Peter Henschel
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Weltbevölkerung

Kinderlosigkeit: Das globale Missverständnis

Welche drei falschen Prämissen bislang als Erklärung für das Problem dienten.
Gabor Steingart
Heute

Es sei leichter, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil, sagte einst Albert Einstein. Womit er recht hatte. Viele lieben ihre Vorurteile mehr als ihren Partner.

Womit wir beim Thema Kinder wären, genauer gesagt der sich weltweit ausbreitenden Kinderlosigkeit, die der britische Demograf Paul Morland als „globale Seuche“ bezeichnet.

Indiens Premierminister Narendra Modī mit Kindern vor dem Kashi-Vishwanath-Tempel, 29.04.2026 © Imago

Diese grassiert mittlerweile unabhängig davon, ob es sich um ein christliches, buddhistisches oder muslimisches Land, um eine wirtschaftlich arme oder reiche Nation handelt.

  • In mehr als zwei Dritteln der 195 Länder der Welt ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau unter die „Reproduktionsrate“ von 2,1 gefallen, die nötig ist, um die Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil zu halten.

  • In 66 Ländern liegt der Durchschnitt mittlerweile näher bei eins als bei zwei.

  • In manchen Ländern ist die häufigste Kinderzahl pro Frau null.

  • Nahezu alle Entwicklungsländer sind mit den westlichen Industriestaaten gleichgezogen. Die Kinderlosigkeit in Mexiko übertrifft mittlerweile die der USA.

Warum das wichtig ist: Mit hohem finanziellen Aufwand versucht die Politik, eine Entwicklung, deren Ursachen sie gar nicht richtig begriffen hat, ungeschehen zu machen. Diese Fakten finden bisher in keinem Businessplan, nicht in der Familienpolitik und auch nicht in der Entwicklungshilfe ihre Berücksichtigung. Viele Firmen folgen einem Expansionsplan, der auf einer globalen Kundschaft basiert, die es so gar nicht geben wird.

Eine Infografik mit dem Titel: Deutschland: Mehr Tode als Geburten

Zahl der Geburten und Sterbefälle in Deutschland

Die Hartnäckigkeit von Vorurteilen, auch solchen, die sich als „wissenschaftlich erwiesen“ tarnen, zeigt sich daran, dass zum Thema Kinderlosigkeit noch immer Lehrmeinungen in Umlauf sind und daraus Politiken abgeleitet werden, die man als eindeutig falsch bezeichnen muss.

Diese drei klassischen Prämissen, die bislang als Erklärung für Kinderlosigkeit dienten, zählen auch dazu:

#1 Die ökonomische Prämisse: „Erst reich, dann kinderarm.“

Die Annahme: Mit steigendem Wohlstand sinkt die Kindersterblichkeit, zugleich aber auch der Bedarf an Kindern zur Altersvorsorge und als Arbeitskräfte – also bekommen Familien weniger Kinder. Das war das Kernstück der „demografischen Transition“ seit den 1930er Jahren. Kinder werden vom „ökonomischen Gewinn“ zur „ökonomischen Last“.

Die Folge: Niedrige Geburtenraten sind ein Wohlstands­phänomen, Entwicklungsländer durchlaufen die Phase später.

Die Realität: Mexiko, Tunesien, Iran, Brasilien und Sri Lanka sind heute unter dem US-Niveau, ohne annähernd den Wohlstand der Vereinigten Staaten erreicht zu haben. Damit öffnet sich die demografische Lücke früher als gedacht und die Überalterung beginnt, ohne dass diese Länder sich ökonomisch entfaltet haben. Oder in einem Satz gesagt: Die armen Länder werden alt, bevor sie reich werden.

Eine Infografik mit dem Titel: Kinderlosigkeit: Der Wohlstandsmythos

Durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Frau in Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen

#2 Die Emanzipations-Prämisse: „Karrierefrauen bekommen weniger Kinder.“

Die Annahme: Wenn Frauen Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit finden, verschiebt sich der Kinderwunsch nach hinten, weil die Opportunitätskosten (entgangenes Einkommen, Karriereknick) zu hoch sind. Das wurde lange als zentrale Erklärung für die niedrigen Geburtenraten in Westeuropa, später für Ostasien herangezogen.

Die neue Forschung zeigt: In Schweden, Finnland, den USA und Deutschland sind heute die am wenigsten Gebildeten am häufigsten kinderlos, nicht die Akademikerinnen.

Hochgebildete Paare bekommen weiterhin Kinder, denn das bürgerliche Familienideal ist keineswegs ausrangiert worden. Dafür hat sich aber die untere Hälfte der Gesellschaft vom bürgerlichen Familienideal entkoppelt. Nicht die emanzipierte Frau, sondern das Prekariat bleibt kinderlos. Die alte Erklärung steht damit auf dem Kopf.

