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Energiepolitik

Die absurde Sonnenenergie-Vernichtungsregel

Die Regierung hat die EEG-Novelle auf den Weg gebracht. Im Kleingedruckten der Neuauflage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes finden sich aber Details, die sauberen Strom vernichten – zulasten des Stromkunden. Über die neuesten Hürden der deutschen Energiepolitik.
Christian Schlesiger
17.08.2026
© Imago
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Deutsche Energiepolitik ist komplex. Und manchmal sind es die Details, die den Unterschied machen. Als Leser muss man jetzt stark sein. Aber es lohnt sich.

Es geht um die so genannte „Wirkleistungsbegrenzung“ in der seit Juli vorliegenden Neufassung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Manchmal ist auch von der „Begrenzung der Wirkleistungseinspeisung“ die Rede. Der Terminus kommt 23 Mal im Gesetzestext vor – und hat Vernichtungspotenzial.

In Kurzform: Die Regel führt dazu, dass grüner Strom weggeworfen wird, der CO₂-Ausstoß steigt – und das Marktpotenzial Erneuerbarer Energien dezimiert wird. Man könnte auch sagen: irrational, dumm, unnötig. Wer es genau wissen will, bleibt dran.

Konkret geht es um einen nachvollziehbaren Gedanken: Wenn die Sonne in der Mittagszeit gnadenlos auf Deutschland herabbrennt, kommt es vor, dass die installierten PV-Anlagen zu viel Strom produzieren und die Leitungen überlasten.

Um einen Elektroschock im Netz zu vermeiden, sieht der Gesetzesentwurf zum EEG künftig vor, die Einspeisung des Stroms aus neuen PV-Anlagen dauerhaft auf maximal 50 Prozent ihrer installierten Leistung zu begrenzen.

Bislang sind neue Anlagen, die intelligent gesteuert werden, also über Smart Meter und Steuerbox verfügen, und ihren Strom an der Strombörse vermarkten, von einer solchen Kappung ausgenommen. Bald soll das nicht mehr der Fall sein.

Denn jetzt kommt’s: Die Kappung soll rund um die Uhr gelten, auch abends und unabhängig davon, ob der Strom direkt vermarktet wird. Das wäre so, als würde man künftig einen Porsche 911 bei 100 Kilometer pro Stunde abregeln, um Staus auf der Autobahn zu vermeiden. Auch nachts.

Eine Infografik mit dem Titel: Grüner Strom: Boom der Photovoltaik

Erzeugte Strommenge durch Photovoltaik in Deutschland, in Gigawattstunden

Außerdem – und dieses Detail ist wichtig – soll die Kappung nicht nur für die einzelne Solaranlage gelten, sondern für den gesamten „Netzverknüpfungspunkt“ des Haushalts. Sprich: den Anschlusspunkt, an dem Photovoltaik-Anlage, Batteriespeicher und Wallbox gemeinsam ans Stromnetz angeschlossen sind.

Das hat Folgen. Sehr unangenehme sogar. Auch für Haushalte, die sich eine PV-Anlage aufs Dach stellen und gleichzeitig eine Batterie kaufen, um überflüssigen Strom zwischenzuspeichern. Sie dürften dann auch am Abend, wenn der Strom dringend gebraucht würde und eine Einspeisung entsprechend wirtschaftlich für sie ist, nicht mehr als die Hälfte der Leistung ihrer Solaranlage ins Netz einspeisen.

Also nicht den gespeicherten Akkustrom. Und auch nicht Strom aus dem bidirektionalen E-Auto. Zu keinem Zeitpunkt.

Ein Beispiel: Bei einer Solaranlage mit zehn Kilowatt Leistung liegt die Obergrenze bei fünf Kilowatt. Diese fünf Kilowatt gelten für alle Geräte, die Strom am Hausanschluss einspeisen. Ein moderner Heimspeicher oder eine Elf-Kilowatt-Wallbox für bidirektionales Laden können ihre Leistung damit nie komplett ausspielen, egal wie hoch die Preise am Abend sind.

Unternehmen wie Enpal und 1Komma5° zeigen sich fassungslos. Eigentlich glauben sie an den freien Markt. Sie könnten schon jetzt auf die garantierte Einspeisevergütung verzichten (die ohnehin bald ausläuft). Ihre Systeme – also Photovoltaik-Anlagen, Batteriespeicher und Smart Meter – speisen Strom nur dann intelligent ins Netz ein, wenn er wirklich gebraucht wird.

Dafür sorgt auch der Preis, den es auch im Stromhandel gibt. Und bei der Mittagsglut im Hochsommer müssten Stromerzeuger oft Geld dafür zahlen, dass sie Strom einspeisen. Jannik Schall, Produktchef und Mitgründer des Energieversorgers 1Komma5°, sagt:

Wir würden mittags bei negativen Preisen niemals Strom verkaufen.

Jannik Schall, Co-Gründer von 1Komma5° © 1Komma5°

Abends aber schon: „Der Photovoltaik-Strom unserer Kunden wird natürlich dann verkauft, wenn die Preise hoch sind“, sagt Schall. Dafür sorge die intelligente Steuerung, bei 1Komma5° „Heartbeat AI“ genannt. „Zum Beispiel abends, wenn viele Menschen gleichzeitig nach Hause kommen und Herd oder Fernseher anschalten.“

Nur ergebe es eben „überhaupt keinen Sinn, dass wir die Einspeisung des Stromes auch am Abend bei 50 Prozent deckeln müssen“, sagt er.

