Europa erlebt derzeit den bedeutendsten wirtschaftspolitischen Wandel seit der Einführung des Euro. Nach Jahrzehnten der Haushaltsdisziplin, Globalisierung und Markteffizienz legen die Regierungen nun den Schwerpunkt auf strategische Autonomie, Industriepolitik und wirtschaftliche Sicherheit.
Das Ergebnis sind nicht nur höhere öffentliche Ausgaben, sondern auch eine Umschichtung von Kapital zugunsten der Bereiche Verteidigung, Energieinfrastruktur, fortschrittliche Fertigung, digitale Infrastruktur und kritische Technologien.
Osteuropa befindet sich angesichts dieses Wandels in einer ökonomisch interessanten Ausgangslage. Von Investoren wird die Region aber nur zögerlich entdeckt. Doch warum ausgerechnet Osteuropa? Diese fünf Punkte sollten Investoren auf dem Radar haben.
#1 Deutschland: Der Impulsgeber
Deutschland ist der Motor dieses Wandels. Europas größte Volkswirtschaft gründete ihren Erfolg nach dem Kalten Krieg auf drei Säulen: günstige Energie aus Russland, eine starke Exportnachfrage aus China und den Sicherheitsschirm der USA.
Dieses Modell ist zerbrochen. Während nach der russischen Invasion in der Ukraine zunächst Energiesicherheit und Sanktionen die dominierenden Themen waren, ist die politische Agenda inzwischen deutlich größer geworden. Der Fokus liegt heute auf dem Abbau strategischer Abhängigkeiten, der Stärkung der industriellen Widerstandsfähigkeit und dem Aufbau größerer technologischer Souveränität in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Cloud-Infrastruktur und Cybersicherheit.
Deutschland wendet sich dafür von der strengen Haushaltsdisziplin ab. Das Land setzt stattdessen auf höhere öffentliche Investitionen, die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit, die Stärkung der Energieversorgungssicherheit sowie die Förderung der industriellen Souveränität. Da Deutschland im Zentrum des europäischen industriellen Ökosystems steht, verändert sein Wandel die Investitionsprioritäten auf dem gesamten Kontinent.
Eine Infografik mit dem Titel: Immer mehr Geld für das Militär
Deutscher Verteidigungshaushalt*, in Milliarden Euro
#2 Osteuropa: Der prädestinierte Profiteur
Zu den Hauptnutznießern dürfte Osteuropa zählen. Produktionskapazitäten, technisches Know-how und qualifizierte sowie wettbewerbsfähige Arbeitskräfte machen das industrielle Ökosystem der Region zunehmend wertvoller. Dank seiner geografischen Lage und der EU-Fördermittel steht Osteuropa im Zentrum des strategischen Wandels des Kontinents.
Die Nähe zu Russland und der Ukraine hat die militärische Beschaffung beschleunigt. Gleichzeitig wird eine etablierte Produktionsbasis neu ausgerichtet, um jene Branchen zu unterstützen, die für Westeuropa mittlerweile als strategisch wichtig erachtet werden.
2026 dürfte für Mitteleuropa ein Jahr mit erheblichen Zuflüssen von EU-Mitteln werden, die auf drei wesentlichen Faktoren beruhen.
Erstens müssen die Mitgliedstaaten die Mittel aus der Aufbau- und Resilienzfazilität (Recovery and Resilience Facility, RRF) aus dem Corona-Wiederaufbaufonds NextGenerationEU bis zum Auslaufen des Programms vollständig einsetzen.
Zweitens dürfte die neue EU-Initiative Security Action for Europe (SAFE) mit der Auszahlung von Finanzmitteln für verteidigungsbezogene Investitionen beginnen.
Drittens nimmt die Ausschöpfung der Kohäsionsmittel aus dem Haushaltszeitraum 2021 bis 2027 zunehmend Fahrt auf.
Zusammengenommen dürften diese Programme den stärksten Impuls für öffentliche Investitionen in der Region seit Jahren liefern.
Über viele Jahre stützte sich das Investitionsargument für Osteuropa auf ein vertrautes makroökonomisches Szenario: Die Inflation würde zurückgehen, die Zentralbanken die Leitzinsen senken und Anleihen sowie Währungen entsprechend an Wert gewinnen. Heute wird die Entwicklung der Region zunehmend von strukturellen Investitionen geprägt.