#3 Die Wohlfahrtsstaats-/Vereinbarkeits-Prämisse: „Bessere Familienpolitik = mehr Kinder.“

Die Annahme: Auf der Grundlage der Emanzipationsthese schaffte es das Zielbild von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ in alle Parteiprogramme – mit dem Ergebnis, dass heute in den Firmen und vom Staat viel Geld dafür ausgegeben wird. Seit den 1980er Jahren – so eine Datenanalyse der Financial Times – haben die entwickelten Länder ihre realen Pro-Kopf-Ausgaben für Kindergeld, subventionierte Kinderbetreuung und Elternzeit verdreifacht, und der Anteil der Kinderbetreuung durch Väter ist steil gestiegen.

Die Realität: Die Hoffnung, dass sich die Vereinbarkeits­probleme lösen und die Geburtenraten erholen, wenn der Staat nur genug Kita-Plätze, Elterngeld, Kindergeld, Elternzeit und väterliche Beteiligung organisiert, hält der Wirklichkeit nicht stand. Die Geburtenraten sind weiter gefallen – von 1,85 auf 1,53 pro Frau.

Schweden, Finnland und Norwegen, einst die Vorzeige-Länder in Sachen Familienfreundlichkeit, erleben heute besonders steile Einbrüche. Geld, Politik und der gute Wille des Arbeitgebers sind erkennbar keine hinreichende Zutat bei der Überwindung von Kinderlosigkeit.

Was also ist falsch an den drei Prämissen?

Alle drei setzen stillschweigend voraus, dass es um Entscheidungen innerhalb von Paaren geht, die je nach Einkommen, Bildung oder Familienpolitik anders getroffen werden.

Die neue Forschung widerspricht und verschiebt den Fokus radikal: Das Problem ist demnach nicht der fehlende Kinderwunsch, das Problem sind die fehlenden Paare. Kinderlosigkeit entstehe nicht aus einer bewussten Entscheidung gegen Kinder, sondern aus dem Fehlen einer funktionierenden Partnerschaft, womit sich die Fehlerursache vom Feld der Ökonomie in das der Psychologie und der Soziologie verschiebt.

Eine Infografik mit dem Titel: Weniger Paare = weniger Kinder

Anteil der jungen Erwachsenen (25–34 Jahre), die verheiratet sind oder in einer Lebensgemeinschaft leben

Die Buchautorin, Publizistin und Pioneer-Mit-Herausgeberin Diana Kinnert beruft sich auf Hannah Arendt und den von ihr 1951 in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ geprägten Begriff der „Unbehaustheit“.

Pioneer-Mit-Herausgeberin Diana Kinnert auf der Klartext-Tour in München, 03.12.2024 © Anne Hufnagl

Dabei geht es, so Kinnert, um einen Gesellschaftszustand, bei dem wir sehen, dass die Prämissen von Solidarität und Gemeinschaft nicht mehr gegeben sind.

Wir haben heute aus unterschiedlichen Gründen – unter anderem, weil wir einem pervertierten Individualismus frönen – kaum natürliche kollektive Momente.

Und weiter sagt sie:

Wenn wir uns in der Digitalisierung aufhalten, sind das keine sozialen Infrastrukturen, sondern private Geschäftsmodelle, die darauf ausgerichtet sind, dass wir uns mit Misstrauen begegnen oder am Ende in Telegram-Gruppen nur mit uns selbst beschäftigen.

Offenbar muss man heute Diana Kinnert und die Financial Times gemeinsam lesen. Der FT-Datenanalyst John Burn-Murdoch schreibt:

In mehreren Ländern ist es heute wahrscheinlicher, dass Menschen, die zusammenziehen, sich trennen, als dass sie ein Kind bekommen – eine deutliche Umkehrung der historischen Norm.

Eine Infografik mit dem Titel: Kipppunkt erreicht: Das Schrumpfen hat begonnen

Chinas Bevölkerungsentwicklung seit 1960 und Prognose bis 2097

Das hat Folgen: Der Brite Paul Morland gehört zu den renommiertesten Demografen. Er drückt im Interview mit der NZZ bereits den Alarmknopf:

Auf hundert Südkoreaner kommen in der nächsten Generation vierzig nach, in der übernächsten nur noch sechzehn. Südkorea ist zwar das extremste Beispiel, aber fast alle Länder steuern auf diese Zahlen zu. Das führt unweigerlich zu einem Zusammenbruch der Gesellschaft.

Fazit: Diese neue Dimension einer weltweiten Kinderlosigkeit ist die Signatur unserer Zeit, relevanter womöglich als Digitalisierung und Klimawandel. Die gute Nachricht: Auch dieses Problem ist menschengemacht. Aus dem Verstehen erwächst die Lösung.

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