Deutschlands Atomausstieg: "Fakten sprechen gegen Wiedereinstieg in Kernkraft"

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Eigentlich soll bis zum Jahr 2031 ein Standort für ein Atommüll-Endlager gefunden sein. Doch die Suche komme kaum voran, beklagt Wolfram König, Präsident des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Ein Gespräch über den Dauerbrenner Kernkraft - und sich neu auftuende Risiken.

Herr König, ist der Wiedereinstieg Deutschlands in die Kernkraft nur noch eine Frage der Zeit?

Wolfram König: Die Fakten sprechen dagegen. Nach dem, was wir heute wissen, hat Atom-Technologie keine Zukunft. Die Kosten sind zu hoch, die Bauzeit für Atomanlagen ist zu lang, die vollständige Sicherheit gegen katastrophale Unfälle kann nicht gewährleistet werden - und die Frage der Endlagerung von Atomabfällen ist nach wie vor ungelöst.

Die Klimakrise, die hohen Energiepreise und unsere Abhängigkeit von Putins Gas könnten doch aber gute Gründe dafür sein, die letzten drei hierzulande noch betriebenen Atomkraftwerke über das geplante Aus zum Jahresende hinaus laufen zu lassen.

König: Mein Eindruck ist, dass sich hinter der Diskussion über eine Laufzeitverlängerung primär der Wunsch verbirgt, den beschlossenen Ausstieg rückgängig zu machen und wiedereinzusteigen in Atomkraft. Aber die Forderung nach neuen Anlagen blendet die ökologischen und ökonomischen Fakten aus. Atom-Technologie - auch die „Mini-Reaktoren“, von denen jetzt oft zu hören ist - lässt sich nur realisieren mit enormen Subventionen und bedeutet die weitreichende Verteilung atomarer Risikoanlagen.

Teuer ist aber auch die Abkehr von russischem Gas, das ja als Brückentechnologie während des Ausbaus der Erneuerbaren dienen sollte. Warum also nicht Kernkraft ein paar Jahre länger nutzen, als Brücke hin zur Klimaneutralität?

König: Die Bundesregierung hat genau das ergebnisoffen geprüft. Die Betreiber der letztverbliebenen Kraftwerke arbeiten seit Langem darauf hin, sie zum Jahresende herunterzufahren. Ihre nur geringe Bereitschaft zur Laufzeitverlängerung war zudem verbunden mit der Ansage: Dann muss der Staat das volle Risiko übernehmen - mit allen Kosten. Aber der Nutzen einer Laufzeitverlängerung steht in keinem Verhältnis zu dem Gewinn an Versorgungssicherheit. Zudem dürfte sie wohl die Bereitschaft zum Umstieg auf Erneuerbare dämpfen.

Könnten die letzten drei Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 den Ausstieg aus russischen Energie-Importen ausgleichen?

König: Nein. Die drei Kraftwerke haben mit rund sechs Prozent einen geringen Anteil an der Stromversorgung. Und als Erdgas-Ersatz kommen sie nicht infrage. Gas wird vor allem in der Industrie und zum Wärmen von Haushalten eingesetzt, Atomenergie dagegen für die Stromerzeugung. Also: Die drei verbleibenden Kernkraftwerke können keinen wesentlichen Beitrag zur Lösung für unsere Energiebedarfe im nächsten Winter leisten.

Umso erstaunlicher, dass so viele Staaten in Europa und dem Rest der Welt weiterhin auf Kernkraft setzen, während Deutschland beim Nein bleibt. Sind wir wirklich so viel schlauer als die anderen?

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