Die Grünen: Kretschmann, der Oberlehrer

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Winfried Kretschmann galt bei den Grünen lange als Unikum aus dem Südwesten - keiner, dessen Politik zum Vorbild für die Bundespartei taugte. Doch das ändert sich nun. Die Grünen eifern Kretschmann nach.

Politiker nehmen gern für sich in Anspruch, originell zu sein, einzigartig. Das Kalkül: Je klarer das Alleinstellungsmerkmal hervortritt, desto größer die Aufmerksamkeit und Aussicht auf Erfolg. Winfried Kretschmann kalkuliert anders.

Endspurt im baden-württembergischen Landtagswahlkampf, die Grünen haben zum Digitalformat mit dem Ministerpräsidenten eingeladen. Eine halbe Stunde tauscht sich Kretschmann bereits mit dem zugeschalteten Grünen-Chef Robert Habeck aus, als der Schwabe den Grundgedanken seines politischen Handelns ausspricht. „Meine Philosophie ist“, so Kretschmann, „dass es kopierfähig ist“.

Um grüne Klimaschutzpolitik geht es da. Wirtschaftsfreundlich und sozialverträglich müsse die sein, keineswegs radikal, so Kretschmann. Sonst fände sie keine Nachahmer. Kein Widerspruch von Habeck. Im Gegenteil. Der Parteichef ist an diesem Abend darum bemüht, von Kretschmann zu lernen und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.

Habeck holt aus: Es gebe da etwas, „was Winfried Kretschmann und ich immer wieder versuchen anders aufzuziehen und was unsere Partei, meine Partei inzwischen ja auch macht“, sagt er und bringt die Kretschmann-Habeck-Formel auf den Punkt: „Nicht bessere Menschen, sondern bessere Politik ist das Ziel von Politik.“ Kurzum: Machen statt moralisieren. Ganz so, wie es Kretschmann immer schon für sich beansprucht hat.

Kretschmann und seine Politik sind zur Kopiervorlage für Grüne geworden. Das war nicht zu erwarten.

Seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren galt Baden-Württembergs Ministerpräsident in seiner Partei als Unikum aus dem Südwesten. Kretschmanns konservatives Auftreten stand in scharfem Kontrast zum Avantgarde-Anspruch der Bundesgrünen. Seine hyperpragmatische Politik vertrug sich selten mit den Maximalforderungen der kleinsten Oppositionspartei im Bundestag.

"Ach, Winfried schon wieder", hieß es empört, wenn sich Kretschmann für Abschiebungen oder gegen das Gendersternchen aussprach. Wenig deutete darauf hin, dass Kretschmann und sein politischer Stil über das Ländle hinaus ausstrahlen, gar zum Vorbild für grüne Politik würden. Just danach aber sieht es jetzt, am Beginn des Superwahljahrs 2021 aus.

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