Deutschlands Cyber-Botschafterin im Interview: "Wir sind angreifbar, weil wir nachlässig sind"

Regine Grienberger ist Deutschlands erste Botschafterin für Cyber-Außenpolitik. Die Diplomatin versucht Ordnung in den Cyberspace zu bringen - dem Schauplatz von immer mehr zwischenstaatlichen Konflikten und Rivalitäten.

Frau Grienberger, Sie sind Deutschlands Botschafterin für Cyber-Außenpolitik. Was ist das überhaupt: Cyber-Außenpolitik?

Grienberger: Mein Posten ist die Folge aus den Enthüllungen von Edward Snowden im Jahr 2013. Der NSA-Skandal zeigte uns: Wir müssen international über Cyber-Spionage sprechen, auch mit unseren Partnern.

„Ausspähen unter Freunden - geht gar nicht“, sagte Kanzlerin Angela Merkel, nachdem bekannt geworden war, dass der US-Geheimdienst ihr Handy überwacht hatte.

Grienberger: Damals stand uns die zunehmende Bedeutung von Hacking in den internationalen Beziehungen klar vor Augen. Das Thema wanderte ein paar Jahre lang hin und her zwischen den Abteilungen des Auswärtigen Amts; es ist ja auch schwer zu greifen. Ich bemühe mich um eine ganzheitliche Sichtweise und effektive Koordinierung.

Quellcodes zu entziffern ist nicht Teil der Diplomatenausbildung.

Grienberger: Cyber-Außenpolitik ist in der Tat ein bisschen nerdy. Auf der Suche nach Personal hörte ich oft: „Ich kann aber nicht programmieren.“ Dabei ist der diplomatische Instrumentenkasten für Cyber-Außenpolitik gut geeignet. Man kann sich ihr von verschiedenen Blickwinkeln aus nähern: Aus wirtschaftlicher Perspektive ist Cybersicherheit ein Standortfaktor. Die Sicherheitspolitik fragt nach den Folgen elektronischer Kriegsführung. Und aus abrüstungspolitischer Sicht stellt der Cyberspace ein weiteres ungeregeltes Waffenregime dar, das unter Kontrolle zu bringen ist.

Von welchem Staat geht die größte digitale Bedrohung für Deutschland aus?

Grienberger: Die allermeisten Angriffe sind gar nicht auf staatliche Entitäten zurückzuführen. Es ist allerdings so, dass sich einige Staaten sehr robust aufstellen: Die neue russische Sicherheitsstrategie baut zum Beispiel auf der Grundannahme auf, dass Russland ständig angegriffen wird und sich deshalb ständig verteidigen muss. Das betrifft auch den Cyberspace. Russland erklärt den Ausbau seiner eigenen offensiven Cyberfähigkeiten damit, dass es sich gegen eine wahrgenommene zunehmende Bedrohung von außen wehren muss. Das macht Russland in dieser Hinsicht zu einem schwierigeren Partner.

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