Beinahe sechs Jahre war sie im Ruhestand. Und eigentlich sollte es die Krönung eines großen Comebacks werden. Doch der brutale Fall kam schnell, ihr blieben lediglich dreizehn Sekunden Abfahrt, bis sie zu Boden kam. Später, nach ihrem Sturz bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo, wird Lindsey Vonn auf Instagram schreiben, dass das Leben zu kurz sei, um nicht auf sich selbst zu setzen. Und dass das einzige Scheitern im Leben darin bestehe, es nicht zu versuchen.
Spitzensport bedeutet eben auch: an seine Grenzen gehen. Und es immer wieder zu versuchen. Dies stellt für viele eine Faszination dar, womöglich auch wegen der Dramaturgie, vergleichbar mit einer Heldenreise, wie sie ganz klassisch zu funktionieren hat: ein Protagonist im Aufbruch, der um die Risiken, Bewährungsproben und Kämpfe weiß, unerschrocken trotz der Tiefpunkte weitermacht, motiviert durch eine Belohnung oder einen Sieg im Ziel.
Geschichten aus dem Leistungssport begeistern und bewegen Milliarden Menschen, eine ganze Entertainment-Industrie fußt auf dem Phänomen ihres Mitreißens: Stadien werden gefüllt, Hymnen werden gesungen, Fanclubs werden gegründet, Gesichter werden in den Farben des Lieblingsteams bemalt. Und im besten Fall schlägt sich diese Begeisterung für die sportlichen Leistungen anderer in einer eigenen Motivation für ein eigenes aktives Leben nieder. Notwendig wäre dies allemal.
Denn die Generation von morgen ist zu wenig in Bewegung. Die Motorik-Modul-Längsschnittstudie weist darauf hin, dass etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen keine volle Stunde am Tag körperlich aktiv sind. Damit wird die WHO-Empfehlung von 60 Minuten täglicher Bewegung von vielen klar verfehlt.
Weitere Herausforderungen stellen folgende Entwicklungen dar:
Die sportlichen Fähigkeiten von Kindern gehen zurück. So gibt der Deutsche Schwimm-Verband e.V. in einer Handreichung für den Ausschuss für Sport und Ehrenamt im Deutschen Bundestag an, dass mehr als jedes zweite Kind die Grundschule verlässt, ohne sicher schwimmen zu können. Jedes fünfte Kind kann demnach überhaupt nicht schwimmen, wobei diese Zahl von der sozialen Herkunft von Kindern beeinflusst wird.
Die vorhandenen Ressourcen in der Familie sind für den Zugang zu Sport relevant, das bestätigen die Ergebnisse des Forschungsprojekts Move for Health 2.0 der Deutschen Sportjugend. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sportliche Aktivitäten ausführen oder in einem Sportverein Mitglied sind, höher, wenn ihre Eltern es selbst vorleben. Die sportliche Aktivität der Eltern wiederum korreliert mit Schulbildung und finanziellen Ressourcen.
Dabei wäre gerade ausreichende Bewegung im jungen Alter wichtig. Denn vieles, was in Kindheit und Jugend an Bewegung versäumt wird, kann später nicht nachgeholt werden. Die WHO weist darauf hin, dass körperliche Aktivität die Knochengesundheit fördert, ein gesundes Muskelwachstum und sowohl die motorische als auch die kognitive Entwicklung unterstützt.
Die gute Nachricht: Um dem Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken, werden bereits mehr Weichen gestellt, als es der erste Anschein vermuten lässt.
Schüler beim Sport, Bundesjugendspiele 2005 © ImagoSo soll es in Bayern ab dem Schuljahr 2027/28 mehr Bewegung im Schulalltag geben – durch eine dritte Sportstunde in der ersten Klasse der Grundschule. Die dritte Sportstunde in Stufe zwei bis vier gibt es bereits. Der Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern sieht den Ausbau von Schwimmunterricht in Vereinen vor, Ministerpräsident Markus Söder sprach Medienberichten zufolge davon, dass man an die positiven Effekte des Sports glaube.
Auf politischer Seite scheint eine Sensibilisierung für das Thema Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen bereits stattgefunden zu haben. So stellt der Bund mit der „Sportmilliarde“ in dieser Legislaturperiode eine Milliarde Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur für Hallenbäder, Freibäder, Sporthallen und Sportplätze bereit. Und: Der Bund sieht eine Schwimmförderung von bis zu 20 Millionen Euro in den Jahren 2026 bis 2029 vor, das Modellvorhaben nennt sich „Deutschland lernt Schwimmen“.
