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Weltwirtschaftsforum

Joe Kaeser exklusiv: Der andere Blick auf Trump in Davos

Joe Kaeser blickt nicht verzweifelt, sondern mit Gelassenheit auf die Ereignisse in Davos. Kurz nach der zweistündigen Trump-Rede, die der Mann der Wirtschaft vor Ort verfolgte, haben wir miteinander gesprochen.
Gabor Steingart
22.01.2026

Wir sollten heute nicht diplomatisch, sondern deutlich sein: Präsident Trump hat in Davos keine Ansprache, sondern eine Siegesrede gehalten. Die US-Wirtschaft laufe auf Hochtouren, das US-Militär sei stärker denn je, Europa sei „kaum noch wahrnehmbar“ und in Sachen Grönland wolle er keine halben Sachen machen:

We want a piece of ice for world protection.

Dennoch blickt ein Mann der Wirtschaft wie Joe Kaeser nicht verzweifelt, sondern mit der Gelassenheit des international aktiven Unternehmers auf die Ereignisse. Die Rücknahme der Zölle, die am späten Abend erfolgte, hatte er nach Gesprächen mit dem US-Finanzminister und dem US-Handelsminister antizipiert. Kurz nach der zweistündigen Trump-Rede, die Kaeser vor Ort verfolgte, haben wir für den Pioneer-Podcast miteinander gesprochen.

Joe Kaeser zu Gast bei The Pioneer © Anne Hufnagl

Wichtig zu wissen: Kaeser war von 2013 bis 2021 CEO der Siemens AG und ist heute Aufsichtsratschef von Siemens Energy und von Daimler Truck. Beide Firmen stehen gemeinsam für rund 150 Milliarden Euro Börsenwert, circa 200.000 Beschäftigte und besitzen eine Vielzahl von Produktionsstätten in den USA. Hier die Kurzfassung unseres Gesprächs:

The Pioneer: Sie waren dabei im Kongresszentrum bei der Rede von Donald Trump. Was war Ihr Eindruck?

Joe Kaeser: Neu waren zwei Dinge. Erstens die Aussage, dass die Vereinigten Staaten Grönland nicht mit militärischer Gewalt annektieren werden, sondern dass er eher in Richtung einer Akquisition denkt, wie er sich ausgedrückt hat …

Pioneer: … woraufhin die Börsen unverzüglich ins Positive drehten.

Kaeser: Das zeigt, wie hoch die Unsicherheit im Vorfeld war. Und zweitens ist auffällig, dass er die Forderung nach zusätzlichen Schutzzöllen nicht wiederholt hat …

Pioneer: … so ist es am Abend ja dann auch gekommen. Es hieß, man habe sich auf ein Rahmenabkommen zu einer künftigen Vereinbarung geeinigt und die Zölle seien hinfällig. In Sachen Grönland hat man aber den Eindruck, Trump meint es ernst. Er will kein Leasingverfahren. Er will auch nicht mehr Rechte für die US-Truppen, sondern er beansprucht Eigentumsrechte für Grönland.

US-Präsident Donald Trump trifft zum Weltwirtschaftsforum in Davos ein, 21.01.2026. © dpa

Kaeser: Es gab auch hier Spuren in eine andere Richtung, indem er gesagt hat: Wir müssen Grönland schützen, und weil Dänemark und die Europäer das nicht selbst können, müssen wir dort als Schutzmacht der Nato tätig werden, und deshalb brauchen wir das. Aber wir machen das nicht mit Gewalt, sondern wir werden das über Mergers & Acquisitions erwerben.

Pioneer: Sie interpretieren das als ein Einlenken?

Kaeser: Ich glaube, dass der Regierung in Amerika nicht unbemerkt geblieben ist, dass sich die Achse Kanada, England und Europa darauf verständigt hat, was nun zu tun ist. Mark Carney, der Premierminister von Kanada, hat eine unfassbar gute Rede gehalten. Viele sagen, das wird die Spitze der Charts aller Reden von Davos 2026 werden, und ich würde dem zustimmen – sowohl von der Rhetorik als auch vom Inhalt.

Pioneer: Er sagte entwaffnende Sätze, wie diesen: Die Macht der Schwächeren beginnt mit Ehrlichkeit.

Kaeser: Das war wirklich ein sehr entwaffnender Satz.

Pioneer: Aber warum hat Mark Carney damit Ihnen und anderen Hoffnung gemacht?

Kaeser: Weil er gesagt hat, dass die Gemeinschaft der Schwachen, um bei der Metapher zu bleiben, nicht schwach bleiben muss.

