Medialer Diskurs

Liebe den Andersdenkenden wie dich selbst

Wo früher Journalismus war, sind viele Verleger heute träge und denkfaul geworden. Höchste Zeit für Selbstkritik und Revitalisierung! Nun braucht es einen ästhetischen Journalismus, der neugierig macht, Zweifel zulässt und Menschen wieder miteinander ins Gespräch bringt.
Gabor Steingart
16.03.2026

Die Ränder überhitzt, die Mitte gelähmt und irgendwo dazwischen ein Journalismus, der seine Leser nicht mehr schlau, sondern traurig macht. Kein Zufall: Viele Verlage haben sich auf das Erzeugen von Erregungs- und Angstwellen verlegt. Sie wollen das Publikum nicht inspirieren, sondern erschrecken.

So sind viele Redaktionen heute keine Pflanzstätten des Neuen mehr, sondern Vertriebsgesellschaften für Dystopien aller Art. Wir leben im Zeitalter der Monetarisierung von Angst. Es komme, so hat es der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck in diesen Tagen formuliert, „zur Vernebelung und Verdunkelung von Wirklichkeit“.

Das Geschäftsmodell vieler Medien scheint die Hochstapelei geworden zu sein. Sie wissen, wie man die Demokratie, den Weltfrieden und das Klima rettet, aber nicht, wie sie ihren eigenen Niedergang stoppen können. Reichweite und Reputation schmelzen schneller als die Polkappen.

Der Spiegel und die Süddeutsche liefern sich einen Wettbewerb beim Abbau von Stellen. Von der FAZ hat seit dem frühen Tod von Herausgeber Frank Schirrmacher niemand mehr gesprochen.

Spiegel-Gründer Rudolf Augstein  © Joachim Giesel

Die Kölnische Rundschau führt ein Leben als Zombie-Zeitung, wo in entkernter Hülle keine eigene Redaktion mehr wohnt. Der einst stolze Verlag Gruner und Jahr ist implodiert. Die Öffentlich-Rechtlichen sind Marktführer im Seniorenheim. Der Letzte macht den Fernseher aus.

Mitarbeiter von Gruner und Jahr protestieren mit Plakaten gegen Thomas Rabe. © dpa

Wo früher Journalismus war, befinden sich heute die Klickstrecken der Werbeindustrie, die wie Tretminen in den Texten vergraben sind. Renommierte Journalisten lesen in ihren Podcasts Reklametexte vor, die als sogenannte Host-Read-Ads besonders wertvoll sind. Man tauscht Glaubwürdigkeit gegen Geld, unter Beibehaltung der eigenen Stimme. In der Statistik firmiert das weiter unter „Publizistik“. Ehrlicher wäre die Umbuchung zur Prostitution.

Viele Verleger lassen es geschehen. Sie sind träge und denkfaul geworden. Was Luther in seinem Brief an Johann Lange 1516 über die Amtskirche schrieb, gilt auch für viele Mitglieder der Medien-Aristokratie:

Sie sind Pfaffen, die den Bauch mehr lieben als Christus.

So bieten sie dem Publikum – auch dank jener Intelligenz, die sich die Künstliche nennt – eine industriell gefertigte Buchstabensuppe, wo der eine schreibt, was der andere schon nicht selbst gedacht hat.

Im Fernsehen hat der rhetorisch geschulte Einfaltspinsel seinen Auftritt. Er braucht keinerlei Zensurvorgaben, um seine Wahrnehmung den politischen Wünschen anzupassen. George Orwell in „Zeilen der Zeit“: „Das Argument, es sei nicht opportun, die Wahrheit zu sagen, weil das diesem oder jenem in die Hände spielt, scheint unüberwindlich.“ Die Wahrheit ist taktisch geworden.

