Realpolitik neu denken lernen

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Wenn auch gezwungenermaßen und unfreiwillig, hat Deutschland seinen Blick auf die internationale Geopolitik ändern müssen. Nimmt es seine Führungsrolle in Europa nun endlich an? Diese und weitere Lektionen zur Macht, die der Ukrainekrieg erteilt hat, analysieren Dominik Meier und Christian Blum.

Der Überfall Russlands auf die Ukraine ist die große weltpolitische Zäsur unserer Zeit. Er hat nicht nur die Nato revitalisiert und dem Westen als geopolitischer Interessenformation eine neue, längst verloren geglaubte Einheit beschert – er hat auch eine 77-jährige Lebenslüge der deutschen Außen- und Geopolitik beendet. Das beherrschende Narrativ, alle zwischenstaatlichen Konflikte seien durch Scheckbuchdiplomatie und Verhandlungen auf der Grundlage ökonomischer Parameter lösbar, hat dem politischen Realitätscheck nicht standgehalten. In der deutschen Diplomatie erschöpften sich seit der Nachkriegszeit die Machtressourcen politischer Drohungen im Ausüben wirtschaftlichen Drucks. Der Einsatz militärischer Mittel als letzte Stufe einer kontinuierlichen Steigerung diplomatischer Drohpotenziale fand im Gegensatz zu den USA, Frankreich oder England hierzulande keinen Platz. Ein militärischer Einsatz war und ist für deutsche Diplomatie immer das ganz andere – eine außeralltägliche Situation, die unsere Politiker nicht am Verhandlungstisch ins Spiel bringen.

Pioneer Expert, Dominik Meier, Inhaber Miller & Meier Consulting
Pioneer Expert, Lehrbeauftragter Fachhochschule Darmstadt.
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