Herausforderung für Handhabung und Prävention: Wie geht man als Gesellschaft gegen etwas vor, das sich für jeden Einzelnen anders anfühlen kann?
„Mädchen auf der Brücke“, von Edvard Munch © ImagoZunächst, indem man den Status quo mit einer Bestandsaufnahme anerkennt.
Die Bundesregierung erfasst seit 2024 den Zustand der Einsamkeit mit einem jährlich erscheinenden Barometer. Das erste davon beschreibt die Langzeitentwicklung von Einsamkeit in der Bundesrepublik in den Jahren von 1992 bis 2021. In den Folgejahren wurden weitere Barometer zu Fokusgruppen veröffentlicht: das Einsamkeitserleben von LSBTIQ*-Personen und das von Menschen mit Behinderungen.
Das Barometer zeigt auf: Die Einsamkeitsbelastungen schienen seit den 1990er-Jahren stabil bis abnehmend, Menschen berichteten immer weniger von Einsamkeit. Was diesen positiven Trend unterbrach? Die Corona-Pandemie.
Die Einsamkeit bei jungen Menschen zeigt sich gerade besonders nachhaltig. Die Auswertung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus den Jahren 2024 bis 2025 ergab, dass die erhöhten Einsamkeitswerte, die sich bei jungen Menschen während der Pandemiejahre ergeben haben, sich auch mehrere Jahre danach nicht wesentlich verbessert haben.
Im vergangenen Jahr fühlte sich ein Drittel der Menschen in Deutschland zwischen 21 und 54 Jahren demnach zumindest teilweise einsam.
Bei den 21- bis 30-Jährigen gaben 21 Prozent an, sich stark einsam zu fühlen.
In der Altersgruppe der 31- bis 54-Jährigen liegt der Anteil geringer bei 14 Prozent.
Als Erklärungsansatz dafür wird vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung angeführt, dass das junge Erwachsenenalter grundsätzlich eine vulnerable Lebensphase darstellt. Auf der Suche nach sich selbst und dem eigenen Lebensentwurf stoßen junge Menschen auf multiple Krisen und unsichere Zukunftsperspektiven.
Vielleicht sind junge Menschen gerade aber auch einsam, weil sie das Verbundensein mit anderen verlernt, vielleicht auch nie gelernt und auch nicht geübt haben. Isoliert in der Pandemie, gestresst durch unsichere wirtschaftliche Verhältnisse und sich vergleichend mit Millionen von anderen Lebensentwürfen und -errungenschaften auf Social Media, stellt man wohl eher die großen Unterschiede zwischen sich selbst und anderen fest, als einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Auch hier scheinen Gleichzeitigkeiten wahr zu sein: Wir sind in unseren Möglichkeiten, miteinander in Verbindung zu treten, vernetzter und somit auf eine Weise auch verbundener denn je. In der Popkultur wird Verbundenheit zum Slogan und Statement. So heißt die Tour von Harry Styles, einem der aktuell erfolgreichsten Pop-Künstler, „Together, Together“. Dass auf Konzerten mittlerweile viel mehr nebeneinanderstehend mit Telefonen gefilmt als miteinander getanzt wird, steht beinahe sinnbildlich für die Diskrepanz zwischen Wunsch nach mehr Verbindung und Realität.
„Melancholie“, von Edvard Munch © ImagoDas Bild des älteren Menschen in der Vereinsamung, das viele vor Augen haben mögen, dürfte hingegen ein verzerrtes sein: So deutet das Einsamkeitsbarometer darauf hin, dass hohes Alter an sich kein direkter Risikofaktor für Einsamkeitsbelastungen ist. Einsamkeit im Alter ist vielmehr das Ergebnis der Umstände, die sich mit zunehmendem Alter eben häufiger ergeben: der Verlust von Lebenspartnern, von nahestehenden Verwandten und engen Freunden oder auch eigene gesundheitliche Einschränkungen. Daneben bestehen gesellschaftliche Herausforderungen wie Altersarmut und Altersdiskriminierung.
Des Weiteren zeigt eine Auswertung des Deutschen Alterssurveys aus dem Jahr 2025 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums: Menschen ab 76 Jahren fühlen sich im Durchschnitt weniger einsam als 43- bis 55-Jährige. Etwa jeder elfte Befragte ab 43 Jahren gab an, sich sehr einsam zu fühlen. Es lässt sich feststellen: Statistisch gesehen hängt Einsamkeit mit Alter, Einkommen und Berufstätigkeit zusammen.
Nach dem Einsamkeitsbarometer 2024 sind vor allem Alleinerziehende, arbeitslose Menschen, Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung und Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen von Einsamkeit gefährdet oder betroffen.
Dazu kommt, dass immer mehr Menschen in Deutschland alleinlebend sind. So meldet das Statistische Bundesamt, die Zahl der Alleinlebenden in den letzten 20 Jahren ist um 22,3 Prozent gestiegen. Besonders häufig leben ältere Menschen und Menschen in Großstädten allein. Und in Deutschland leben vergleichsweise mehr Personen allein (20,9 Prozent) als im EU-Durchschnitt (16,5 Prozent).
Schweigen auf Leinwand: Edward Hoppers „Nighthawks“ © ImagoWie finden wir also wieder zu mehr Verbundenheit? Indem wir das Verbundensein üben. Und indem Strukturen geschaffen werden, die dieses Üben ermöglichen und fördern.
