Interview mit Margot Käßmann: "Nichts ist besser geworden in Afghanistan"

Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann sagte in ihrer Neujahrspredigt 2010 den Satz: "Nichts ist gut in Afghanistan". Dafür wurde Käßmann scharf kritisiert. Doch das chaotische Ende der Mission und die Rückkehr der Taliban lassen Käßmanns Urteil so aktuell wie zutreffend erscheinen.

Frau Käßmann, am heutigen Mittwoch werden die Soldatinnen und Soldaten geehrt, die in Afghanistan waren. Der Große Zapfenstreich ist der symbolische Schlusspunkt eines 20-jährigen Einsatzes. Wie blicken Sie auf diesen Termin?

Käßmann: Das ist ein schmerzhafter Termin. Denn nichts ist besser geworden in Afghanistan. Trotz des Militäreinsatzes. Es stellt sich für die am Einsatz beteiligten Soldatinnen und Soldaten, aber auch für die afghanische Zivilbevölkerung die Frage, ob es das wert war.

Was meinen Sie: War es das wert?

Käßmann: Für mich lautet die Antwort: nein. Ich bin generell gegen Militäreinsätze. Aber dieser Einsatz war ganz besonders dadurch gekennzeichnet, dass es ihm von vornherein an einem Ziel und einer Strategie fehlte. Schon seine Begründung war zweifelhaft: Die Amerikaner interpretierten die Anschläge vom 11. September als Kriegserklärung durch Al Kaida, die sie in Afghanistan lokalisiert hatten. Aber Osama bin Laden wurde in Pakistan gefunden, wo er jahrelang unbehelligt leben konnte. Dass das Ziel des Militäreinsatzes dennoch Afghanistan und nicht Pakistan war, hängt wohl mit Pakistans Besitz von Atombomben zusammen.

Unter dem Schutz der westlichen Armeen konnte eine Generation junger Afghaninnen und Afghanen alphabetisiert werden. Zählt das nicht?

Käßmann: Natürlich zählt das. Aber: Es war doch nicht das anfängliche Ziel dieses Einsatzes, Afghanistan zu befrieden, Brunnen zu bohren und Mädchenschulen zu bauen. Es ist auch nicht die Militärstrategie der Bundeswehr, Mädchen Bildung zu verschaffen. Und wenn Gerechtigkeit für Frauen doch das Ziel der deutschen Außenpolitik sein sollte, dann frage ich mich, warum wir Waffen nach Saudi-Arabien liefern, wo Frauen brutal unterdrückt werden. Und warum wir eine Fußball-WM in Katar unterstützen, wo Frauen überhaupt nichts dürfen. Ich bin absolut dafür, Mädchenschulen zu bauen und Frauen zu fördern. Aber das geht nur von unten, in der langwierigen Arbeit mit den Menschen vor Ort. Und ohne Waffen.

Der Einsatz endete mit der dramatischen Evakuierungsmission in Kabul. Der chaotische Abzug hat viele überrascht. Sie auch?

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