Geopolitischer Nutznießer des Ukrainekriegs?: Kasachstan: Im Griff des Bären und des Drachen

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Die Schockwellen des Krieges sind nirgendwo stärker zu spüren als in den Nachfolgestaaten des Zarenreichs und der Sowjetunion. So auch in Kasachstan, das als Russlands enger Verbündeter gilt. Doch wie lange noch, daran gibt es neuerdings erste Zweifel. Svetlana Alexeeva über Kasachstans Dilemma.

Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew düpiert seinen russischen Kollegen und Bündnispartner Wladimir Putin. Dieses Urteil mancher Beobachter im Westen ist voreilig und gibt die Situation beim Internationalen Wirtschaftsforum SPIEF in Sankt Petersburg Mitte Juni kaum zutreffend wieder. Im Gegenteil war doch Tokajew, ein noch in Sowjetzeiten ausgebildeter Diplomat und späterer Generaldirektor des Genfer Büros der Vereinten Nationen, äußerst bedacht in seiner Wortwahl. Aus guten, völkerrechtlich relevanten Gründen erkenne sein Land weder Taiwan noch den Kosovo, Abchasien oder Südossetien an. "Und dieses Prinzip gilt offensichtlich auch für solche quasi- staatlichen Gebiete, wie Donezk und Luhansk es sind", sagte der kasachische Präsident auf einem gemeinsamen Podium mit Putin. Russlands Aggression in der Ukraine hat er mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn, den Krieg verurteilt.

Von einer ideologischen Abkehr gegenüber Moskau oder gar einer "Ohrfeige für Putin" kann zwar keine Rede sein. Dennoch galt das spontane Statement – wozu es ohne die vermeintliche Fangfrage der Kremlpropagandistin und Chefin des russischen Staatssenders RT Margarita Simonjan vermutlich gar nicht gekommen wäre – nicht nur Putin, der ein paar Meter weiter auf der Bühne saß, sondern auch der eigenen Bevölkerung sowie der internationalen Gemeinschaft. Tokajew, seit 2019 Präsident Kasachstans, steht vor zahlreichen innen- und außenpolitischen Herausforderungen. Die Mitgliedschaften in russisch dominierten Integrationsprojekten, wie der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) und der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS), werden zunehmend zur Last und bergen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine das Risiko eines Reputationsverlusts und von Sekundärsanktionen.

Die Folgen für ein in die Weltwirtschaft integriertes, exportorientiertes Land wie Kasachstan wären drastisch.

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