Grüne-Jugend-Chef im Interview: "Wir werden den Kampf für eine gerechte Welt nicht fürs Kiffen verramschen"

Timon Dzienus bildet gemeinsam mit Sarah-Lee Heinrich das neue Führungsduo der Grünen Jugend. Der 25-jährige Hannoveraner steht für eine neue, vor allem sozialpolitisch motivierte Generation von Grünen. Ein Gespräch über Hass im Netz, Gerechtigkeit auf dem Sondierungspapier und Macht im Bundestag.

Herr Dzienus, seit gut einer Woche sind Sie neben Sarah-Lee Heinrich Co-Vorsitzender der Grünen Jugend. Was war das für eine Woche?

Dzienus: Eine sehr turbulente Woche, geprägt von Shitstorms, rechten Attacken und Sondierungen.

Nach Bekanntwerden alter Tweets mit diskriminierendem Inhalt sah sich Ihre in der Kritik stehende Co-Chefin Heinrich zum zwischenzeitlichen Rückzug aus der Öffentlichkeit gezwungen, weil ihr mit dem Tod gedroht wurde. Wie gehen Sie damit um?

Dzienus: In dieser Debatte muss uns ein Punkt klar sein: Denjenigen, die den Shitstorm anfeuerten, ging es nie um eine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern darum, Sarah-Lee Heinrich anzugreifen und sie einzuschüchtern. Im Übrigen bezogen sich die Drohungen vor allem auf ihre Äußerungen bezüglich Rassismus - nicht auf die Jahre alten Tweets. Weil diese Drohungen dann so krass wurden, ging die persönliche Sicherheit in den letzten Tagen vor. Sarah-Lee Heinrich hat sich aber auch selber ausführlich zu den Angriffen geäußert. Sie hat meine vollste Solidarität.

Auch die Grüne Jugend hat am Sonntag der Aufnahme von Koalitionsgesprächen mit SPD und FDP zugestimmt. Sie sind rundum zufrieden mit dem Sondierungsergebnis?

Dzienus: Das Sondierungsergebnis ist eine gute Grundlage für die Koalitionsverhandlungen, aber hier wird noch hart weiterverhandelt werden müssen. Rundum zufrieden sind wir aber nicht. In den nächsten Wochen werden wir unter anderem unsere Forderung nach einer umlagefinanzierten Ausbildungsplatzgarantie starkmachen, damit junge Menschen überall eine sichere Perspektive haben.

Die Grüne-Jugend-Chefs Timon Dzienus Sarah-Lee Heinrich © dpa

In welchen drei Punkten müssen die Grünen in den Koalitionsverhandlungen mehr herausholen, als das Sondierungspapier erwarten lässt?

Dzienus: Beim neuen Bürgergeld muss sich das System ändern, nicht nur der Name. Wir streiten für die Sanktionsfreiheit und für deutlich höhere Regelsätze. Außerdem brauchen Kommunen und Länder mehr Möglichkeiten, die explodierten Mietpreise für Mieter*innen wieder bezahlbar zu machen. Eine Öffnungsklausel für die Länder wäre dafür ein guter Weg. Und drittens: Deutschland muss für eine humane Geflüchtetenpolitik selber vorangehen, beispielsweise durch die Unterstützung der Seenotrettung und durch ein humanitäres Aufnahmenprogramm des Bundes. All diese Forderungen haben einen breiten Rückhalt in der Zivilgesellschaft. Wir werden gemeinsam mit ihr Druck machen - besonders auf SPD und FDP.

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