Pioneer: Und daraus eine Gegenkraft zu Trumps Amerika erwachsen könnte?

Kaeser: Darin liegt die neue Dimension. Wenn Kanada, Großbritannien, die EU oder auch Japan sagen, wir müssen unsere Interessen miteinander abgleichen, dann ist das eine neue Achse. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Mark Carney mit den Europäern über Möglichkeiten sprechen wird, den Club der Schwächeren zu einem Club der Vereinten zu entwickeln.

Kanadas Premierminister Mark Carney in Davos, 20.01.2026 © dpa

Pioneer: Sie hatten ein gemeinsames Mittagessen mit ihm. Das Ergebnis?

Kaeser: Er hat beim Lunch nochmal sehr deutlich gesagt, dass er bereit ist, auf dem nordamerikanischen Kontinent die Führung zu übernehmen, für diejenigen, die sich dort nicht wohlfühlen, und dann auch mit den Europäern versuchen wird, Wirtschaftsabkommen abzuschließen. Wenn Kanada mit der Europäischen Union und mit Mercosur und mit Japan Wirtschaftsabkommen abschließt, dann baut sich da eine mächtige Position auf.

Pioneer: Er hat in seiner Rede auch gesagt: Hegemonialmächte können ihre Beziehungen, damit meinte er die USA, nicht permanent zu Geld machen. Gleichwohl hat man das Gefühl, dass Trump sehr wohl der Meinung ist, dass die USA wirklich alles zu Geld machen können.

Kaeser: Aber das ist keine Veränderung seiner Position. Er ist extrem transaktional und sagt, für alles, was ich mache, muss ich entlohnt werden.

Pioneer: Gleichzeitig hat er nicht gut über uns Europäer gesprochen. Die Wirtschaftskraft sei schwach, die Migrationspolitik verfehlt, die Energiepolitik katastrophal. Europa sei nicht mehr wahrnehmbar, sagte er.

Kaeser: Er hat sich die Welt noch einmal so pointiert zurechtgelegt, wie er sie sieht. Aber es gibt natürlich auch einige Themen, die er zu Recht angesprochen hat.

Pioneer: Zum Beispiel?

Kaeser: Also dass Europa sich über Jahrzehnte an der Nato nur verbal, aber nicht finanziell beteiligt hat, ist ein Faktum. Dass weite Teile Europas, insbesondere auch Deutschland, von einer ökonomischen Nachhaltigkeitsstrategie in eine ideologische Nachhaltigkeitspolitik migriert sind – in der Ampel –, ist Fakt. Das muss man anerkennen. Auf der anderen Seite haben wir eine fulminante Rede der EU-Präsidentin gehört. Wenn nur ein Drittel von dem, was sie gesagt hat, umgesetzt würde, dann würden wir ein „Make Europe Great Again“-Event erleben.

US-Präsident Donald Trump während der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos, 21.01.2026 © dpa

Pioneer: Das Europaparlament hat Mercosur schon wieder – vorerst – auf Eis gelegt.

Kaeser: Da muss ich schon sagen: Wie blöd kann man denn eigentlich sein in diesem Parlament? Die Welt um uns herum nimmt uns kaum mehr ernst. Der amerikanische Präsident zählt Europa nicht mehr zu den engsten Freunden. Die Chinesen lächeln leise und schleusen alles, was sie in Amerika nicht verkaufen können, über Europa und andere Staaten in die Absatzmärkte. Und dann wollen wir in Europa nach 25 Jahren endlich ein Zeichen setzen. Das ist eine Schicksalsfrage, weil dieses Mercosur-Abkommen einen Durchbruch in unseren wirtschaftlichen Beziehungen bedeuten würde.

Pioneer: Das sagte in Davos auch der kanadische Premierminister: „Wir werden die Portfolios diversifizieren, um uns gegen Unsicherheiten abzusichern.“

Kaeser: Das ist genau das Thema. Ich war letzte Woche in Saudi-Arabien und habe mich mit seiner Königlichen Hoheit getroffen. Und die wollen unbedingt – also Saudi-Arabien, UAE, Katar – mit der EU ein Wirtschaftsabkommen schließen. Es bietet sich aus meiner Sicht eine historische Gelegenheit, mit anderen Wirtschaftsnationen die gemeinsamen Interessenlagen noch einmal zu fundieren und sie gemeinsam auch zu nutzen gegenüber denen, die man gerne als hegemoniale Mächte betrachtet.

Pioneer: Vielen Dank für das Gespräch, Joe Kaeser.

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