Luisa Nuhr
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Fiskalpolitik

Deutschland ist reicher, als es die Politik vermuten lässt

Die finanzpolitische Debatte in Deutschland gehört zu den rigorosesten der Welt. Der Fokus liegt meist auf Schulden, Regeln und Beschränkungen. Dabei wird ein wichtiger Aspekt häufig vergessen, schreibt unser Gastautor.
Dag Detter
30.03.2026
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Deutschland wird häufig als haushaltspolitisch eingeschränkt beschrieben, wobei sich die Debatte auf Kreditobergrenzen, die Schuldenbremse und den Spielraum für zusätzliche Ausgaben konzentriert. Das sind wichtige Disziplinierungsmechanismen. Doch sie erfassen nur einen Teil der finanziellen Realität des Staates.

Wie jeder große wirtschaftliche Akteur verfügt auch der deutsche Staat sowohl über Schulden als auch über Vermögenswerte. Seine Handlungsfähigkeit wird nicht allein durch Schuldenquoten bestimmt, sondern auch durch die Stärke seiner Bilanz — einschließlich kommerzieller Vermögenswerte wie öffentliche Unternehmen, städtische Immobilien und andere wirtschaftlich relevante Beteiligungen. In ihrer Gesamtheit stellen diese Vermögenswerte einen erheblichen Anteil des nationalen Wohlstands dar.

Ludwig Erhard mit seinem Buch „Wohlstand für alle“ © dpa

Hieraus ergibt sich eine wichtige Diskrepanz.

Finanzmärkte bewerten Staaten nicht allein anhand ihrer Schulden. Investoren berücksichtigen wirtschaftliche Stärke, Governance und die Qualität der Vermögenswerte, wenn sie Risiken einschätzen. Deutschland profitiert davon: Seine Finanzierungskosten spiegeln das Vertrauen in die Gesamtstärke des Staates wider, nicht nur in seine fiskalischen Regeln.

Die Fiskalpolitik hingegen bleibt auf Zahlungsströme fokussiert — jährliche Defizite, Kreditgrenzen und kurzfristiger finanzieller Spielraum. Sie unterscheidet nur selten zwischen Vermögenswerten, die durch Steuern finanziert werden und einer politischen Funktion dienen, und solchen, die kommerzieller Natur sind und Erträge generieren könnten.

Dies führt zu einer eingeschränkten Sichtweise in der Fiskalpolitik.

Der deutschen Debatte mangelt es nicht an Disziplin. Im Gegenteil, sie ist hoch entwickelt. Doch sie operiert innerhalb eines Rahmens, der Kontrolle und Durchsetzbarkeit priorisiert. Auf Zahlungsströmen basierende Regeln sind leichter zu überwachen als der wirtschaftliche Wert und die Leistungsfähigkeit von Vermögenswerten.

Viel wirtschaftliches Potenzial bleibt ungenutzt

Selbst dort, wo die Transparenz zugenommen hat, führt dies nicht automatisch zu größerer Sichtbarkeit für Entscheidungen. Vermögenswerte mögen detailliert erfasst werden, doch wenn sie nicht in Budgetprozesse und Mittelverwendung integriert werden, beeinflussen sie die Ergebnisse nicht. Eine Bilanz, die berichtet, aber nicht genutzt wird, bleibt randständig — und ihr wirtschaftliches Potenzial weitgehend ungenutzt.

In der Folge werden unterschiedliche Arten von Ausgaben in öffentlichen Debatten oft ähnlich behandelt. Kredite zur Finanzierung von Konsum und solche zur Finanzierung langfristig produktiver Vermögenswerte werden nicht klar unterschieden. Gleichzeitig erhält der in staatlichen Vermögenswerten gebundene wirtschaftliche Wert deutlich weniger Aufmerksamkeit als jährliche Haushaltsbilanzen.

Dies zeigt sich in zentralen Bereichen der aktuellen Debatte. Deutschlands Schieneninfrastruktur etwa hat trotz ihrer Größe und wirtschaftlichen Bedeutung über Jahre unter Investitionsmangel gelitten. Ebenso konzentrieren sich Diskussionen über Energiepreise und staatliche Energieunternehmen vor allem auf Tarife und fiskalische Unterstützung — und weniger auf Struktur und Leistungsfähigkeit der zugrunde liegenden Vermögenswerte.

Neue Schienen werden auf einer alten Bahntrasse verlegt. © dpa

In beiden Fällen geht es nicht nur um die Höhe der Ausgaben, sondern darum, wie bestehende Vermögenswerte verstanden und gemanagt werden. Wenn die Bilanz nicht vollständig in die Entscheidungsfindung integriert ist, können selbst wirtschaftlich bedeutende Vermögenswerte als Kostenstellen statt als Quellen langfristigen Werts behandelt werden.

Dies ist im aktuellen Umfeld von besonderer Bedeutung.

Deutschland steht vor einer Reihe großer Investitionsaufgaben: die Modernisierung der Infrastruktur, die Stärkung der Verteidigung, die Beschleunigung der Energiewende und die Förderung technologischer Wettbewerbsfähigkeit. Es handelt sich um langfristige Investitionen, die die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit über Jahrzehnte prägen werden.

Wenn der Investitionsdruck steigt und zugleich Vertrauen in die Staatsfinanzen gewahrt werden soll, kann eine primär an kurzfristigen Zahlungsströmen orientierte Politik die Entscheidungsfindung vorsichtiger machen, als es die zugrunde liegende Bilanz rechtfertigen würde.

Wichtig ist: Dies liegt nicht daran, dass Deutschland etwas Offensichtliches übersehen hätte oder es an analytischer Kapazität mangelt. In vielerlei Hinsicht ist Deutschland anderen Ländern bei Transparenz und institutioneller Disziplin voraus.

Das Problem liegt anderswo

Zwei Traditionen der öffentlichen Finanzwirtschaft haben sich weitgehend parallel entwickelt. Die eine konzentriert sich auf makrofiskalische Stabilität — Wachstum, Defizite und Schuldentragfähigkeit. Die andere auf Rechnungslegung, Vermögensregister und Verwaltung. Beide sind rigoros, werden jedoch selten integriert.

Infolgedessen existiert die Bilanz, steht aber nicht im Zentrum fiskalischer Entscheidungen.

Bundesministerium der Finanzen in Berlin © Imago

Die Anerkennung der Rolle staatlicher kommerzieller Vermögenswerte bedeutet nicht, die fiskalische Disziplin zu schwächen. Im Gegenteil: Sie ermöglicht eine umfassendere Bewertung von Nachhaltigkeit, Risiko und langfristigem Wert.

Im privaten Sektor basieren Investitionsentscheidungen routinemäßig auf beiden Seiten der Bilanz. Regierungen hingegen operieren häufig mit Rahmenwerken, die nur eine Seite betonen.

Deutschlands Stärke liegt gerade in der Glaubwürdigkeit und Tiefe seiner Bilanz. Doch diese Stärke spiegelt sich nicht vollständig in der Politik wider.

Die Einschränkung ist daher nicht rein finanzieller Natur. Sie ist analytisch und institutionell bedingt.

Deutschland ist finanzpolitisch nicht in dem Maße eingeschränkt, wie es die Debatte oft nahelegt. Es ist durch die Art und Weise eingeschränkt, wie Fiskalpolitik gedacht wird. Diese Unterscheidung zu erkennen, würde die Disziplin nicht schwächen — sondern sie wirksamer machen.

Autoren

Dag Detter

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