Gerhard Schröder im Abseits : Staatsmann a.D.

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Im Büro von Gerhard Schröder in Hannover hängt ein Glückwunschschreiben von Helmut Schmidt an der Wand hinter dem Schreibtisch. Eingerahmt.

Zu Schröders 65. Geburtstag hatte Schmidt seinem sozialdemokratischen Nach-Nachfolger mit einem persönlichen Brief gratuliert und ihn gleich im ersten Satz als “großartigen Bundeskanzler” bezeichnet.

Für den Hanseaten dürfte das fast schon ein Gefühlsausbruch gewesen sein.

Gerhard Schröder, ein großartiger Bundeskanzler.

So sahen es viele in der Welt, auch in Deutschland. Seine mutige Reformpolitik, die gesellschaftliche Liberalisierung in den rot-grünen Jahren, das klare Nein zum Irak-Krieg. Schröder hat viel für Deutschland geleistet.

Hinzu kommt: Der unerbittliche Kämpfer schaffte es aus tiefer Armut bis hinauf ins Kanzleramt, ein Typ wie das Volk ihn liebt. Handfest, rauflustig, nahbar.

So hätte er in den Geschichtsbüchern für immer einen Platz haben können.

Der Elder Statesman aus Hannover.

Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder im Dezember 1998. © imago

Dann kam Russland. Dann kam Putin.

War die Russland-Politik des rot-grünen Regierungschefs Schröder noch logisch und nachvollziehbar - Europa geht nur mit Russland oder es geht gar nicht, lautete sein Credo - ist seine unerbittliche Treue zu Russlands Kriegstreiber Wladimir Putin jetzt nur noch verstörend.

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Gerhard Schröder will sich auch im Taifun eines unerbittlichen, einseitig vom Zaun gebrochenen Krieges mitten in Europa nicht eindeutig von dem Mann distanzieren, der nun für die gesamte Weltöffentlichkeit sichtbar mit Härte und Unmenschlichkeit ein Nachbarland überfallen und Menschen in den Tod gebracht hat.

Putins Angriffskrieg ist durch nichts zu rechtfertigen, die zentrale Motivlage, da sind sich die meisten Experten einig, ist eine des imperialen Egos. Weil Putin die historische Wahrheit, dass sich nach dem Zerfall der Sowjetunion freie Staaten im ehemaligen russischen Einflussbereich entwickelt haben, die nach Freiheit und Rechtsstaat und eben Richtung Westen streben, nicht akzeptieren will, lässt er Waffen sprechen.

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Und was macht Gerhard Schröder?

Der spricht am vergangenen Donnerstag mit seinen engsten Mitarbeitern über den Krieg, vor allem mit Albrecht Funk, seinem langjährigen Redenschreiber und Büroleiter, der seit 1999 nicht mehr von seiner Seite weicht.

Funk bittet ihn, seine Mandate bei den russischen Staatsunternehmen Rosneft und in der Betreibergesellschaft von Nord Stream 2 niederzulegen und sich klar von Putins Angriffskrieg zu distanzieren. Auch andere Mitarbeiter raten ihm das, etwa sein früherer Sprecher Bela Anda, mit dem Schröder den ziemlich erfolgreichen Podcast Die Agenda produziert.

Gerhard Schröder reagiert uneinsichtig, er ringt sich schließlich nur zu einem Statement auf LinkedIn durch, in dem er Russland auffordert, den Krieg zu beenden.

Dann betont der Ex-Kanzler aber noch, dass auf beiden Seiten Fehler gemacht wurden. In seinem Team ist man entsetzt.

Selbst wenn es stimmt, dass die Nato in den vergangenen Jahrzehnten Fehler im Umgang mit Russland gemacht habe, sei dies angesichts des Überfalls auf die Ukraine jetzt die völlig falsche Diskussion.

Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder © Imago

Funk und drei weitere Mitarbeiter reichen ihre Kündigung ein. Das gesamte Büro verlässt den Altkanzler.

Bei “allem Respekt vor der Lebensleistung des Bundeskanzlers”, wie Funk später sagen wird. Der langjährige Mitarbeiter ist spürbar traurig und enttäuscht, dass Schröder seine Haltung zu Putin nicht ändern will. Bis heute hält Schröder an den Mandaten fest, heißt es.

Damit isoliert sich der frühere Bundeskanzler nicht nur in seiner Partei, aus der Rufe nach einem Parteiausschlussverfahren kommen.

Er stößt gerade jene vor den Kopf, die ihn immer verteidigt und wertgeschätzt haben.

