Außenministerin Annalena Baerbock: Die Gefühlsdiplomatin

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Nach dem missglückten Bundestagswahlkampf trauten die Deutschen Annalena Baerbock kaum noch etwas zu. Doch ausgerechnet jetzt, in der Konfrontation mit Russland, nimmt die Beliebtheit der Außenministerin stetig zu. Woran liegt das?

Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie diese Reise schon vor langer Zeit unternommen.

Wochenlang liefen im Auswärtigen Amt die Vorbereitungen für den Besuch von Annalena Baerbock im kriegsversehrten Kiew. Doch die Außenministerin musste Rücksicht nehmen auf protokollarische Hierarchien und sozialdemokratische Befindlichkeiten.

Am vergangenen Dienstag, nachdem Kanzler Olaf Scholz und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ihren Konflikt um die Ausladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beigelegt haben, steht Baerbock in einer Kirche des Kiewer Vororts Butscha.

Hinter ihr reihen sich Staffeleien mit Fotos von den ersten, entsetzlichen Eindrücken nach dem Abzug russischer Soldaten aus Butscha. Tote, zurückgelassen am Straßenrand, verscharrt in Massengräbern.

Die Bilder übermitteln eine emotionale Dringlichkeit, die direkt durchschlägt auf Baerbocks Wortwahl:

Diese Opfer könnten wir sein.

Es ist nicht bloß Empathie, die aus diesem Satz spricht. Es ist Identifikation.

„Butscha ist ein Vorort von Kiew. Es ist wie Potsdam vor Berlin“, sagt die Grünen-Politikerin aus Potsdam.

Der Moment in der Kirche von Butscha offenbart das Politikverständnis dieser Ministerin: Gefühle sind kein Störfaktor. Sie sind handlungsleitend.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) in Butscha. © Imago

Das ist ein Bruch mit den Gepflogenheiten deutscher Außenpolitik, die bisher viel auf Kühle und Distanz hielt. Woher rührt dieser Bruch? Welche Folgen hat die neue Gefühlsdiplomatie für Deutschlands Außenpolitik? Und welche für Baerbock selbst?

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