Renten-Experte Werding: "Wir brauchen die Aktienrente"

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In den nächsten Jahren wird die demografische Veränderung Deutschlands unser System der Altersvorsorge unter Stress setzen. Dabei gibt es Lösungen, sagt der Martin Werding, Professor für Sozialpolitik und Sozialökonomie in Bochum. Er fordert eine Aktienrente nach schwedischem Vorbild.

Herr Professor Werding, die Löhne sind im Zuge der Corona-Krise gesunken, die Renten aber nicht. Ist das nicht ungerecht?

Werding: Es ist die Folge einer Schutzklausel im Rentenrecht. Man kann das auch konjunkturpolitisch begründen. Da geht es darum, in Zeiten des Nachfragerückgangs die Nachfrage zu stützen. Damit ist das Ganze zumindest vertretbar.

Aber glücklich sind Sie nicht damit, stimmt?

Werding: Ich bin nicht glücklich, dass der Effekt im Nachhinein nicht wieder zurückgefahren wird - so wie es früher über den Ausgleichsfaktor vorgesehen war. Das führt im Prinzip zu einer dauerhaften Erhöhung des Rentenniveaus. Damit weichen wir von der Lastenverteilung zwischen den Generationen ab, die bisher vereinbart worden war.

Die Rentenformel ist zu Ungunsten der jüngeren Generation manipuliert worden, sagen manche.

Werding: Als diese Regelung 2018 beschlossen worden ist, hatte niemand Covid-19 auf dem Radar. Man wollte die Rentenformel nicht unnötig komplizierter machen. Die Erwartung war ja ohnehin, dass wir so bald nicht noch einmal so ein Schlamassel erleben würden wie vorher in der Finanzkrise. Dass Löhne in einer Krise wirklich sinken, kommt höchst selten vor.

Und nun?

Werding: Ich bin dafür, den Ausgleichsfaktor rechtzeitig vor der Rentenanpassung 2022 wieder einzuführen. Im Ergebnis würde die Erhöhung, die es im kommenden Jahr aufgrund der wieder steigenden Löhne gibt, etwas abgedämpft.

Vom Pandemie-Problem zu einer ganz grundsätzlichen Frage: Was passiert eigentlich mit unseren Rentensystem in den nächsten Jahren, wenn wir es nicht reformieren?

Werding: Wir stehen vor einer neuen Phase der Alterung unserer Gesellschaft. In den vergangenen Jahren hat es in dieser Hinsicht noch eine Pause gegeben. Nach dem letzten großen Rentenreformen war klar, dass wir spätestens ab 2025 grundlegend neue Rahmenbedingungen benötigen. Die Babyboomer gehen jetzt in Rente. Wir müssen jetzt handeln. Vielfach herrscht jedoch die Erwartung, dass es sich um eine temporäres Problem handelt.

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