Geostrategische Implikationen: Neuer Drift der globalen Kräfteverhältnisse?

Durch den Krieg in der Ukraine steht die EU vor einer historisch einmaligen geostrategischen und ökonomischen Neuausrichtung. ThePioneer Expert Svetlana Alexeeva analysiert, welche staatlichen Akteure jetzt die Weltordnung neu mitbestimmen.

Ob Russlands Präsident Wladimir Putin den Angriff auf das Nachbarland Ukraine aus krankhafter Obsession, Angst vor dem eigenen Machtverlust und einem möglichen Regimewechsel nach 21 Jahren autoritär-reaktionärer Herrschaft oder aber dem Wunsch nach einem Stellvertreterkrieg auf dem ukrainischen Territorium mit dem „wahren“ Gegner Amerika heraus befahl, wir wissen es nicht genau.

Mitten in Europa herrscht ein veritabler Krieg, erstmals seit 1945. Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der internationalen Ordnung und eine Zäsur für die Weltwirtschaft.

Obgleich die Kriegsgräuel andauern, ist ein Blick aus der Distanz wichtig, um die großen geostrategischen Linien im Auge zu behalten.

Die internationale Ordnung ist nicht erst durch russische Invasion unter Druck

Fakt ist: Die gegenwärtige Weltordnung wurde nicht erst durch die russische Invasion erschüttert. Es ist der vorläufige Tiefpunkt einer längeren Entwicklung.

„Das Konzept einer wertebasierten und regelgestützten Weltordnung ist im globalen Maßstab gescheitert“, konstatiert Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Es werde von einer Reihe relevanter Akteure nicht akzeptiert. „Der tiefe Bruch damit durch Putins Angriff auf die Ukraine hat gezeigt, dass der Geltungsbereich dieser Ordnung tendenziell auf die westlichen Demokratien beschränkt ist“, so Münkler kürzlich im Handelsblatt-Podcast. China stehe dazu ebenso auf Distanz.

Eine ähnliche Meinung vertritt auch Nikolaj Petrow vom Russland- und Eurasien-Programm am Chatham House in London. Die Machtbalance sei mit dem Auftauchen neuer Machtzentren – China, Indien, Russland (im militärisch-politischen Sinn) – gekippt, so Petrow im unabhängigen Radiosender Echo Moskau kurz vor dessen Abschaltung durch russische Behörden.

Die bisherige Sicherheitsarchitektur sei nicht mehr zeitgemäß und hätte die militärische Eskalation leider nicht verhindern können.

vl.n.r.: Wladimir Putin, Präsident von Russland, Narendra Modi, Premierminister von Indien, und Xi Jinping, Präsident von China. © dpa

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