Gastbeitrag von Serhy Yekelchyk: Die Ukraine und Russland sind nicht dasselbe Land

Viele Russen teilen die Wahnvorstellung Wladimir Putins, dass die Ukraine schon immer zu Russland gehört hat. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass die Wahrheit viel komplizierter ist. Ein Gastbeitrag von Serhy Yekelchyk.

Im letzten Sommer verfasste der russische Präsident Wladimir Putin einen langen historischen Artikel mit dem Titel "Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern", und so manchem Ukrainer wurde dabei mulmig. Und tatsächlich: In weniger als sechs Monaten begannen sich russische Truppen und Panzer in der Nähe der ukrainischen Grenze zu sammeln.

Ich empfehle Ihnen, meiden Sie die Teile der Welt, in denen Staatschefs Abhandlungen über die Geschichte schreiben. Bei dem Versuch zu behaupten, die Ukraine und Russland seien historisch gesehen "ein Volk", griff Putin (oder seine Schreiber) nicht auf die sowjetische Version der Geschichte zurück, sondern auf die zaristische.

Denn die Sowjets erkannten die Ukrainer als eigenständige ethnische Nation mit eigener Sprache und dem (theoretischen) Recht auf Selbstbestimmung an, was in der Praxis bedeutete, dass ihnen eine ukrainische Republik innerhalb der Sowjetunion gewährt wurde. Im Gegensatz zu den Sowjets sahen die russischen Zaren die Ukrainer als Teil der russischen Nation an und ihre Sprache als einen regionalen Dialekt.

Sie glaubten auch, dass der Westen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder versucht hätte, die russisch-ukrainische Einheit zu untergraben. Putin griff diesen Punkt auf und fügte der Liste der westlichen Übeltäter die Nato und die EU hinzu.

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Viele Russen teilen heute Putins Wahnvorstellung, dass die Ukraine schon immer zu Russland gehört hat. Die Wahrheit ist jedoch viel komplizierter.

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