Gastbeitrag von Joschka Fischer: Putins Krieg verändert die Europäische Union

 © The Pioneer

In Europa herrscht wieder Krieg. Welche Auswirkungen Putin mit seinem grundlosen und mutwilligen Angriffskrieg in Europa bewirkt, wo er sich verkalkuliert hat und wie die Europäische Union durch die Krise transformiert wurde. Eine Analyse von Ex-Außenminister Joschka Fischer.

Seit dem 24. Februar 2022 leben wir in einer anderen Welt. Mit dem militärischen Überfall Russlands auf das Nachbarland Ukraine hat der russische Herrscher ohne Grund die gesamte europäische Friedensordnung, ja wahrscheinlich weite Teile der Weltordnung, wie sie sich seit den frühen 90er Jahren entwickelt hat, mutwillig zerstört und die Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation zwischen der Nato und Russland heraufbeschworen.

Der Krieg ist zurück in Europa.

Eine europäische Großmacht greift ihren kleineren Nachbarn an, stellt dessen Existenzrecht in Frage und droht gar mit dem Einsatz von Kernwaffen.

Und wie immer in der ein für alle Mal überwunden geglaubten Vergangenheit des Kontinents besteht die Gefahr, dass sich aus einem europäischen Krieg schnell ein erneuter Weltenbrand, ein dritter Weltkrieg unter Einschluss von Kernwaffen entwickeln kann.

Es ist dies das europäische Trauma schlechthin – das Hegemonialstreben der Großmächte des alten Europa, verbunden mit der Nukleardrohung des Kalten Krieges –, das Wladimir Putin mit seinem Angriffskrieg wieder aktualisiert hat.

Tag für Tag sehen die Europäer im Fernsehen und in den sozialen Medien die Bombardierung und Zerstörung ganzer Städte, endlose Flüchtlingsströme haben nahezu alle europäischen Staaten und nicht nur die direkten Nachbarn der Ukraine erreicht und treffen dort auf große Hilfsbereitschaft.

Komplette Zerstörung in Kiew nach einem russischen Bombenangriff - solche Bilder gehen um die Welt.  © dpa

Putins Angriffskrieg bestimmt, zumindest mental, den Alltag der meisten Europäer, gleich ob sie in einem Mitgliedstaat der EU leben oder nicht.

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