Heino Wiese, ein enger Freund, der mit seiner Beratungsfirma Wiese Consult seit 2006 diverse deutsch-russische Geschäfte gemacht hat und im St. Petersburger Dialog eine wichtige Rolle spielt, distanzierte sich von Putin nach dem Einmarsch in der Ukraine.

Wiese legte seinen Job als Honorarkonsul Russlands nieder und riet Schröder, Ähnliches zu tun.

Bodo Hombach, Ex-Kanzleramtschef, und Sigmar Gabriel, der frühere Parteichef, die noch vor wenigen Tagen in Mülheim an der Ruhr zu einem Abendessen mit Schröder zusammenkamen, distanzieren sich von Schröders Position.

Der niedersächsische Bundestagsabgeordnete Heino Wiese und Niedersachens Ministerpräsident Sigmar Gabriel 2002.  © dpa

Auf die Frage, wer Schröder denn jetzt noch von seinem Kurs abbringen könne, sagt Gabriel.

“Das kann nur er selbst entscheiden.”

Ein Unternehmer, der kürzlich mit Schröder telefonierte, berichtet von einem verzweifelten Altkanzler, der nicht verstehe, warum seine Positionen nicht verstanden werden.

In der Ampel-Koalition prüfen Haushaltspolitiker, ob der Bundestag einem früheren Bundeskanzler, der sich öffentlich zum Schaden der Bundesrepublik äußert, Bezüge und Personal kappen kann.

Im Kanzleramt, wo Schröders einstiger Mitarbeiter Olaf Scholz, übernommen hat, will man sich zu dem Ex-SPD-Kanzler lieber gar nicht erst äußern.

Olaf Scholz, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder

Auch Parteichef Lars Klingbeil, einer der über viele Jahre engsten (und manche sagen einzigen) Vertrauten Schröders in der aktuellen SPD-Führung will nichts mehr zur Causa Schröder sagen.

Klingbeil hatte den Ex-Kanzler öffentlich aufgefordert, alle Ämter in Russland niederzulegen und ein “klares Verhalten” an den Tag zu legen.

Ein geplantes Mittagessen hatte zuvor Schröder absagen lassen, um Klingbeil nicht weiter zu beschädigen. Im April soll es nachgeholt werden. Ob es dazu kommt, ist fraglich.

Bei langjährigen Schröder-Unterstützern ist die Verzweiflung groß.

“Wladimir Putin als Kriegstreiber müssen wir isolieren. Gerd isoliert sich gerade selbst”, sagt Schröders früherer Regierungssprecher Thomas Steg, der inzwischen für VW arbeitet.

Auch Schröders Biograf, Gregor Schöllgen, ist ratlos.

“Ich habe dafür keine Erklärung.” Mehr wolle er dazu nicht sagen.

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Schröder selbst will sich vorerst auch nicht mehr äußern. Sein Podcast liegt auf Eis, die zahlreichen Anfragen, die in seinem Bundestagsbüro auflaufen, derzeit auch.

Er telefoniere mit einigen wenigen Vertrauten, habe sich aber sonst mit seiner Frau Soyeon Schröder-Kim in Hannover zurückgezogen, heißt es. Zu Ostern wollen die beiden angeblich an die Nordsee fahren.

Woher kommt die Sturheit, diese Unbeirrbarkeit?

Eine Theorie, die im Umfeld Schröders erzählt wird, lautet, dass der Ex-Kanzler, der sich in seinem Leben immer nur auf sich selbst verlassen konnte, und sich aus ärmsten Verhältnissen ohne fremde Hilfe zum Abitur, zum Jura-Abschluss und schließlich an die Spitze des Staates kämpfte, Loyalität und Freundschaft über alle Maßen bewertet.

Sogar über die Rationalität hinaus.

Schröder will Putin, den er seinen “privaten Freund” nennt, selbst dann nicht öffentlich fallen lassen, wenn der einen Krieg anzettelt.

So ist die Lage.

So sieht er es.

Nichts hasst Schröder mehr als Politiker, die ihre Meinung ändern.

Gerhard Schröder und Wladimir Putin 2018 bei der Fußball-EM in Russland.  © dpa

Aber muss man das nicht angesichts eines blutigen, durch nichts zu rechtfertigenden Angriffskrieges?

Wenn man nicht in einem solchen Moment von Freunden abrückt, wann dann?

Ob man mit einem Mörder befreundet sein kann, fragte der Autor dieses Textes Gerhard Schröder vor Jahren.

Der Altkanzler reagierte verärgert, woher man das denn wissen wolle, was Putin wirklich mache oder anordne. Es sei doch abenteuerlich zu glauben, dass Putin irgendwelche Tötungen befehle. Die Geheimdienste würden ihr eigenes Spiel spielen. Russland sei schwer zu führen. Und wer könne denn sagen, ob es nach Putin besser werde.

