Peter Henschel
hat Ihnen diesen Artikel geschenkt:

US-Investment: Mediale Hexenjagd auf Audi-CEO

Wieso Audis US-Pläne nicht frevelhaft, sondern ökonomisch notwendig sind.
Gabor Steingart
Gestern
© André Stauch
© André Stauch

Vieles war früher besser – auch der Klassenkampf.

Der wichtigste Unterschied zwischen den heutigen Vertretern des Antikapitalismus und Kurt Tucholsky, der sich als liberaler Sozialist definierte, liegt im wirtschaftlichen Sachverstand. Für ihn kam erst das Verstehen, dann die Kritik. Heute hat sich die Kritik vielerorts aus der Umarmung durch die Fakten befreit. Freier Zorn für freie Bürger.

Kurt Tucholsky (1890–1935) © Imago

Womit wir bei Audi wären. Die Investition einer deutschen Autofirma in den USA hätte Tucholsky nicht aufgewühlt, sondern bestätigt. „Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten“, schrieb er in seiner Satire „Kurzer Abriss der Nationalökonomie“.

Die heimische Autoindustrie könnte einen klugen Kritiker wie Tucholsky mal wieder gut gebrauchen. Stattdessen hat man es in den Vorständen von VW, Audi, BMW und Mercedes mit einem medialen Gemisch aus Anti-Amerikanismus und Anti-Kapitalismus zu tun, dessen Farbe zwischen knallrot und bräunlich changiert und daher ungenießbar ist.

US-Präsident Donald Trump und Audi-Chef Gernot Döllner, 25.10.2026 © dpa

Die Tatsache, dass in Deutschland Arbeitsplätze abgebaut und in den Zielstaaten des Exports aufgebaut werden, gab den Startschuss für eine neuerliche Hexenjagd auf die Kernidee der Globalisierung, wie sie David Ricardo weit vor dem Audi-Chef so formuliert hatte:

Bei völlig freiem Handel setzt jedes Land Kapital und Arbeit dort ein, wo es für sich selbst am vorteilhaftesten ist.

Das war im Falle von Audi nun die USA von Donald Trump, wobei dieser mit seinem Strafzoll der freien Entscheidung auf die Sprünge geholfen hatte. Die Zölle sind zwar ein Ärgernis (für die deutschen Hersteller), aber zugleich ein Faktum, so wie die hohen Arbeits- und Energiekosten hierzulande auch beides sind: Ein Faktum, das ärgert. Ein Ärgernis, das faktisch geworden ist.

Jedenfalls geriet der brave Audi-CEO, der seine Entscheidung unglückseligerweise auf einer Wahlkundgebung des US-Präsidenten verkündet hatte, in die Schusslinie derer, die Journalismus als eine moralische Transaktion verstehen. In ihrem Verständnis zahlt man Geld nicht mehr für Information, sondern für das Gefühl moralischer Überlegenheit. Für sie ist jeder, der sich mit Trump einlässt, ein Sünder. Holger Stark, stellvertretender Chefredakteur der Zeit:

Ich weiß nicht, wann ein Firmenchef zuletzt so brutal seiner eigenen Marke geschadet hat. Wer soll diesem Mann und dieser Firma noch ein Auto abkaufen?

Auch Martin Hesse vom Spiegel polemisiert an der Tatsache vorbei, dass der US-Markt vor allem ein Markt für Verbrennerfahrzeuge ist. Nur sechs Prozent der Neuwagen in 2026 sind bisher reine E-Autos. Und dennoch schreibt er:

In den USA ein Werk für SUV mit Verbrennungsmotor zu bauen, ist ein strategischer Irrweg. Der Audi-Chef setzt sich auf die Rückbank des Geisterfahrers Donald Trump.

Auf T-Online kommentiert David Schafbuch:

Was Döllner getan hat, ist nichts anderes als die perfekte Unterwerfung vor dem System Trump.

Der Audi-Chef, das ist der Vorwurf, kämpft nicht (wie der Spiegel) leidenschaftlich gegen Trump und beteiligt sich auch nicht an der ökologischen Umerziehung der USA. Audi will – darin liegt der Frevel – dem Publikum gefallen und strebt deshalb ein Angebot an, das dem Nachfrager schmeckt. Wer dem Markt folgt, macht sich schuldig. Das ist die Pointe der Kritik. Der Geisterfahrer vom Spiegel wundert sich über den starken Gegenverkehr auf der Autobahn.

In Wahrheit ist Audi – und dieser Vorwurf wäre der berechtigte – kein Pionier der Globalisierung, sondern eher die letzte Kompanie der Amerika-Aussiedler. Alle deutschen Hersteller betreiben hier ihre Werke: VW in Chattanooga, Tennessee, BMW in Spartanburg, South Carolina, Mercedes in Tuscaloosa, Alabama, und demnächst eben Audi bei Macon, Georgia. Der erste deutsche Autobauer, der in der Neuen Welt vor Anker ging, war Volkswagen mit seinem Werk in Westmoreland, Pennsylvania, im Jahr 1978.

Heute ist das, worüber man sich derzeit aufregt, nicht nur eine deutsche Selbstverständlichkeit, sondern auch eine globale Notwendigkeit. 2025 fertigten deutsche Hersteller 9,15 Mio. Pkw im Ausland und 4,15 Mio. in Deutschland. Damit entstanden rund 69 Prozent ihrer Fahrzeuge außerhalb des Landes.

Eine Infografik mit dem Titel: Deutsche Autos kommen überwiegend aus dem Ausland

Verhältnis der im In- und Ausland produzierten Pkw deutscher Hersteller

Seit 2009 wuchs daher die Auslandsproduktion um 88 Prozent. Bereits 2010 übertraf sie die Fertigung in Deutschland. „Made in Germany“ beschreibt zunehmend eine Nostalgie und nicht mehr eine Wirklichkeit.

Eine Infografik mit dem Titel: „Made in Germany" wird weniger

Pkw-Produktion deutscher Hersteller in Deutschland und im Ausland, 2009-2025, in Mio. Stück

Amerika ist kein Dritte-Welt-Land, aber hat verstanden, dass es kein Menschenrecht auf private Investitionen gibt, sondern die Verpflichtung, für andere attraktiv zu sein. Was soll der arme Audi-Chef denn tun, wenn er in den USA 32 Prozent niedrigere Lohnstückkosten als in Deutschland vorfindet? Und wenn in den USA die Industrieunternehmen für ihren Strom im Mittel nur rund die Hälfte der deutschen Stromkosten zahlen müssen.

Eine Infografik mit dem Titel: Lohnstückkosten: Deutschland weit überdurchschnittlich

Lohnstückkosten im Verarbeitenden Gewerbe 2024, Deutschland = 100

Fazit: Der Audi-Chef tat, was er längst hätte tun sollen. Er versucht seine rote USA-Bilanz mit einer Produktionsverlagerung zu drehen. Sein Unglück: Erst hatte er den amerikanischen Markt und jetzt noch die deutschen Medien gegen sich. Trost spendet ihm Tucholsky, dem der Herdentrieb der Medien (das Wort Mainstream war noch nicht erfunden) schon vor hundert Jahren zu weit ging:

Sehe ich mir die Tagesliteratur an, dann denke ich manchmal: Das haben sich die Schreibmaschinen allein gedichtet.

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