Wie so oft, wenn es darum geht, dass der Mensch etwas tun muss, wofür Ressourcen benötigt werden und was zunächst auch mühsam erscheint, ihm letztendlich aber guttut, kann es hilfreich sein, wenn der erste Impuls von außen kommt.
Seit 2025 wird an der Charité ein von der EU gefördertes Projekt koordiniert: das „Social Prescribing“, das Soziale Rezept. Dieses sieht vor, dass Menschen in vulnerablen Lagen Rezepte von Hausärzten ausgestellt werden, die nicht klinische Unterstützungsangebote beinhalten, aber soziale Bedürfnisse erfüllen. Das Konzept wurde bereits in Großbritannien implementiert.
Verbindung zueinander suchen Menschen bereits vermehrt von sich aus. So ergibt sich, dass zu einer zunehmenden Individualisierung in der Gesellschaft auch die Vereinsmitgliedschaften steigen. So zählte laut dem Deutschen Olympischen Sportbund der organisierte Sport zu Beginn des Jahres 2025 erstmals mehr als 29 Millionen Mitgliedschaften. Das sind so viele wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Jahr 1954. Und die Zahlen sind gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zwei Prozent, das sind mehr als eine halbe Million Mitgliedschaften.
Nicht nur über den Sport wird Verbundenheit gesucht: Im Jahr 2024 waren 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig engagiert, also rund 27 Millionen Menschen, so die Studie Freiwilliges Engagement in Deutschland.
Im Einsamsein sind wir auch nicht allein – laut einem Bericht der WHO fühlten sich weltweit zwischen 2014 und 2023 geschätzte 16 Prozent einsam, das ist beinahe jeder Sechste. So sind wir auch in der Realisierung, dass etwas nicht stimmt, nicht allein. Immerhin acht WHO-Mitgliedstaaten haben offiziell begonnen, Gesetze oder Strategien zu entwickeln, die die Einsamkeit ihrer Bevölkerung adressieren: Dänemark, Finnland, Japan, die Niederlande, Schweden, das Vereinigte Königreich, die USA und auch Deutschland.
In diesen Ländern ist man sich der Vereinsamung der Bevölkerung bewusst und handelt dementsprechend. Während im Vereinigten Königreich im Jahr 2018 der weltweit erste Minister für Einsamkeit, der „Minister for Loneliness“, ernannt wurde, weiß man auch in Deutschland, vor welch großen Herausforderungen die Gesellschaft beim Thema Einsamkeit steht.
Man will strategisch dagegen vorgehen: mit der Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit. Diese ging im Dezember 2023 aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hervor und sieht die Hebel gerade in der Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema, in der Stärkung des Wissens über Einsamkeit und im Ausbau von Angeboten, die Menschen unterstützen.
Was zunächst bürokratisch klingt, wird in einzelnen Maßnahmen aufgeführt, wie etwa „Stärkung von generationenübergreifenden Wohnformen“ oder „Förderung des Ehrenamts im Rahmen des Bundesprogramms Integration durch Sport“. Ein einzelner Baustein der Strategie gegen Einsamkeit ist auch das jährliche Einsamkeitsbarometer.
Die WHO deutet im Übrigen in ihrem Report From loneliness to social connection trotz hoher internationaler Einsamkeit auch auf zuversichtlich stimmende Ergebnisse einer Umfrage hin: 72 Prozent der globalen Bevölkerung fühlen sich immer noch sehr oder ziemlich verbunden mit anderen.
Über Verbundenheit und die Kunst, sich und andere nicht zu verlieren, schreibt die stellvertretende Chefredakteurin Alev Doğan in ihrem Buch Verbunden. Es ist Anfang Oktober erschienen und im Pioneer-Book-Store erhältlich.
In der sechsten Folge von Deutschland wird gut. Wetten? spricht die Publizistin und Co-Herausgeberin von The Pioneer Diana Kinnert mit Alev Doğan über Einsamkeit als Stressfaktor und Volkskrankheit und darüber, warum Einsamkeit Populisten in die Hände spielt und so die Demokratie bedroht.
Und doch blickt Diana Kinnert zuversichtlich in die Zukunft, denn ihr zufolge bringt eine Krise, die endlich ausgesprochen wird, Menschen dazu, Neues auszuprobieren. Von politischen Maßnahmen zur Bekämpfung von Einsamkeit bis hin zu einer künstlichen Intelligenz, die menschliche Nähe nicht ersetzt, sondern Zeit für sie frei machen könnte, hören Sie hier.
Genau darum wette ich: weil wir eine so harte Diagnose haben und jetzt langsam darüber sprechen und man sieht, dass es experimentelle Lösungen gibt.
Ihre Meinung ist gefragt: Geben Sie hier auf dem Stimmungsbarometer Ihre Stimme ab und zeigen Sie, ob auch Sie an das zuversichtliche Zukunftsszenario von Diana Kinnert glauben.
Deutschland wird gut. Wetten? ist ein Format von The Pioneer.
In jeder Folge nimmt sich Alev Doğan ein Thema vor, an dem dieses Land scheinbar verzweifelt. Bildung. Klima. Gesundheit. Zusammenhalt. Mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport arbeitet sie heraus, wo es begründeten Anlass für Optimismus gibt und warum es besser wird, als die öffentliche Debatte glauben lässt.