Peter Henschel
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Deutsche Wirtschaft

Unternehmer: Sechs unbequeme Fragen

Warum Friedrich Merz an vielem, aber nicht an allem schuld ist.
Gabor Steingart
Heute

Die ehemalige Wirtschaftsweise Prof. Ulrike Malmendier sagte im Spiegel-Interview: „Der Zustand der Wirtschaft ist erschütternd.“ Nun ist Friedrich Merz an vielem schuld, aber nicht an allem. Deutschlands Unternehmer müssen sich angesichts einer solchen Analyse ebenfalls Fragen stellen lassen, auch solche der unbequemen Art:

Unbequeme Frage Nr. 1: Haben die Firmen einen leistungsfeindlichen Zeitgeist unterschätzt – und deshalb gewähren lassen?

Klar in der Sprache, hart in der Sache: So hat der Chef von JP Morgan, Jamie Dimon, bei einem Town-Hall-Meeting von Amerikas größter Investmentbank zu seiner Belegschaft gesprochen. Er griff frontal die Homeoffice-Regeln der eigenen Firma an und auch die Neigung, sich in Zoom-Meetings zu verstecken:

Seit Covid arbeite ich verdammt noch mal sieben Tage die Woche. Ich komme ins Büro – und wo sind alle anderen? Die einen sind hier, die anderen dort, die Zoomer tauchen gar nicht erst auf, und dann heißt es, Dinge seien nicht angekommen oder erledigt worden. So führt man kein großartiges Unternehmen.

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon in Paris, 15.05.2025 © Imago

Er hält die ganze Selbstbeschäftigung mit dem Handy, das Texten, Kommentieren und vermeintliche Lustig-Sein für einen Irrweg der modernen Arbeitswelt:

Wenn Sie mit mir in ein Meeting gehen, haben Sie meine volle Aufmerksamkeit und meinen vollen Fokus. Ich nehme mein verdammtes Handy nicht mit, ich schreibe niemandem Nachrichten – so funktioniert das einfach nicht. Für Kreativität funktioniert es nicht, und es verlangsamt die Entscheidungsfindung.

Das Homeoffice hält er für eine Verschwendung von Zeit und Geld.

Erzähl mir nicht diesen Quatsch, dass Homeoffice am Freitag funktioniert. Ich rufe freitags viele Leute an, und da ist keine verdammte Person erreichbar.

Er arbeite lieber mit weniger Leuten, dafür konzentriert:

Wenn ich eine Abteilung mit 100 Mitarbeitern leiten würde, garantiere ich Ihnen: Ich könnte sie auch mit 90 Leuten führen – und dabei sogar effizienter sein. Das könnte ich im Schlaf.

So denken auch Deutschlands Top-Manager und Unternehmer. Aber sprechen sie auch so klar mit ihrer Belegschaft?

Eine Infografik mit dem Titel: Deutsche Effizienz: Fehlanzeige

Entwicklung der Arbeitsproduktivität in spitzentechnologischen Industrien, gemessen als reale Bruttowertschöpfung je Beschäftigtem*

Unbequeme Frage Nr. 2: Europa wird gepredigt, aber wird es auch gelebt?

Der Kampf der Commerzbank um ihre Selbstständigkeit nötigt Respekt ab. Aber die umgekehrte Frage muss auch erlaubt sein: Welches deutsche Unternehmen traut sich, so wie Andrea Orcel von der Unicredit, eine aggressive pan-europäische Expansionsstrategie zu verfolgen?

Immerhin: Lufthansa übernahm Austrian Airlines, Brussels Airlines und Air Dolomiti und baute damit aus der einst deutschen Staatsfirma einen europäischen Carrier, der durch die Star Alliance mit United Airlines und Air India weltweit seine Geschäfte betreibt. Seit dem 17. Januar 2025 gehört auch ITA Airways offiziell zur Lufthansa Group. Carsten Spohrs Vorbild hätte nicht nur Applaus, sondern Nachahmer verdient.

Oder direkter gefragt: Wo ist die europäische Wachstumsstory von SAP, der Deutschen Bank und Telekom? Die Vollendung des Binnenmarktes ist nicht zuerst eine Sache der Politiker.

Unbequeme Frage Nr. 3: Wird mit den Gewerkschaften gerungen oder gekuschelt?

Die Bundes-SPD kann es nicht richten, wenn in den Aufsichtsräten der Dax-Konzerne mit den Spitzen von IG Metall und IG BCE geschmust wird. Es verwundert, mit welcher Gleichgültigkeit man es hinnimmt, dass das Stammwerk der BASF in Ludwigshafen seine Wettbewerbsfähigkeit verlor und die Firma heute eine vergleichbar große Anlage in China betreibt.