#3 Polen: Der relevanteste Markt
Polen ist der wirtschaftliche Anker Osteuropas und das deutlichste Beispiel für diesen Wandel. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass Teile der europäischen Produktionskapazitäten schrittweise nach Osten verlagert werden – insbesondere in Branchen, in denen die Energiekosten, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die Nähe zu den entstehenden Lieferketten der Verteidigungsindustrie von besonderer Bedeutung sind. Polen ist gut positioniert, um von diesem Trend zu profitieren.
Eine Infografik mit dem Titel: Polnische Aktien: Es geht aufwärts
Entwicklung des Aktienindex MSCI Poland
Zugleich dürfte das Land einer der größten Nutznießer des europäischen Ausbaus der Verteidigungsfähigkeiten und der strategischen Industriepolitik bleiben. Dabei gelten die Mittel aus der RRF sowie aus der Initiative SAFE als die wichtigsten Finanzierungsquellen im Jahr 2026.
Obwohl die Europäische Kommission RRF-Mittel nur noch bis Ende dieses Jahres bereitstellen kann, dürfte Polen deren Einsatz über einen längeren Zeitraum strecken und die Mittel erst im Laufe des Jahres 2027 an die Begünstigten auszahlen.
#4 Ungarn: Der Neustart
Für Ungarn gilt: Sollten sich nach der Wahl von Péter Magyar die Beziehungen zur Europäischen Union verbessern, könnte die Freigabe der derzeit ausgesetzten EU-Mittel dazu führen, dass das Land zunehmend von makroökonomischer Stabilisierung geprägt ist. Dies dürfte die Risikoprämien für ungarische Staatsanleihen verringern und die Perspektiven für inländische Vermögenswerte verbessern.
Politische Entwicklungen könnten damit zu einem wichtigen Katalysator sowohl für die Renten- als auch für die Aktienmärkte werden. Sie würden das Wirtschaftswachstum fördern, den fiskalischen Druck mindern sowie die Liquidität des Bankensektors und die Devisenreserven erhöhen.
Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Brüssel, 29.05.2026 © Imago#5 Die kleineren Märkte
In den kleineren Schwellen- und Grenzmärkten der Region (zum Beispiel Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Serbien) zeichnen sich drei strukturell positive Faktoren ab.
Der erste ist die zunehmende politische Stabilität und Reformdynamik, die die Risiken verringert haben, welche internationale Investoren zuvor abgeschreckt hatten.
Der zweite Faktor ist der Wandel im Bankensektor. Zwar war der Inflationsschock von 2021 bis 2023 schmerzhaft. Er hat jedoch die Rentabilität der überwiegend einlagenfinanzierten Banken der Region grundlegend verbessert, indem er die Nettozinsmargen nach Jahren extrem niedriger Zinsen angehoben hat. Eine starke Kapitalausstattung, widerstandsfähige Erträge und die Aussicht auf eine steigende Kreditnachfrage im Zusammenhang mit Infrastrukturinvestitionen werden den Sektor voraussichtlich weiterhin stützen.
Der dritte Faktor ist der Umfang der EU-Finanzmittel. Die Zuweisungen aus dem RRF belaufen sich auf etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Griechenland, elf Prozent in Kroatien, rund sechs Prozent in Rumänien und etwa drei Prozent in Slowenien. Dies stellt im Verhältnis zur Größe dieser Volkswirtschaften ein außergewöhnliches Investitionspotenzial in den Bereichen Infrastruktur, Digitalisierung und Energiewende dar, mit dem weltweit nur wenige Regionen mithalten können.
Fazit
Die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte reichen weit über eine konjunkturelle Erholung hinaus. Europa hat sich zum Ziel gesetzt, Teile seiner industriellen Basis wieder aufzubauen, seine strategische Widerstandsfähigkeit zu stärken und in einem seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenen Ausmaß inländisches Kapital zu mobilisieren. Ost- und Südosteuropa stehen dabei im Mittelpunkt.
Anleger, die die Region weiterhin vorwiegend unter dem Gesichtspunkt von Inflation und Zinssätzen betrachten, laufen Gefahr, diese weitaus umfassendere strukturelle Entwicklung zu übersehen.
Hinweis: Diese Analyse dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Finanzberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.
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