„Wir brauchen einen Ruck in Deutschland und in Europa“

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Rede von Deutsche Bank Vorstandschef Christian Sewing auf dem Petersberger Sommerdialog* in Königswinter.

"Es ist mir eine Ehre, zum Abschluss eines Tages sprechen zu dürfen, an dem mich die Diskussionen sehr bereichert haben. Sie haben uns allen, glaube ich, eindrucksvoll vor Augen geführt, welche Herausforderungen wir derzeit vor uns haben.

Lassen Sie mich mit den Fakten beginnen:

  • Deutschland ist immer noch die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt – wurde in den vergangenen 20 Jahren aber bereits von China überholt, auf absehbare Zeit wird auch Indien vorbeiziehen. Und mit Kalifornien könnte uns – wenn es bei den aktuellen Wachstumsraten bleibt – in einigen Jahren ein einzelner US-Bundesstaat hinter sich lassen.

  • Im Jahr 2000 kamen noch 41 der 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt aus Europa – heute sind es nur noch 15.

  • Während in Deutschland nur ein Viertel der Internetanschlüsse auf eine Übertragungsrate von mehr als 100 Megabit kommen, sind es in Südkorea mehr als 90 Prozent, in Schweden knapp 80 Prozent, in den USA gut 60 Prozent.

  • Und während wir bei grüner Technologie noch relativ gut aussehen, spielt sich das Zukunftsthema Künstliche Intelligenz zum größeren Teil außerhalb Europas ab: Im sogenannten „AI Capabilities Score“ kommen wir auf 23 Punkte, die USA auf 45 und China auf 32.

Diese Daten zeigen uns zweierlei: Ja, uns geht es noch ziemlich gut, wir gehören nach wir vor zu den wohlhabendsten Ländern und Regionen der Welt.

Aber der Trend spricht gegen uns – und da, wo die Grundlagen für die Zukunft gestellt werden, liegen wir zum Teil weit zurück. Es bedarf also keiner hellseherischen Fähigkeiten um vorherzusagen: Wir werden weiter an Boden verlieren, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert.

Dabei haben wir es in der Hand, diesen negativen Trend umzukehren – wir ganz allein. Denn dass Deutschland und Europa in den vergangenen zwei Jahrzehnten gegenüber Amerika und Asien zurückgefallen sind, hat entscheidend mit einer Reihe struktureller Schwächen zu tun, die schon vor mehr als 20 Jahren diagnostiziert waren:

  • Im März 2000 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU in Lissabon das Ziel, die Union bis 2010 zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft der Welt zu machen.

  • Wir wissen alle, was aus der Lissabon-Agenda wurde – und was nicht aus ihr wurde. Doch welche Konsequenzen hat diese Entwicklung?

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Natürlich hat es viel damit zu tun, dass Europa kompliziert ist. Dass man einen Konsens finden muss, was oft nur zum kleinsten gemeinsamen Nenner führt. Aber es ist auch eine Frage der Haltung: Wir nehmen es zu selbstverständlich hin, dass die Lage so ist, wie sie ist; dass Europa zwar noch sehr reich ist, aber eben nicht mehr ganz vorn mitspielt; dass wir zwar ein attraktiver Absatzmarkt sind, aber die Wertschöpfung zunehmend woanders erfolgt.

Es geschieht zu wenig, auch hierzulande, in Deutschland. Exporte in Rekordhöhen, zeitweise nahezu Vollbeschäftigung, ein vergleichsweise niedriger Schuldenstand – da neigt man dazu, sich etwas zurückzulehnen. Was aber heißt es für unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit, wenn die letzte wirklich große Reform in Deutschland – die Agenda 2010 – fast 20 Jahre her ist?

Wir müssen uns nur die wirtschaftliche Dynamik in Amerika oder Asien ansehen, um zu verstehen: Wenn wir uns nicht bewegen, werden wir zurückfallen. Wir müssen hart dafür arbeiten, unseren Platz zu verteidigen. Es ist Zeit für einen Ruck in Deutschland und Europa, um einmal die Formulierung unseres früheren Bundespräsidenten zu bemühen.

Und zwar jetzt. 2021 und 2022 sind Jahre der Richtungsentscheidungen. Für Deutschland – aber letztlich auch für Europa. Denn es geht in diesem Superwahljahr nicht nur ums Kanzleramt. Es geht darum, welche Wirtschaftspolitik, ja: welche Wirtschaftsordnung das kommende Jahrzehnt prägen soll. Wie nachhaltig und digital unsere Wirtschaft wird. Und was letztlich aus unserem Wohlstand wird.

All das hängt eng mit unserer Haltung zusammen, davon bin ich überzeugt. Wir in der Deutschen Bank haben selber die Erfahrung gemacht. Ich möchte nicht Europa mit der Deutschen Bank vergleichen. Aber in einer Hinsicht gibt es vielleicht doch eine Parallele.

  • Auch wir galten noch vor nicht allzu langer Zeit als unreformierbar, als zu komplex.

  • Es schien vorgezeichnet, dass wir international immer weiter zurückfallen würden.

  • Dann aber ist uns in den vergangenen Jahren eine Wende gelungen, die uns die wenigsten zugetraut hätten. Und das hat viel mit einer konsequenten Haltung zu tun: mit dem unbedingten Willen, ein Ziel zu erreichen, den Fokus nicht mehr zu verlieren und sich dann auch gegen Widerstände durchzusetzen. Das schafft keiner allein, das schafft man nur gemeinsam.

3 Gründe für den Aufschwung

Der Deutsche-Bank-Chef über den Umbau seines Geldhauses und die Konjunktur 2021.

Veröffentlicht in Morning Briefing Spezial von Gabor Steingart.

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Und ich bin optimistisch: Was wir hier sozusagen im Kleinen hingekriegt haben, das kann Europa auch im Großen gelingen.

Der Wandel eines Kontinents ist sicher weitaus schwieriger als der Wandel eines Unternehmens. Aber Europa hat eine starke Basis und allerbeste Voraussetzungen. Wir haben es in Europa selbst in der Hand. Die Corona-Krise hat uns doch gezeigt, dass große Würfe möglich sind. Das sollte uns Mut machen. Mut genug für eine neue Kultur des Anspruchs – wie damals bei der Lissabon-Agenda. Diesmal aber gepaart mit einer Kultur der Umsetzung – damit aus Ambition auch Wirklichkeit werden kann.

Welchen wirtschaftspolitischen Rahmen aber sollten wir anstreben? Lassen Sie mich diese Frage in vier Thesen beantworten.

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