Querdenker-Bewegung: Die hausgemachte Q-Bedrohung

Als Protestbewegung gegen die Corona-Maßnahmen gegründet, organisieren sich die Querdenker inzwischen in 59 deutschen Städten als Ortsgruppen. Welches Radikalisierungspotenzial trägt diese Bewegung in sich? Eine Analyse von Professor Helmut K. Anheier.

Am 1. August 2020 versammelten sich rund 30.000 Menschen in Berlin, um gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu protestieren. Obwohl die von der Stuttgarter Querdenken-Bewegung organisierte Veranstaltung gegen ein Versammlungsverbot verstieß, verlief sie letztlich relativ friedlich. Das war bei der nächsten Demonstration in der Hauptstadt gegen den Corona-Lockdown am 29. August 2020 nicht der Fall.

Die meisten der 38.000 Teilnehmer der Kundgebung vom 29. August – die stattfand, nachdem ein Verwaltungsgericht in Berlin ein polizeiliches Verbot der Demonstration außer Kraft gesetzt hatte – verhielten sich friedlich. Doch eine Splittergruppe von 450-500 Demonstranten, darunter zahlreiche Rechtsextreme, versuchte das Reichstagsgebäude zu stürmen. Der Angriff war weder so gewalttätig noch so gut geplant wie der, der am 6. Januar 2021 auf das US-Kapitol erfolgen sollte – angeheizt durch Amerikas eigenes „Q“, QAnon – aber es war das erste Mal seit der Nazizeit, dass der Reichstag angegriffen wurde. Das verheißt nichts Gutes für Deutschland.

 © dpa

Spulen wir vor zum 1. August 2021. Die Querdenker hatten eine Genehmigung für eine Demonstration mit etwa 25.000 Teilnehmern beantragt, die die Stadt mit der Begründung ablehnte, dass die Bewegung wiederholt gegen die Pandemiebestimmungen verstoßen habe. Die Organisatoren zogen vor Gericht und verloren. Ein Autokorso wurde jedoch zugelassen.

Doch der Autokorso entpuppte sich als Finte. Stattdessen begannen Gruppen von Querdenker-Sympathisanten aus verschiedenen Teilen der Stadt zu marschieren, mit dem mutmaßlichen Ziel, sich am Brandenburger Tor und vor dem Reichstag zu versammeln. In der Folge kam es zu surrealistisch anmutenden Szenen. Die 7.000 Querdenker, die keine Masken trugen und die Hygieneregeln missachteten, lieferten sich ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei, die die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß der illegalen Kundgebung sowie das Gewaltpotenzial offenbar unterschätzt hatte.

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