Durch das permanente Kleindenken von Menschen, nur weil sie anders urteilen, fühlen und leben, und jene subtile Diktatur der Bürokratie, die man über den Unternehmern und Unternehmerinnen errichtet hat, wird das einstige Wirtschaftswunderland entkräftet. Der Ast, an dem unser Wohlstand wuchs, ist dürr geworden.

Ein Land entstand, in dem die Formulare länger und komplizierter, die Nachzahlungen umfassender und die Bürokratien mächtiger werden, bis jeder die Hand in der Tasche des anderen stecken hat. Autoritär-karitativ könnte man diese Herrschaftsform nennen. Zumindest sie ist eine deutsche Innovation.

Die mediale Gleichsetzung von „Ambition“ mit „Gier“, „Erfolg“ mit „Ungerechtigkeit“, „Leistung“ mit „Niedertracht“ und „Gewinn“ mit „Steuerschuld“ hat längst zu einem Schwund der mentalen Aufstiegsreserven in Deutschland geführt. Peter Sloterdijk:

Der Klassenkampf ist überwunden, der Klassenhass hat überlebt.

Peter Sloterdijk, 13.11.2024 © Anne Hufnagl

Höchste Zeit für Selbstkritik und eine Revitalisierung des Journalismus, bevor es zu spät ist: Es muss uns wieder um Wahrheitssuche gehen, um Verstehen-Wollen und Zuhören-Können, um das Herstellen von Zusammenhängen, um den angstfreien Austausch von Fakten und Argumenten, um das, was wir bei The Pioneer einen ästhetischen Journalismus nennen.

Chelsea Spieker, Alev Doğan, Karina Mößbauer und Gabor Steingart © Anne Hufnagl

Aus Liebe zur Wahrheit und im Begehr, die Botschaft der Erneuerung zu verbreiten, sind die folgenden zehn Thesen zum ästhetischen Journalismus entstanden. Sie könnten der Startpunkt einer Gegenbewegung sein.

#1 Wider die mediale Erschöpfung

Der ästhetische Journalismus versteht die mediale Zurückhaltung vieler Menschen nicht als Rückzug aus Desinteresse, sondern als Sehnsucht nach einem medialen Raum, der sie nicht erschöpft. Guter Journalismus traut der Zukunft alles zu, auch das Beste.

#2 Negativismus überwinden

Der ästhetische Journalismus ist sich bewusst, dass nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts das Schöne verdächtig war. Kunst sollte nicht mehr gefallen, sondern irritieren, nicht bereichern, sondern wehtun, stören, schockieren. Aus dieser Ästhetik des Widerstandes, wie Peter Weiss sie beschrieben hat, wurde der Negativismus der Medien als Bastard geboren. Diesen Zustand müssen wir überwinden. Dieser Negativismus vergiftet uns.

Pioneer-Mit-Herausgeberin Diana Kinnert auf der Pioneer-Live-Tour 2025  © Anne Hufnagl

#3 Angebote zum Selberdenken

Die Antwort auf das sprachlich Derbe und geistig Arme der medialen Diskurse muss ein Journalismus sein, der sich dem Gegner nicht anverwandelt, also nicht selbst barsch und böse, willkürlich und wahnsinnig wird. Es geht um die Anmut derer, die sprechen, und wie sie sprechen. Und um die Umarmung derer, die zuhören.

Chelsea Spieker und Julius van de Laar bei der Live-Aufzeichnung des White-House-Briefings. © Anne Hufnagl

#4 Die Wiederentdeckung der Schönheit

Der ästhetische Journalismus reagiert auf das Hässliche mit Schönheit, auf das Laute mit Eleganz und auf den Wahnsinn mit Stolz. Susan Sontag in ihrem Essay „Über Schönheit“:

Das Schöne weckt und vertieft unser Bewusstsein von den Ausmaßen und der Fülle von Wirklichkeit.

Susan Sontag, New York, 1978 © Thomas Victor, Courtesy Harriet M. Spurlin

Dabei kommt es auch auf die Schönheit der Sprache an. Auf Wortgewandtheit. Auf Spaß am Rhythmusgefühl. Auf Lust an der Nuance. Auf die Fähigkeit zur Selbstironie. Der gute Journalist starrt nicht, er zwinkert.

