Krieg in der Ukraine: Ein Jahrzehnt der Friedlosigkeit

Ausgelöst durch Putins Krieg in der Ukraine ist die Welt geprägt vor einer neuen, aggressiven Geopolitik. Westliche Demokratien stehen in diesen Zeiten jedoch keinesfalls hilflos da – das beweist schon jetzt die dynamische Solidarität von Nato und EU. Ein Gastbeitrag von Sigmar Gabriel.

Die Welt steht wahrscheinlich am Beginn eines Jahrzehnts der unruhigen Friedlosigkeit. Auch wenn wir nicht unbedingt in eine Periode des ewigen Krieges eintreten, sollten wir uns auf mehr und intensivere Handelskonflikte, Wirtschafts- und Finanzsanktionen, Cyberangriffe, Desinformationskampagnen und den Einsatz militärischer Gewalt als Instrument der Geopolitik einstellen.

Russlands Krieg gegen die Ukraine ist nicht der Beginn einer neuen Ära, sondern vielmehr die Folge einer Ära, die zu Ende geht.

Abgesehen von seinem offensichtlichen Wunsch, das russische Imperium wiederaufzubauen, will Präsident Wladimir Putin die Neuordnung der Welt eindeutig nicht allein den Vereinigten Staaten und China überlassen. Er möchte, dass Russland (beziehungsweise er selbst) wieder zu einer Großmacht wird, die die europäischen und eurasischen Angelegenheiten wirklich mitbestimmen kann.

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Mehr als 30 Jahre lang hat Russland in Europa nur die Rolle des verbitterten Spielverderbers gespielt. Als es 2014 auf der Krim Land an sich riss, war das Land in der Einschätzung vieler Europäer auf den Status eines Energielieferanten gesunken und bedrohte einige seiner unmittelbaren Nachbarn nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche.

Und doch muss Putin in der Lage sein, die Zukunft Europas zu beeinflussen, wenn er eine Chance haben will, Russland wieder zu einer globalen Großmacht zu machen. Das bedeutet, dass in seinem Krieg mehr auf dem Spiel steht als die ukrainische Souveränität; in Wirklichkeit ist die Ukraine nur ein Mittel für Putins revanchistische Ziele.

In seinem Streben nach geopolitischem Einfluss im einundzwanzigsten Jahrhundert denkt Putin immer noch in Kategorien des neunzehnten Jahrhunderts und kämpft mit Mitteln des zwanzigsten Jahrhunderts.

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