Gastbeitrag von Katharina Emschermann: Europas neue Autonomie nach Afghanistan

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Gesucht werden jetzt die Lehren aus Afghanistan. Fest steht: Europa muss sich verstärkt um die eigene Sicherheit kümmern. Vor allem in der direkten Nachbarschaft muss sich die EU beweisen - und dabei Realismus walten lassen.

Der Afghanistan-Einsatz ist beendet. Doch der Kampf um die Deutungshoheit über die Niederlage geht gerade erst los.

Was sind die Lehren für zukünftige Militärinterventionen, für die USA, für die NATO?

Einige sehen in Afghanistan gar ein „Debakel“ für „machtlose“ Europäer, ein Zeugnis der „strategischen Schwäche Europas“. Andere, und dazu gehören der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell und EU-Ratspräsident Charles Michel, fordern jetzt erst recht mehr europäische strategische Autonomie, mehr Handlungsfähigkeit.

Von beiden Seiten wird Afghanistan zum „Testfall“ stilisiert – zu Unrecht.

Eine 20 Jahre alte, ausgeuferte Mission, an der sich die europäischen Staaten ursprünglich hauptsächlich wegen ihres Verbündeten, den USA, beteiligt haben, im Rahmen der NATO, immer abhängig von US-Entscheidungen – eine solche Mission taugt nicht zum Testfall, um über die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union (EU) zu urteilen. Aber das ist noch kein Grund zur Beruhigung.

Für Europa stellen sich jetzt viele alte Fragen mit neuer Dringlichkeit: Wie sieht die transatlantische Zusammenarbeit und Arbeitsteilung in Zukunft aus? Was sind die Ziele und Grenzen europäischer Sicherheitspolitik? Welche Mittel braucht es dafür?

 © imagoDie unilaterale US-Entscheidung zum Abzug zeigt: Die USA machen ernst mit ihrem sogenannten „pivot to Asia“, der Fokusverschiebung hin zum pazifischen Raum. Unter US-Präsident Joe Biden werden die USA nationale Interessen enger definieren. Zwar werden sie – anders als unter seinem Vorgänger Donald Trump – weiterhin Europas engste Verbündete sein, zum Beispiel, wenn es darum geht, die regelbasierte internationale Ordnung gegen Revisionisten aus China oder Russland zu verteidigen.

Aber die USA werden eben nicht als Weltpolizist zur Verfügung stehen.

Für Europa bedeutet das, es muss sich verstärkt um die eigene Sicherheit kümmern, vor allem in der direkten Nachbarschaft.

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