Europas Rolle in der Welt: Warum blamiert sich die EU?

Erst lässt sich EU-Chefdiplomat Borrell in Moskau vorführen, dann brüskiert Ratspräsident Michel Kommissionschefin von der Leyen in Erdogans Palast. Ist das eine Häufung unglücklicher Zufälle? Oder Ausdruck außenpolitischer Handlungsunfähigkeit?

Die Scham sitzt tief. In Brüssel, Berlin und anderen europäischen Regierungssitzen wird man das Bild von der düpierten Ursula von der Leyen nicht so bald vergessen.

Verdutzt steht sie am vergangenen Dienstag im Empfangssaal des türkischen Präsidentenpalasts. Schaut dabei zu, wie sich Staatschef Recep Tayyip Erdogan und EU-Ratspräsident Charles Michel auf zwei pompöse Sessel setzen, während ihr, der EU-Kommissionspräsidentin, ein Platz auf einem beigestellten Sofa zugewiesen wird. Dem türkischen Außenminister gegenüber.

„Ähm“, sagt von der Leyen, hebt kurz die Hände und blickt von Michel zu Erdogan und wieder zurück zu Michel. Der Belgier erwidert ihren Blick, wort- und tatenlos.

Ähm. Gut möglich, dass von der Leyen, die großen Wert auf eine bildhafte, pathosschwere Sprache legt, dereinst vor allem für diesen Ausdruck blanken Erstaunens erinnert werden wird.

Die Schmach von Ankara lässt an eine andere, nicht minder peinliche Szene denken, die erst wenige Wochen zurückliegt. Bei seinem Moskau-Besuch Anfang Februar ließ sich der EU-Chefdiplomat Josep Borrell vom russischen Außenminister Sergei Lawrow während der gemeinsamen Pressekonferenz vorführen.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell (rechts) zu Besuch beim russischen Außenminister Sergei Lawrow in Moskau. © Imago

Der Russe nannte die EU einen unzuverlässigen Partner und warf ihr Heuchelei vor. Borrell erwiderte nichts, wirkte überrascht und überfordert. Noch während seines Besuchs verwies Russland europäische Diplomaten des Landes. Ein kalkulierter Affront.

Auslandsreisen sind in der Pandemie selbst für Politiker und Diplomaten eine Seltenheit. Umso größer die Aufmerksamkeit, wenn doch welche stattfinden. Bei diesen Gelegenheiten machen die Spitzen der EU derzeit keine gute Figur.

Es drängt sich die Frage auf, ob Borrells Bloßstellung in Moskau und die peinliche Sitzordnung Michels und von der Leyens in Ankara nur unglückliche Zufalle sind. Oder aber Ausdruck außenpolitischer Handlungsunfähigkeit.

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