Auch die jüngste Sportministerkonferenz, die Mitte Oktober in Konstanz stattgefunden hat, hat einen Schwerpunkt auf die Förderung des Kinder- und Jugendsports gesetzt. Vom Ausbau von Ganztagsschulen im Grundschulalter erhofft man sich zudem mehr Möglichkeiten, um schulpflichtigen Kindern gleichermaßen Bewegung im Alltag zu ermöglichen.
Für mehr Bewegung im Schulalltag plädiert auch der ehemalige Skirennläufer Felix Neureuther. Mit seiner Stiftung treibt er Programme wie „Beweg dich schlau!“ voran. Dieses wurde mithilfe der Technischen Universität München entwickelt und sieht spielerische Bewegungsübungen für den Kita-, Kindergarten- und Schulalltag vor. Diese Übungen sollen Kopf und Körper gleichzeitig aktivieren, so lernen Kinder in Bewegung und spielerisch etwa rechnen, lesen und auch andere Sprachen.
Zwar weist die WHO darauf hin, dass ein Bewegungsmangel bei jungen Menschen auch international vorliegt – 81 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen elf und 17 Jahren sind nicht ausreichend körperlich aktiv – aber es gibt auch positive Beispiele, und zwar im direkten Ländervergleich.
Dieses Jahr gewann Norwegen bei den Olympischen Winterspielen in Mailand/Cortina d’Ampezzo als Nation insgesamt 41 Medaillen und belegte damit im internationalen Vergleich den ersten Platz. Deutschland kam auf dem offiziellen Medaillenspiegel auf Platz fünf, das sind 26 Medaillen. Dabei zu bedenken: Norwegen ist ein Land mit 5,6 Millionen Einwohnern. Man stelle sich vor, die Einwohner der Städte Hamburg und Berlin hätten mehr Medaillen bei den Olympischen Winterspielen erkämpft als jede andere Nation der Welt.
Ein Blick nach Norwegen lohnt sich also. Was wird dort in Sachen Sport und Bewegung anders als hierzulande gemacht?
Norwegen schützt und reglementiert das Verhältnis von Kindern zu Sport in besonderem Maße. Der Sportverband Norwegens (Norges idrettsforbund) schreibt in verbindlichen Bestimmungen, in den Children's Rights in Sports, dass sich Kinder frei entscheiden können, ob sie an Wettkämpfen teilnehmen möchten oder nicht. Rankings und Resultate für sportliche Leistungen sollen erst ab elf Jahren aufgenommen werden. Und falls nach einem sportlichen Wettkampf Preise vergeben werden, so muss jedes partizipierende Kind einen Preis bekommen.
Das bedeutet: In Norwegen geht es im Sport in jungen Jahren zunächst um das Ausprobieren und ums Mitmachen, nicht um das Messen. Gezielt gefördert – in Richtung der zu erbringenden Leistungen – wird später. Nicht nur Sport, auch die Alltagsbewegung ist mit dem norwegischen Bildungssystem eng verwoben: So gibt es seit 2009 für Schüler der Klassen fünf bis sieben zusätzlich zum gewöhnlichen Sportunterricht und den Pausen verpflichtende Bewegungsstunden im Schulalltag.
Was Kinder und Jugendliche zu mehr Bewegung in ihrer Freizeit und aus Eigenmotivation bringen könnte, sind Vorbilder, und zwar sowohl im persönlichen Umfeld als auch durch Personen aus der Öffentlichkeit. Dass Sportler die Gesellschaft mit ihren Leistungen bewegen, zeigt eine Bevölkerungsumfrage, die die Stiftung Deutsche Sporthilfe in Auftrag gegeben hat: So sind 73 Prozent glücklich, wenn deutsche Athleten bei internationalen Großereignissen viele Medaillen gewinnen. 59 Prozent der Menschen in Deutschland schätzen die positiven Auswirkungen des Spitzensports als hoch bis sehr hoch ein. Und: Knapp zwei Drittel sehen Deutschlands Spitzenathleten als Vorbild, wenn es um Leistungsbereitschaft geht.
Was Vorbilder im Spitzensport bewegen, das zeigen nicht nur Umfragen, sondern auch die Realität.
