Wir Deutsche leben geographisch, klimatisch und kulturell in einem Land. Aber ökonomisch leben wir in zwei Welten.
Deutschland Eins ist das Land der biblischen Dürre. Sieben Jahre lang verharrt die deutsche Volkswirtschaft nun schon im Stillstand. Wobei dieser Stillstand vor allem für kleine Firmen tödlich ist. Alle 22 Minuten stirbt eine Firma, meldet das Statistische Bundesamt.
Eine Infografik mit dem Titel: Steigende Insolvenzen
Anzahl der Unternehmensinsolvenzen
Für 2025 blieb unterm Strich ein Wachstum von 0,2 Prozent, ein Wert, den man mit bloßem Auge kaum von der Null unterscheiden kann. Die Binnennachfrage: müde. Das allgemeine Ambitionsniveau: niedrig. Die Regierung wirkt – immerhin – bemüht.
Deutschland Zwei ist ein Land der blühenden Landschaften. Wobei nicht das eigene Grundwasser, sondern eine fette Wolke von Übersee den Boden bewässert. Oder wie es ein Manager dieser Tage auf deftige Weise formuliert hat:
Das Ausland rettet uns den Arsch.
#1: Exportboom sorgt für Mini-Wachstum
Im Juni 2026 exportierte Deutschland Waren im Rekordwert von 139,3 Milliarden Euro – so viel wie in keinem anderen Monat zuvor. Dieser Wert ist jetzt fünf Monate in Folge gestiegen, trotz Iran-Krieg, Ölpreisschocks und amerikanischer Zölle.
Im ersten Halbjahr wuchsen die Ausfuhren um 3,9 Prozent auf 817,8 Milliarden Euro. Die Nachfrage nach deutschen Maschinen, deutscher Software und deutscher Chemie treibt die Exportwirtschaft, während der Binnenmotor auf Standgas läuft.
Warum ist das so? Deutschland profitiert dabei von einer wachsenden Weltbevölkerung und ihrem unstillbaren Hunger nach Produkten (und Vorprodukten) der Wohlstandsgesellschaft. Auch die Tatsache, dass Lieferungen aus Nahost unzuverlässig, aus Russland oft unmöglich und aus Amerika nicht selten unerwünscht sind, kommt den Deutschen zugute. China ist wieder unser größter Handelspartner.
#2: Investoren suchen den sicheren Hafen
Der Kapitalmarkt spielt mit. Der Dax kletterte im August 2026 erstmals über 26.000 Punkte, angetrieben von soliden Unternehmensgewinnen und globalem Anlagekapital, das nach Rendite sucht – und dabei, mangels besserer Alternativen, auch in Frankfurt landet. Über 52 Prozent der Investoren von Dax-Unternehmen stammen aus dem Ausland. Heißt auch, dass von den 54 Milliarden Euro Dividendenausschüttungen jedes Jahr mindestens 26,9 Milliarden Euro ins Ausland fließen.
Eine Infografik mit dem Titel: Dax in ausländischer Hand
Anteil der Investorengruppen an den Aktien der 40 Dax-Unternehmen nach Herkunftsregion
Warum das interessant ist? Ein Nachteil des deutschen Wirtschaftsstandortes ist in den Augen vieler Investoren plötzlich ein Anlage-Vorteil: Die geringe deutsche KI-Kompetenz führt dazu, dass das deutsche Geschäftsmodell entkoppelt von den großen KI-Aktien der Hyperscaler gesehen wird.
Die großen Fondsgesellschaften sind heute überinvestiert in den KI-Aktien des Silicon Valley. Während der Anteil der Magnificent Seven (Apple, Nvidia, Microsoft, Meta, Amazon, Alphabet und Tesla) am gesamten S&P 500 inzwischen rund ein Drittel beträgt, ist der Anteil in aktiv gemanagten US-Large-Cap-Fonds sogar noch höher, wie eine Auswertung von HQ Trust zeigt.
Die Tech-CEOs bei Trumps Amtseinführung, 20.01.2025 © ImagoDieses Klumpenrisiko führt, um in der Börsensprache zu bleiben, zu Ausweichbewegungen in Märkte, die nicht von KI- und Tech-Firmen dominiert werden. Langweilig ist das neue Sexy, zumindest für jene Investoren, die ihre Risiken wie die zwei Enden einer Hantelstange balancieren wollen. Deshalb heißt diese Strategie auch Barbell-Strategy, die Hantel-Strategie.
Eine Infografik mit dem Titel: DAX vs. S&P 500: Gleichauf
Kursverlauf des DAX und des S&P 500 in den vergangenen fünf Jahren
#3: In einer Welt der Unseriösen ist Deutschland der Musterknabe
Die Bundesanleihe gilt nach wie vor als das stille Denkmal deutscher Verlässlichkeit: Die Rendite zehnjähriger Bunds liegt bei rund 3,2 Prozent – deutlich unter dem US-Niveau von rund 4,6 Prozent. Nicht weil Deutschland so glänzend dasteht, sondern weil das Kapital in Krisenzeiten instinktiv dorthin flieht, wo es am wenigsten Angst haben muss, betrogen zu werden.
Das Vertrauen speist sich aus 70 Jahren Stabilität – nicht aus den letzten sieben Jahren der Stagnation.
Eine Infografik mit dem Titel: Deutschland vs. USA: Der Risiko-Spread
Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen Deutschlands und der USA, in Prozent
Und Amerika? Dort feiert Donald Trump mit seiner Finanzpolitik ein Festival der Unseriosität. Die Staatsverschuldung hat er in seiner aktuellen Amtszeit von 36,2 Billionen auf über 40 Billionen Dollar befördert und allein die Zinszahlungen betragen derzeit rund eine Billion Dollar pro Jahr. Das hilft den Deutschen.
US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus, 17.08.2026 © ImagoDas führt dazu, dass die amerikanische Staatsanleihe, insbesondere die Dreißigjährige, nur noch mit einem extremen Zinsaufschlag loszuschlagen ist. Die Regierung Friedrich Merz hat zwar ebenfalls bei der Staatsverschuldung einen tiefen Schluck aus der Pulle getan. Aber Deutschland erreicht nur rund die Hälfte der amerikanischen Schuldenquote gegenüber dem Bruttoinlandsprodukt. Unter den Blinden ist der Einäugige der König.
Eine Infografik mit dem Titel: USA: Die XXL-Schuldenparty
Entwicklung der Staatsschulden in den USA, nach Amtszeiten
Fazit: Diesen Geldregen der internationalen Investoren und Importeure hat der liebe Gott geschickt. Der kauft dem Kanzler damit nicht die Wiederwahl, aber Zeit.