Michael Bröcker beim Interview mit Gerhard Schröder im Dezember 2021 im Wintergarten seiner Kanzlei in Hannover. © Soyeon Schröder-Kim

Dass sich Freunde doch eigentlich alles sagen müssten, sieht Schröder anders. Im Interview sagte er vor einigen Jahren.

Jeder hat Geheimnisse. Das ist im Menschen so angelegt.

Gerhard Schröder weiß selbst, dass ihm eine solche Position jetzt, angesichts der menschlichen Tragödien in der Ukraine und der tödlichen Entscheidungen Putins, vollends in das gesellschaftliche Abseits führt.

Es wird jetzt einsamer um Schröder. In der Wirtschaft rücken einige von dem einstigen "Genossen der Bosse" ab. Beim Tunnelbohrmaschinenhersteller Herrenknecht kam Schröder mit dem Verzicht auf sein Mandat einem Rauswurf zuvor.

Der Bundesliga-Verein Borussia Dortmund hatte schon zuvor mitgeteilt, dass man Schröder die Ehrenmitgliedschaft entziehen wolle, sollte er die Mandate in Russland nicht niederlegen. Und die Universität Göttingen will über den Ehrendoktor an diesem Mittwoch entscheiden.

Für Gerhard Schröder war die Mitte der Gesellschaft stets das politische Ziel.

Jetzt ist es diese Leistungselite, die sich als Erstes abwendet.

Zwar verweist Schröder gerne auf die Zustimmung in Deutschland für seine grundsätzlichen Positionen, etwa den Wunsch nach einer dauerhaften Partnerschaft Deutschlands mit Russland, aber das zählt jetzt nicht mehr.

Die Unterstützung für Putins Russland ist selbst bei den leidenschaftlichsten Putin-Verstehern in diesem Land erloschen.

Matthias Platzeck, der Chef des Deutsch-Russischen Forums, machte es vor und distanzierte sich scharf von dem Vorgehen Putins. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kündigte das Ende der Stiftung für Nord Stream 2 an.

Entscheidend für die öffentliche Kritik an Schröder ist, dass der Altkanzler von dem todbringenden Machthaber im Kreml finanziell profitiert.

Alleine für den Rosneft-Aufsichtsratsposten soll Schröder 600.000 Euro pro Jahr bekommen - es ist und bleibt der Kern der Vorwürfe an Schröder.

Ihm ist das egal.

Er könne auch rational über eine verfehlte Realpolitik des Westens gegenüber Russland urteilen, wenn er gleichzeitig im Aufsichtsrat eines russischen Unternehmens sitze, glaubt Schröder. Im Pioneer-Podcast hat er dies noch im Dezember so gesagt.

Wäre es denn so viel besser, wenn er beim US-amerikanischen Ölkonzern Enron arbeiten würde, hatte Schröder - wohlgemerkt vor dem Krieg - auf diese Vorwürfe geantwortet.

Doch stets vergisst der Altkanzler dabei den Zusatz, dass Enron eine privatwirtschaftliche Firma in einer lupenreinen Demokratie ist und Rosneft ein Staatsunternehmen in einem autokratisch geführten Land, das Menschenrechte unterdrückt.

Es ist diese Sturheit, die sich bei dem inzwischen 77-Jährigen im Alter offenbar eher verstärkt hat.

Von Altersmilde keine Spur.

Schröders Frau Soyeon Schröder-Kim, in diesen Tagen seine wichtigste Stütze, hatte den Ex-Kanzler vor wenigen Tagen noch als möglichen Vermittler in der Ukraine-Russland-Krise genannt, doch nach scharfer Kritik im Netz den Post wieder gelöscht.

In einem Interview hatte Schröder einst eingeräumt, dass er von den drei laut Max Weber idealen Eigenschaften eines Politikers - Leidenschaft, Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein - das “Augenmaß” wohl am wenigsten habe.

Manchmal schieße ich über das Ziel hinaus.

Selbst wenn Schröder sich jetzt aus allen russischen Ämtern zurückziehen würde, ist es fast schon zu spät, sagen seine Unterstützer.

“Je mehr Menschen dies verlangen, desto weniger wird es Realität. So ist das bei Gerd”, sagt einer.

Im jüngsten Interview mit The Pioneer vor knapp zwei Monaten hatte Schröder seine Rolle selbst auf den Punkt gebracht.

Ich bin eben anders als andere.

Wenigstens damit dürfte Gerhard Schröder auf ungeteilte Zustimmung stoßen.

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