Gastbeitrag von Joseph E. Stiglitz: „Wird die Gier der Unternehmen die Pandemie verlängern?“

Joe Biden möchte die WTO-konformen Impf-Patente von Pfizer, Moderna und Co. vorübergehend aufheben, um im Kampf gegen das Corona-Virus schneller voranzukommen. Doch die Unternehmen sträuben sich, sie haben Angst um ihre Monopol-Stellung. Ökonom Joseph E. Stiglitz seziert ihre Argumente.

Der einzige Weg, die COVID-19-Pandemie zu beenden, besteht in der Immunisierung einer ausreichend großen Anzahl Menschen weltweit. Der Slogan „Keiner ist sicher, bis wir alle sicher sind“ trifft die epidemiologische Realität, vor der wir stehen, genau.

Ausbrüche egal wo auf der Welt könnten eine impfstoffresistente SARS-CoV-2-Variante hervorbringen und uns alle erneut in eine Form von Lockdown zwingen. Angesichts des Auftretens besorgniserregender neuer Mutationen in Indien, Brasilien, Südafrika, Großbritannien und anderswo ist das nicht bloß eine theoretische Gefahr.

Noch schlimmer ist, dass die Impfstoffproduktion derzeit nicht annähernd an die 10-15 Milliarden Dosen heranreicht, die gebraucht werden, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Bis Ende April waren weltweit lediglich 1,2 Milliarden Dosen produziert worden. In diesem Tempo werden hunderte Millionen Menschen in den Entwicklungsländern bis mindestens 2023 ohne Impfschutz bleiben.

Eine Infografik mit dem Titel: Die Impfungleichheit

Verabreichte Impfdosen pro 100 Einwohner nach Kontinenten

Es ist daher eine große Nachricht, dass die Regierung von US-Präsident Joe Biden erklärt hat, sie würde sich den 100 anderen Ländern anschließen, die eine COVID-19-bedingte Ausnahme von den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zum geistigen Eigentum anstreben, welche bisher die Monopolisierung der Impfstoffe ermöglicht haben. Zeitnahe Verhandlungen über eine WTO-Vereinbarung, die diese Barrieren vorübergehend aufhebt, würden Regierungen und Herstellern weltweit die nötige Rechtssicherheit verschaffen, um die Produktion von Impfstoffen, Medikamenten und Diagnostika auszuweiten.

Im vergangenen Herbst rekrutierte Ex-Präsident Donald Trump einige Verbündete unter den reichen Ländern, um Verhandlungen über eine derartige Regelaussetzung zu blockieren. Doch der Druck auf die Biden-Regierung, diese selbstzerstörerische Blockade aufzugeben, ist gewachsen. Unterstützung dafür kommt von 200 Nobelpreisträgern und ehemaligen Staats- und Regierungschefs, 110 Mitgliedern des US-Repräsentantenhauses, zehn US-Senatoren, 400 zivilgesellschaftlichen Gruppen in den USA , 400 europäischen Parlamentariern und vielen anderen erhalten.

Der Mangel an COVID-19-Impfstoffen in den Entwicklungsländern ist weitgehend durch die Bemühungen der Impfstoffhersteller bedingt, ihre Monopolkontrolle und Monopolgewinne zu bewahren. Pfizer und Moderna, die Hersteller der äußerst wirksamen mRNA-Vakzine, haben zahlreiche Ersuchen qualifizierter Pharmahersteller, die ihre Impfstoffe produzieren wollten, entweder abgelehnt oder nicht beantwortet. Und nicht ein einziger Impfstoffentwickler hat seine Technologien über den freiwilligen COVID-19 Technology Access Pool der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit den armen Ländern geteilt.

 © dpa

Jüngste Unternehmenszusagen, Vakzindosen an die COVAX-Fazilität zu liefern, die diese dann an die gefährdetsten Bevölkerungsgruppen in ärmeren Ländern weiterreicht, sind kein Ersatz. Diese Versprechen mögen das schlechte Gewissen der Arzneimittelunternehmen beruhigen, aber bewirken keine signifikante Vergrößerung des weltweiten Angebots.

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