Hungersnot in Afghanistan : "Die Situation ist katastrophal"

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Die internationale Gemeinschaft hat Afghanistan längst verlassen, die Welthungerhilfe bleibt vor Ort. Ihr Generalsekretär Mathias Mogge gibt einen Einblick in die fast unmögliche Arbeit der Helfer - und erläutert, weshalb die Sanktionen des Westens gegen die Taliban schnell gelockert werden sollten.

Herr Mogge, sterben in Afghanistan derzeit Menschen an Hunger?

Mathias Mogge: Das muss man wohl so sagen, ja. 23 Millionen Menschen wissen nicht, wie sie sich ernähren sollen. Die Menschen sterben vielleicht nicht unmittelbar daran, dass sie seit Tagen nichts zu essen hätten, sondern an Folgeerkrankungen von Unterernährung. Eine seit Jahren währende Dürre, der kalte Winter und auch der Verlust von Häusern im Zuge der jüngsten Kämpfe schwächen eine ohnehin schon schwache Bevölkerung weiter. Da kann eine einfache Infektion tödlich sein.

Was sind die Ursachsen der akuten Krise?

Mogge: Da kommt vieles zusammen: Viele Menschen haben kein Gehalt mehr, das Bankenwesen liegt danieder, das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, das Bildungswesen funktioniert nicht mehr - soziale Basisdienste fallen aus und anhaltende Dürren in den letzten Jahren haben Ernten vernichtet. Ganz gleich, wo wir hinkommen: Die Situation ist katastrophal.

Wie kann es sein, dass das Land trotz 20-jähriger Präsenz des Westens nicht imstande ist, seine Menschen zu ernähren?

Mogge: Afghanistan war immer schon stark von externer Hilfe abhängig. Diese Abhängigkeit nahm in den vergangenen 20 Jahren zu. Rund 70 Prozent des Budgets der afghanischen Regierung wurden von außen alimentiert; ausländische Streitkräfte und auch Hilfsorganisationen gehörten zu den größten Arbeitgebern - diese Jobs gibt es nicht mehr

Mathias Mogge, Generalsekretär und Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe © Welthungerhilfe

Wie hilft jetzt die Welthungerhilfe?

Mogge: Im Moment verteilen wir überlebensnotwendige Hilfsgüter: Nahrungsmittel und Hygieneartikel, um Seuchen zu verhindern. Wir leisten diese Nothilfe in Kabul sowie südöstlich von Kabul in Dschalalabad und einigen Nordprovinzen des Landes. Längerfristige Projekte mussten wir aussetzen.

Hindern Sie die internationalen Sanktionen gegen die Taliban an Ihrer Arbeit?

Mogge: Ja. Die Sanktionen sind für unsere Arbeit ein großes Problem. Für uns und viele andere Hilfsorganisationen ist es extrem schwierig bis unmöglich, Geldmittel in das Land zu bekommen, um überlebensnotwendige Güter zu beschaffen. Es gibt kaum eine Bank, die Geld nach Afghanistan überweisen kann oder will. Auch ist es uns nicht möglich, Geld, das wir auf afghanischen Konten haben, abzuheben. Wir sind auf informelle Cash Agents angewiesen, um Geld ins Land zu bekommen. Wir verbringen viel Zeit damit, Wege für den Geldtransfer nach Afghanistan zu finden, die nicht strafbar sind.

Aber die amerikanische Regierung hat doch Ausnahmen ihrer Afghanistan-Sanktionen beschlossen, um Hilfslieferungen in das Land zu erleichtern.

Mogge: Formell sind Ausnahmen vom Sanktionssystem für Hilfsorganisationen erlassen worden, aber in der Praxis hat das noch keinerlei Auswirkungen.

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