Stellvertretende Pioneer-Chefredakteurin Alev Doğan, 2025 © Anne Hufnagl

#5 Es lebe der Zweifel

Der ästhetische Journalismus weiß: Verstehen funktioniert nicht im automatisierten Faktencheck, sondern im dialogischen Verfahren, das den Zweifel nicht nur aushalten, sondern kennenlernen will. Die Gewissheit sichert den Status quo, der Zweifel den Fortschritt. Im Zweifel wohnt das Neue.

Jörg Thadeusz und Karina Mößbauer bei einer Live-Aufzeichnung des Hauptstadt-Briefing-Podcasts. © Anne Hufnagl

#6 Wirklichkeit braucht Kontext

Die Wirklichkeit enthält viele Wahrheiten. Ohne Kontext sind diese nicht zu entschlüsseln. Der ästhetische Journalismus setzt auf die Poesie der Tiefgründigkeit, wider die Banalität des Eindeutigen. Oder wie es der Filmemacher Werner Herzog ausgedrückt hat:

Wären Fakten allein die Erleuchtung, stünden nur sie für die Wahrheit, wäre das Telefonbuch das Buch der Bücher.

Werner Herzog beim Deutschen Filmball, 1979 © Imago

#7 Räume der Resonanz

Der ästhetische Journalismus verbindet Menschen und Mode, Möbel und Accessoires, Licht und Musik zu Räumen, in denen Resonanz möglich ist. Es geht um die Schaffung einer Umgebung mit Stil, in der eine Gesellschaft freier Bürger selbstwirksam werden kann.

Till Brönner bei der Einweihung der Pioneer Two. © Anne Hufnagl

#8 Die Brücke zeigen, nicht nur den Graben

Ein inspirierender Journalismus erkennt die ästhetische Verpflichtung, nicht nur den Abgrund zu vermessen, sondern auch die Brücken zu zeigen, die darüber führen.

Prof. Veronika Grimm, Mit-Herausgeberin von The Pioneer, 2025 © Gregor Matthias Zielke

#9 Zuneigung zu denen, die anders denken

Der ästhetische Journalismus setzt Hingabe voraus, Liebe zum Wort, Ehrfurcht vor der Wahrheit, Zuneigung zu jenen, die anders denken, fühlen, leben und wählen. Dieser Satz gehört in die Unterzeile jedes Zeitungstitels: Liebe den Andersdenkenden wie dich selbst.

Co-Host des Pioneer-Ökonomiebriefings Prof. Lars Feld, 15.03.2026 © Anne Hufnagl

#10 Das Leichte ist das Schwerste

Der kritische Journalismus bleibt unverzichtbar. Aber er verändert seinen Ton. Wir begegnen Politikern, Unternehmern, Wissenschaftlern und Künstlern nicht inquisitorisch, sondern neugierig. Wir wollen den anderen entdecken, nicht enttarnen. Der ästhetische Journalist steht nicht auf der Barrikade, sondern flaniert zwischen den feindlichen Linien. Das Leichte ist das Schwerste.

Der Aufbruch von The Pioneer ist ein ästhetisches Projekt zu nennen, weil wir nach Schönheit streben – auch nach der Schönheit des noch Unfertigen.

Aus Hunderten Begegnungen und Tausenden Zuschriften im vergangenen Jahr weiß ich: Wir sind mehr, als wir ahnen. Wir sind mutiger, als wir glauben. Wir sind stärker, als wir denken. Oder um es mit Albert Camus zu sagen:

Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.

„Höflichkeit ist wie ein Luftkissen“

Alev Doğan und Jörg Thadeusz präsentieren den Club der Optimisten.

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Veröffentlicht in Der Achte Tag. von Alev DoğanJörg Thadeusz.

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Der Achte Tag.

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