Andere Firma, gleiches Spiel: Durch eine jahrelange Kooperation, man kann auch sagen Kumpanei, haben es Vorstand, Betriebsrat und Aufsichtsrat von VW geschafft, das Stammwerk in Wolfsburg in die Unrentabilität zu treiben. Heute läuft das Werk mit Stückzahlen zwischen 500.000 und 600.000 Autos pro Jahr deutlich unterhalb seiner Kapazitätsgrenze von einer Million Fahrzeuge.

Eine Infografik mit dem Titel: Deutschland: Teures Wirtschaften

Arbeitskosten in der EU im Jahr 2025 im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich, je Stunde in Euro

Die meisten (und vor allem die rentablen) Autos im VW-Konzern werden anderswo in Europa produziert – unter anderem in Tschechien (Škoda), in Spanien (Cupra/VW) und in der Slowakei (Premium-SUVs und Passat). Die Stückzahlen des deutschen Ausstoßes werden im übrigen Europa um nahezu einhundert Prozent übertroffen.

Unbequeme Frage Nr. 4: Was wurde aus der Innovationskultur „Made in Germany“?

Nach dem Elektroauto (Tesla) und den neuen Medien (Meta, Alphabet) hat nun auch die Künstliche Intelligenz (Nvidia, Apple, Microsoft) in den USA das Licht der Welt erblickt. Tesla ist an der Börse mehr wert als die gesamte deutsche Autoindustrie. Alphabet macht mehr Gewinn als Bertelsmann Umsatz. Und bei der KI befasst sich Europa mit der Regulierung und Amerika mit dem Erfinden.

Eine Infografik mit dem Titel: Innovationsmuffel Deutschland

Gesamtzahl der Patentanmeldungen* aus China, den USA und Deutschland von 1980 bis 2023

Im Land von Gottlieb Daimler, Wernher von Braun, Robert Bosch, Konrad Zuse, Werner von Siemens und Fritz Henkel muss mehr erwartet werden. Oder deutlicher gesagt: Die Firmen sind zu stark mit der Weiterentwicklung des bereits Erfundenen beschäftigt. Echte Weltsensationen fehlen. Dabei sind hochleistungsfähige Speicherchips (die Voraussetzung für den KI-Einsatz) mittlerweile wertvoller als Öl.

Eine Infografik mit dem Titel: KI-Chips vs. Öl

Marktkapitalisierung ausgewählter Tech- und Ölkonzerne, in US-Dollar

Unbequeme Frage Nr. 5: Wo bleibt der Feuerschutz für die Wirtschaftsministerin?

Die Professoren Veronika Grimm, Lars Feld, Clemens Fuest und Gabriel Felbermayr äußern sich ähnlich deutlich wie Ulrike Malmendier. Deutschland ist nach Ansicht der Ökonomen ein Sanierungsfall.

Aber kaum wagt es eine Politikerin wie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die Zustände zu adressieren und sich der Sozialstaats-Expansion von Kanzler und Vizekanzler zu verweigern, ruht auf den Chefetagen still der See. Viele zustimmende SMS an sie, aber keine öffentliche Rückendeckung.

Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche, 09.05.2025 © Imago

Unbequeme Frage Nr. 6: Die führenden Köpfe der Wirtschaft haben beim Investitionsgipfel im Kanzleramt 631 Milliarden Euro zusätzliche Investitionen zugesagt. Und nun?

Den damals feierlich ernannten Investment-Officer Martin Blessing hat der Erdboden verschluckt. Wenn der Grund lautet: Wir würden gern investieren, aber können nicht, da der Standort seine Wettbewerbsfähigkeit verloren hat, dann muss der Kanzler das wissen.

Eine Infografik mit dem Titel: Deutschlands Nobelbilanz im Sinkflug

Anzahl der Deutschland zugerechneten Nobelpreisträger nach Verleihungsjahrzehnt, 1970er bis 2010er Jahre

Die Tatsache, dass sich die Wirtschaft für eine Zuversichts-Kampagne der Regierung hat einspannen lassen, wirft kein gutes Licht auf die Beteiligten. The business of business is doing business. Und nicht das Abstrahlen von Regierungspropaganda.

Deutsche CEOs und Mitglieder der Bundesregierung beim Investitionsgipfel „Made for Germany“ im Kanzleramt, 21.07.2025 © dpa

Fazit: Als grün schick war, ergrünten die Firmen. Als Diversity in Mode kam, zog man die Regenbogenflagge auf den Fahnenmast. Als Merz zum Investitionsgipfel rief, versprach man das Blaue vom Himmel. Irgendwas stimmt mit dem vielbeschworenen Corporate Citizen nicht. Sein Hals ist zu wendig und sein Rückgrat scheint aus Gummi.

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Veröffentlicht in Morning Briefing von Gabor Steingart.

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