Eiskunstläuferin Alysa Liu bei den Olympischen Winterspielen 2026 © ImagoAls der italienische Tennisspieler Jannik Sinner für über ein Jahr die Weltrangliste dominierte, erlebten die Tenniskurse und -camps in seinem Heimatland einen hohen Ansturm, der teilweise weit über die möglichen Kapazitäten hinausging. Sinner inspirierte in seinem Heimatland viele dazu, mit einem neuen Sport zu beginnen oder die sportliche Aktivität weiterzuverfolgen. Eine ähnliche sportbegeisterte Bewegung ließ sich in Deutschland zu den Karrierehöhepunkten von Boris Becker und Steffi Graf beobachten.
Und bei den vergangenen Olympischen Winterspielen feierte die amerikanische Eiskunstläuferin Alysa Liu Olympiagold, nachdem sie ihre Karriere mit nur 16 Jahren vorläufig beendet hatte. Nach ihrem Rücktritt trainierte sie nach ihren eigenen Regeln, brach das klassisch stringente Reglement des Eiskunstlaufs – und gewann daraufhin. Für die aktuelle Saison hat Liu eine Pause angekündigt, durch ihren selbstbestimmten Weg zum Erfolg wurde sie zum Vorbild dafür, auf das eigene Gefühl und die eigenen Grenzen zu hören.
Nach wie vor gehört Sport zu den wichtigsten Freizeitbeschäftigungen von Jugendlichen, so das Projekt Move for Health 2.0. Allerdings steht diese Beschäftigung auf dem dritten Platz, nach der Freizeitaktivität „Spielkonsole/PC/Smartphone spielen“ und „mit Freunden treffen“. Aber es wird auch darauf hingewiesen: Noch drei Viertel der Jugendlichen sind in ihrer Freizeit aktiv, davon 46,1 Prozent regelmäßig.
Kindern und Jugendlichen muss es so leicht wie möglich gemacht werden, Bewegung und Sport in ihren Alltag zu integrieren. Sei es durch das Bildungssystem, durch die Förderung des Vereinswesens, durch das Vorleben eines aktiven Lebensstils im persönlichen Umfeld – und auch durch sportliche Vorbilder, die sie zur Inspiration nehmen. Der Wandel hin zu mehr Bewegung ist nicht unmöglich. Denn das Problem wurde von staatlicher und wissenschaftlicher Seite erkannt, es gibt entsprechende Förderungen, Initiativen und Stiftungen. Nun muss das Ganze noch in Bewegung kommen.
Felix Neureuther und Alev Doğan bei der Aufnahme von „Deutschland wird gut. Wetten?“ © Anne Hufnagl
Auch in der siebten Folge von Deutschland wird gut. Wetten? geht es um die Diagnose, dass sich ein großer Teil der jungen Menschen zu wenig bewegt. Doch der Podcastgast von Alev Doğan gibt sich trotz der negativen Befunde zuversichtlich: Felix Neureuther, ehemaliger Skirennläufer, hat es sich zur Mission gemacht, Kinder und Jugendliche wieder mehr für Bewegung und Sport im Alltag zu begeistern.
Mit seiner Stiftung und dem Bewegungs- und Bildungsprogramm „Beweg dich schlau!“ setzt er sich für mehr Bewegung und körperliche Aktivität im Schulalltag ein und zeigt auf, wie sich körperliche Übungen mit Rechnen und Lesen verbinden lassen. Warum Sport ein Training fürs Gehirn ist, welche Bedeutung sportliche Vorbilder haben und warum Felix Neureuther hofft, dass es seine Stiftung 2036 nicht mehr geben muss, hören Sie hier.
Nun ist Ihre Meinung gefragt: Geben Sie hier auf dem Stimmungsbarometer Ihre Stimme ab und zeigen Sie, ob auch Sie an das zuversichtliche Zukunftsszenario von Felix Neureuther glauben.
Deutschland wird gut. Wetten? ist ein Format von The Pioneer. In jeder Folge nimmt sich Alev Doğan ein Thema vor, an dem dieses Land scheinbar verzweifelt. Bildung. Klima. Gesundheit. Zusammenhalt. Mit Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport arbeitet sie heraus, wo es einen begründeten Anlass für Optimismus gibt und warum es besser wird, als die öffentliche Debatte vermuten lässt.