Die Firma hält das für einen Vertrauensbruch: Wer Anlagenbetreiber in die Direktvermarktung (also den Verkauf des Stroms an der Strombörse) drängt, aber gleichzeitig das Marktsignal per Kappung aushebelt, „sabotiert das eigene Regulierungsziel“, heißt es bei 1Komma5°. Schall sagt weiter:

Sauberer Strom bleibt ungenutzt, selbst wenn Preise hoch und Netzkapazitäten frei sind.

Wirtschaftlich würde das bedeuten, dass „ungefähr 25 Prozent der Erlöse einfach verloren gehen“, so Schall. Bei effizienten Systemen mit bidirektionalem E-Auto, bei denen eine Autobatterie Strom speichert und abgibt, könnten Erlöse gar „um 35 Prozent niedriger sein“.

Die Photovoltaik-Anlage und andere Flexibilitätsoptionen wie das E-Auto und die Batterie würden durch die Regelung hinter dem Netzverknüpfungspunkt quasi „in Geiselhaft“ genommen, sagt Schall.

Das führt zu höheren Stromkosten für alle.

Beim Wettbewerber Enpal sieht man das genauso: „Gerade Speicher sind der eigentliche Hebel, um Netze und Preise zu entlasten“, sagt Benjamin Merle, Produktstratege bei Enpal.

Und weiter: „Die politische Antwort auf negative Strompreise sollte nicht pauschale Abregelung sein, sondern intelligente Steuerung.“

Benjamin Merle, Produktstratege bei Enpal, 05.07.2021 © Imago

Das hat auch volkswirtschaftliche Folgen: Die Regelung führt dazu, dass das Angebot an grünem Strom künstlich gedrückt wird, obwohl das technisch nicht nötig ist. „Die problematischen Einspeisespitzen, in denen zu viel Strom produziert wird, fallen mittags an, nicht abends“, sagt Schall.

Und selbst wenn das mal der Fall wäre: Die Netzbetreiber können die Einspeisung stoppen, die entsprechende Regulatorik ist bereits vorhanden.

Ein gezieltes Eingreifen ist schon heute überhaupt kein Problem. Wir verstehen nicht, warum Haushalte pauschal gekappt werden sollen, zu Zeiten, in denen es Bedarf gibt.

Photovoltaik: Sonnenkollektoren zur Erzeugung sauberer Energie auf dem Dach eines Wohnhauses © imago

Warum also diese Regelung? Das Wirtschaftsministerium (BMWE) schreibt auf Anfrage: Ziel der EEG-Novelle sei, dass „alle Anlagen besser in den Markt integriert werden“. Da Photovoltaik-Anlagen „nur selten ihre technisch denkbare Maximalleistung erzeugen, gehen hiermit keine übermäßigen Einschränkungen einher“. Die Begrenzung betreffe „nur einen überschaubaren Anteil des tatsächlich erzeugten Stroms der Anlage“.

Das Ministerium bezieht sich hier aber vor allem auf die Mittagsspitzen. Zur Kappung am Abend sagt das Haus von Katherina Reiche im Prinzip nichts.

Stattdessen heißt es sehr allgemein: „Wer mehr einspeisen möchte, setzt auf einen Speicher.“ Mit einem Speicher könnten die Mittagsspitzen in Zeiten verlagert werden, in denen die Stromnachfrage und damit der Marktwert des Stroms höher sind. „Dies ermöglicht auch eine effizientere Nutzung der Netze und kann Netzkosten senken.“

Nur: Genau das fordern die Unternehmen ja. Sie sind irritiert.

Bei Enpal gibt es noch Hoffnung. Aus seiner Sicht könne hier nur „ein handwerklicher Fehler“ vorliegen, sagt Enpal-Manager Merle. Die Regelung würde ja „ausgerechnet Konfigurationen belasten, die besonders viel Strom aus Zeiten hoher Erzeugung in die Abendstunden verlagern können“.

1Komma5°-Manager Schall sagt: „Die Regelung schießt an ihrem eigenen Ziel vorbei.“ Für Anlagen in der Direktvermarktung dürfe „die 50-Prozent-Kappung schlicht nicht gelten“.

Enpal-Manager Merle ergänzt: Die Politik wolle weg von Subventionen. Enpal begrüße das. „Wir bieten Kunden 20 bis 60 Prozent mehr Erlöse an, wenn sie in die Direktvermarktung wechseln“, sagt er.

Weniger Förderung kann funktionieren, aber nur mit besseren Marktbedingungen.

Wo der Staat wirklich ran müsse, seien die verkrusteten Strukturen bei Netzbetreibern und die Bürokratie. Viele Netzgesellschaften kämen einfach nicht dazu, die Anmeldung von Smart Metern zu bearbeiten – unbewusst oder bewusst.

Einige Nachbarländer hätten bereits mehr als 90 Prozent der Stromkunden mit Smart Metern ausgerüstet, in Deutschland liegt die Quote bei unter zehn Prozent. Merle sagt über die deutsche Energiepolitik:

Manchmal wirkt es fast wie eine Nebelkerze, dass es nur um die Subventionen geht.

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