Interview mit Lamya Kaddor: Gibt es Geflüchtete erster und zweiter Klasse?

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Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Publizistin und seit 2021 Grünen-Bundestagsabgeordnete. Die Duisburgerin mit Wurzeln in Syrien meint, Deutschland ist gegenüber ukrainischen Flüchtlingen hilfsbereiter als gegenüber arabischen. Ein Gespräch über Mitgefühl und Stereotype.

Frau Kaddor, rund 300.000 Vertriebene aus der Ukraine finden inzwischen Zuflucht in Deutschland, und täglich werden es mehr. Fühlen Sie sich an das Jahr 2015 erinnert?

Lamya Kaddor: Ja, und das in zweierlei Hinsicht. Wieder müssen Menschen ihre Heimat verlassen, um sich vor einem Krieg in Sicherheit zu bringen. Und wieder zeigt unsere Bevölkerung eine große Bereitschaft zur Aufnahme, zur Hilfe und Menschlichkeit.

Erleben wir die Wiederkehr der Willkommenskultur?

Kaddor: Die Willkommenskultur ist jetzt noch ausgeprägter, als sie es 2015 war. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir helfen, ist heute größer als damals. Ukrainische Geflüchtete können sich bisher niederlassen, wo sie möchten. Sie haben Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Gesundheitsschutz - und die Kinder werden beschult, während syrische und afghanische Kinder noch immer auf Wartelisten von Schulen stehen.

Lamya Kaddor © Imago

Wie erklären Sie sich die beschleunigte Integration ukrainischer Geflüchteter?

Kaddor: Eine Erklärung ist: Wir haben dazugelernt aus 2015. Fehler von damals werden jetzt vermieden. Die Kommunen wissen, wie man rasch Unterkünfte aufbaut und Geflüchtete versorgt. Eine weitere Erklärung ist: Wir unterscheiden zwischen Geflüchteten.

Gibt es Geflüchtete erster und zweiter Klasse?

Kaddor: Es gibt einen Unterschied in der Art, wie wir Geflüchteten begegnen. In der Politik ist die Bereitschaft zu unkomplizierten Verfahren groß. Plötzlich ist möglich, was jahrelang mühselig debattiert wurde. Auch in der Bevölkerung ist die Hilfsbereitschaft größer, als sie es 2015 war. Viele Deutsche nehmen ukrainische Geflüchtete bei sich zu Hause auf - 2015, als vor allem Syrer kamen, taten dies deutlich weniger Menschen. Die Vorbehalte, auch Stereotype waren damals ausgeprägter als jetzt.

Sie selbst sind syrischer Herkunft, Sie sind viel in Kontakt mit Syrern hierzulande. Was sagen die Ihnen?

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