The Pioneer: Herr Hagen, ein Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, 2,5 Prozent in Berlin. Was folgt daraus?
Martin Hagen: Keine Frage: Das sind niederschmetternde Ergebnisse. Aber wir wussten immer: Die drei Landtagswahlen im Osten werden schwierig, und sie kommen zu früh, um bereits als Gradmesser für den Erfolg unserer Neuaufstellung der FDP dienen zu können.
Sie haben den Rückschlag eingeplant?
Die drei verlorenen Wahlen ärgern uns, wir wollten dort bereits den Erfolg – aber wir mussten damit rechnen, dass es dafür trotz gestiegener Umfragewerte im Bund noch nicht reicht. Als Christian Lindner im Dezember 2013 Parteichef wurde, gab es im ersten Jahr auch erstmal einige krachende Niederlagen – der Erfolg kam dann erst Anfang 2015 mit den Wahlen in Hamburg und Bremen. Gut Ding braucht Weile.
Das heißt, Sie setzen alles auf 2027?
Bis dahin ist unsere strategische Positionierung abgeschlossen, so ist der Zeitplan. 2027 muss und wird es bei den Landtagswahlen dann klappen.
Woran hat es denn zuletzt konkret gehapert?
Wir fanden in den Wahlkämpfen schlicht zu wenig statt. Wir müssen lernen, in polarisierten Wahlkämpfen zu bestehen. Und die Zielgruppenmodelle, mit denen wir arbeiten, passen schon länger nicht mehr – da arbeiten wir grade an einem Update.
Ist das auch ein Vertrauensproblem der Partei?
Umfragen sagen, dass uns zuletzt noch die Zeit der Ampel nachhing. Das liegt aber nun hinter uns – die handelnden Personen sind heute andere, die Partei hat aus Fehlern gelernt und manches erscheint inzwischen auch in einem anderen Licht, etwa die Haushaltspolitik von Christian Lindner, gerade im Vergleich zu der seines Nachfolgers.
Denken Sie auch über den Markenkern der FDP neu nach – bis hin zum Namen?
Den Markenkern müssen wir polieren, aber nicht über den Haufen werfen. An dem Namen FDP wird nichts geändert – er steht für individuelle Freiheit, Leistungsgerechtigkeit und wirtschaftlichen Aufschwung.
Was ist die große Erzählung, mit der Sie 2027 antreten wollen?
Liberalismus ist Avantgarde, nicht Verwaltung des Status quo. Wir brauchen Mut zu großen Visionen. Liberale Reformen können die produktiven Kräfte unserer Gesellschaft entfesseln und damit Wohlstand, Fortschritt und Aufstiegschancen ermöglichen.
© Wahlplakat der FDP in BerlinWarum hätte das nicht schon bei den vergangenen Ost-Wahlen eine neue Positionierung sein können? Die Wahlplakate in Berlin waren sehr ambitionslos…
Der neue Vorstand ist erst vier Monate im Amt, die Kampagnen waren da teilweise schon in Planung. Mir ist eine fundierte Strategie auch lieber als ein Schnellschuss mitten im laufenden Wahlkampf.
Wie war die Stimmung in der Präsidiums- und Vorstandssitzung heute?
Es gab keine Panikreaktionen. Wir blicken nach vorne. Der Wunsch nach strategischer Orientierung ist groß. Und die werden wir liefern. Im November beraten wir den Entwurf des neuen Grundsatzprogramms. Dann können die Wahlen 2027 kommen.