Gastbeitrag von Andreas Moring: Es ist höchste Zeit für den „seamless state“

 © dpa

Der Staat scheitert am technologischen Wandel, die Wirtschaft scheint Jahre voraus. Unser Experte Andreas Moring sieht den Staat in der Pflicht, digitale Prozesse und künstliche Intelligenz endlich in die Verwaltung zu integrieren.

"Die Zahlen für Montag und Dienstag zu den Inzidenzwerten sind nicht aussagekräftig, da die Gesundheitsämter in Deutschland am Wochenende nicht arbeiten."

Diese Litanei kennen wir seit mehr als einem Jahr. Trotz globaler Pandemie und Jahrhundert Ereignis gilt bei uns: Die öffentliche Verwaltung hält sich an die Regeln zu Arbeits- und Ruhezeiten. Das ist nur ein Beispiel von vielen, bei denen wir uns fragen: In welchem Jahrhundert lebt der Staat eigentlich? Es ist dringend Zeit für Veränderung. Denn wenn die Lebenserfahrung von uns Bürgern in unserem täglichen digitalen Leben immer mehr von der Wirklichkeit bei Ämtern und Verwaltungen abweicht, dann bricht das Vertrauen in den Staat. Es geht also nicht nur um ein paar neue Tools und Devices für den Staat. Es geht um Stabilität und soziale Nachhaltigkeit.

Wir leben in zwei unterschiedlichen Welten - der digitalen, und der bürokratisch-analogen. Manchmal treffen sie im Alltag aufeinander. Dann sind wir verstört. Im privaten und berufliche Leben sind digitale Anwendungen selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, dass sie reibungslos funktionieren.

Bürgeramt © imago

Es ist eine sogenannte „seamless experience“: Alles funktioniert nahtlos, reibungslos, eins fügt sich zum anderen, die Prozesse laufen ungehindert. Warum es funktioniert? Im Hintergrund agiert verlässlich und jederzeit die Technologie, in vielen Fällen die Künstliche Intelligenz. Beim Onlineshopping klicken wir uns einige Male geübt durch die Seiten, spätestens 48 Stunden später ist die Ware da.

Videos, Musik, Konferenzen, Meetings - alles funktioniert per Stream und On Demand. Wir sind es gewohnt Dokumente, Daten und Projekte in der Cloud zu bearbeiten und innerhalb von Sekunden zu teilen. In der öffentlichen Verwaltung beherrschen „Vorgänge“ die Szene. Formulare sind per Hand auszufüllen, Termine werden per Telefon, oder per Nummer im Warteraum vergeben. Sprechzeiten gibt es nur zu bestimmten Uhrzeiten. Also dann, wenn die potentiellen Kunden arbeiten. 24-7 Service ist ein Fremdwort. Und es dauert. Gerne mal Wochen oder sogar Monate. Seamless ist hier gar nichts.

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