Die Grünen: Das Ende der Mission Kanzleramt

Bei ihrem Versuch, das Kanzleramt zu erobern, erliegen die Grünen vier großen Irrtümern. Nicht alle davon hat Spitzenkandidatin Baerbock zu verantworten. Über eine Partei, die wohl vor einem Rekordergebnis steht - und auch vor einer Riesenenttäuschung.

Annalena Baerbock will etwas klarstellen. Als sie am Sonntagmittag unter Jubel auf die Bühne tritt, stellt sie sich ihren Parteifreunden in neuer und zugleich alter Rolle vor. Sie wolle zunächst nicht als Kanzlerkandidatin zu ihnen sprechen, sagt Baerbock, „sondern als Parteivorsitzende“.

Es klingt, als gäbe Baerbock einen einsamen Titel zurück. Als reihe sie sich wieder ein.

Sieben Tage sind es noch bis zur Bundestagswahl, als die Grünen im Südosten Berlins zu einem Wahlparteitag zusammenkommen. Als Kraftquelle für die bevorstehenden letzten Tage bis zur Wahl ist dieses Treffen gedacht. Doch Baerbock, die Parteivorsitzende, blickt erst einmal zurück. Sie dankt ihren Parteifreunden für alles, was sie in den letzten Wochen, Monaten, Jahren geleistet hätten.

Ein Hauch von Abschied liegt in der Luft. Der Abschied von der Idee einer grünen Kanzlerschaft.

Die Grünen sind zur Bundestagswahl 2021 mit einem Machtwillen angetreten, der das Land und wohl auch sie selbst überrascht hat. 40 Jahre nach Gründung der einst autoritätskritischen Partei wollten die Grünen nicht bloß mitgestalten. Diesmal wollten sie führen. Ein Anspruch, den Annalena Baerbock in der Rolle der Kanzlerkandidatin verkörpern soll.

„Ich trete an für Erneuerung", sagte sie bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur am 19. April, „für den Status Quo sind andere zuständig“. Eine selbstbewusste Ansage, die vielen Deutschen imponierte. Die Grünen schossen bald darauf in den Umfragen hoch auf 28 Prozent.

Der Traum vom Kanzleramt nahm Gestalt an.

Fünf Monate später zerplatzt dieser Traum.

Die Demoskopen verorten die Grünen nur noch bei 15, 16 Prozent. Rekordwerte, gemessen am bisherigen Abschneiden der Grünen bei Bundestagswahlen. Aber weit unter den Erwartungen einer Partei mit Ambitionen aufs Kanzleramt.

Zwar sind Umfragen keine Wahlergebnisse, und auch in wenigen Tagen kann viel passieren, wie dieser voltenreiche Wahlkampf zeigt. Aber selbst ganz besonders zweckoptimistischen Grünen fehlt derzeit die Phantasie, sich Baerbock als Nachfolgerin von Angela Merkel vorzustellen.„Wir wollen uns ja nicht lächerlich machen“, sagt eine, die ihr Bundestagsmandat verteidigen will. Und so fällt das K-Wort bei den Grünen jetzt nur noch ganz, ganz selten. In Baerbocks Reden und auf den Wahlplakaten taucht es nicht auf.

Die Mission Kanzleramt steht vor dem Scheitern.

Die erste grüne Kanzlerkandidatur war ein Versuch, der von vielen Irrtümern begleitet wurde. Einige Fehler und Fehlannahmen hat Annalena Baerbock zu verantworten. Aber gewiss nicht alle, und gewiss nicht sie allein.

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