UN-Sonderberichterstatter : "Der Fall Assange ist wie ein dunkles Familiengeheimnis."

Nils Melzer ist der UN-Sonderberichterstatter für Folter. Seit etwa zwei Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem Fall Julian Assange und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Er ist sich sicher: Assange ist politischer Gefangener und Folteropfer des Westens.

Herr Melzer, beginnen wir grundlegend: Was ist Folter?

Nils Melzer: Folter ist die vorsätzliche Zufügung großen körperlichen oder seelischen Leidens zur Erreichung eines bestimmten Zwecks, zum Beispiel ein Geständnis. Oder wie im Fall Assange: die Einschüchterung.

Julian Assange sitzt im Vereinigten Königreich, also zweifelsfrei einem Rechtsstaat, in einem Gefängnis. Vorher hat er jahrelang in der ecuadorianischen Botschaft in London gelebt. Wie kamen Sie also dazu, sich mit diesem Fall zu beschäftigen?

Melzer: Als mich Assanges Anwälte im Dezember 2018 um eine Intervention baten, reagierte ich spontan mit Ablehnung. Ich trug das weitverbreitete Vorurteil in mir von Assange dem Vergewaltiger, Hacker und Verräter. Ich wollte mich nicht manipulieren lassen.

Drei Monate später machten sie einen zweiten Versuch, diesmal mit einem medizinischen Gutachten von Dr. Sondra Crosby. Dr. Crosby ist eine der ersten unabhängigen Ärztinnen, die Guantanamo besuchte. Eine angesehene und unparteiische Spezialistin also. Ihr zufolge wurde im Fall Assange die UN-Antifolterkonvention verletzt.

Das bewog mich dazu, weitere Dokumente zu konsultieren und schließlich eine Untersuchung des Falles einzuleiten. Doch kaum hatte ich einen Besuch bei Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London angekündigt, wurde er in einer Nacht- und Nebelaktion aus der Botschaft gezerrt, vom Strafrichter summarisch abgeurteilt und in das Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh bei London gesperrt.

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